»Bis Ulm kam ich also ohne Abenteuer,« erzählte er. »Dort auf der Herberge aber geriet ich in die Gesellschaft eines österreichischen Tischlers und eines bayerischen Zinngießers. Sie waren leichtes Blut, ihre Beutel noch leichter. Schon im Tal der Brenz verlegten sie sich aufs Fechten. Um jeden Verdacht einer Barschaft von mir abzulenken, tat ich mit. Ich spielte bald den Aufpasser gegen den Büttel, bald pochte ich selber an die Türen und sagte mit gezogenem Hut den Spruch: ›Es bittet ein armer Handwerksbursche um einen Zehrpfennig‹. Kannst du dir deinen Bruder Uli bettelnd vorstellen? Nun, ich bin dann doch als ein anständiger Mensch in Nürnberg eingewandert.

»In der Herberge fegte ich den Staub aus Haar und Kleid. Am Abend suchte ich Meister Melchior Finkler auf, der nahe am Wall in einer alten Gasse wohnt. Durch ein halboffenes Portal sah ich in einen kleinen, wohlgepflegten Garten. Im Hintergrund stand er selber ruhsam unter der Tür, in weißem, lockigem Haar und Vollbart, das Pfeifchen im Mundwinkel, das buntbestickte Sammetkäppchen über die hohe Stirn zurückgeschoben, die Daumen zu beiden Seiten des Schurzfelles eingesteckt. Je näher ich kam, desto besser gefiel mir der breite, stattliche Mann. Als ich ihm den Brief des Vaters überreichte, empfing er mich mit großem Wohlwollen, ebenso die Frau Meisterin und die beiden Töchter. Nur von dem Kämmerlein, das man mir anwies, war ich enttäuscht. Es ist ein Gelaß unter dem Dach, durch dessen Luken ich die Sterne wandern sehe. Doch geht es ja dem Sommer entgegen.

»Bereits bin ich an unsern Werktag gewöhnt. Und meine Arbeit freut mich. Melchior Finkler ist in Nürnberg der angesehenste Messerschmied, besonders bekannt für chirurgische Instrumente. Zum Neid einiger älteren Gesellen bin ich in dieser Abteilung beschäftigt und freue mich darüber, obgleich die Werkzeuge, die mir während des Entstehens durch die Hände gehen, genug an menschliche Not und Krankheit erinnern. Die trüben Gedanken aber, die sich daran knüpfen könnten, verscheuche ich am besten in den Plauderstunden mit meinem einzigen Freund, dem Mitgesellen Janos Szedesky, einem Ungarn. Um sieben Uhr läutet die Glocke zum Frühstück. Es besteht aus Haferbrei und einem großen Stück Brot. Bis zum Mittagessen arbeiten wir durch. Da gibt es gut und genug. Die Meistersleute sind würdige, gutmütige Menschen, doch verknöchert und erstarrt in ihren Ansichten, die Töchter Margret und Emmeline, von Stadt und Welt abgeschieden aufgewachsen, haben schon einen Stich ins Altjüngferliche. Ohne je von einem jungen Manne beachtet worden zu sein oder die Spur einer Liebe erlebt zu haben, müssen sie einmal recht hübsch gewesen sein. Noch jetzt haben sie rote Wangen, glänzende Augen, stattliche Zöpfe, Emmeline sogar ein Grübchen im Kinn, und wenn beide auch ganz im Hauswesen aufgehen, so besitzen sie doch Vorzüge. Vom Morgen bis zum Abend stillfroh tätig, sind sie rührend höflich und dienstfertig gegen die Eltern, unter sich und gegen jedermann.

»Mit den Eltern, die mich gern wie einen Sohn im engern Kreise halten möchten, bilden sie die Umgebung, in der ich meine Abende, Sonn- und Feiertage verbringe, allerdings manchmal mit einem tiefen Heimweh nach dem Rhein.

»Die Töchter sind dankbar, wenn ich ihnen aus der Heimat erzähle, und irgendwoher wissen sie, daß auf den Alpen der Schweiz gejodelt wird. Nun soll auch ich jodeln! Und zuweilen singe ich in meiner luftigen Kammer ein Volkslied von daheim und einen Reigen dazu, freilich nicht gerade aus voller Brust, denn ums Singen ist mir nicht, wenn ich an Monika denke.«

Hier stutzte die einsame Leserin, und ein Seufzer ging über ihre Lippen. Aber sie war gleich wieder bei dem Brief.

»Nun jodeln heimlich auch die Mädchen,« fuhr Uli fort, »sie tun es wie Kanarienvögel, die nicht recht zu singen wagen. Den Eltern aber ist es unheimlich, daß durch mich ein so leichtsinniger Geist ins Haus gefahren ist. Auch sonst geht seit meiner Anwesenheit eine merkbare Veränderung mit den Mädchen vor, sie werden lebhafter, sie besinnen sich plötzlich, daß sie Augen haben zu sehen, Ohren zu hören. So wenn wir am Sonntag gegen Abend den Spaziergang um das Tor machen, wie die Nürnberger ihre gesamte Stadtumwallung mit Mauern und Türmen nennen. Bisher ließ sich die Familie auf dem Spaziergang fast nur von der hochwichtigen Frage des Grüßens bewegen: wen, wie stark und ob man den Bekannten so und so die Ehre des Stillstehens erweisen wolle oder nicht. Vor Grüßen, Gegrüßtwerden, Vor- und Nachbetrachtungen über die Grüße haben die Leute gar keine Zeit, sich ein wenig an der Stadt zu freuen. Ich aber finde meine Kurzweil in der Betrachtung der grauen runden Türme, der Wehrgänge mit ihren Dächern, des vielen blühenden Grüns und der hübschen Gärtchen in den Gräben. Meine Art gefällt den Mädchen. Auch sie fangen nun an zu beobachten, haben Teilnahme für vieles Schöne und genießen in der eigenen Heimat Entdeckerfreuden wie Schulkinder. Am Samstag schmieden sie Pläne für den Sonntag, in aller Schüchternheit vertreten sie ihre Wünsche vor den Eltern, und ich erlebe nun mit ihnen die Freuden eines Forschers, bald in der Stadt selber, bald draußen vor den Toren. Die Eltern aber fallen über unsere Gänge von einer Verwunderung in die andere, ich komme ihnen unheimlich wie ein Zauberer vor, daß ich die bisher wunschlosen Töchter in so neugierige Menschenkinder habe umwandeln können.

»Ja, liebe Marie, was es in Nürnberg Herrliches zu sehen gibt! Da ist die Lorenzokirche. Am Portal geraten die kunstvollen Steinbilder fast ins Handgemenge, und im Innern steht der ›gegossene Stein‹, ein zierliches, schlankes Sakramentshäuschen, so wunderbar, daß die Sage entstanden ist, die alten Meister hätten die Steine nicht gemeißelt, sondern die geheimnisvolle Kraft besessen, sie weich zu machen und in Formen zu gießen. In der Nähe der Kirche ist der Jugendbrunnen. Für mich sind die sieben nackten Mädchengestalten, aus deren Brüsten die Wasserstrahlen springen, lustig anzusehen; meine Begleiterinnen aber wenden jedesmal schamvoll den Kopf hinweg, sprechen von etwas anderem und drängen gegen die Pegnitz hinunter. Da gewähren das Flüßchen, die hölzernen Stege, die gemauerten Brücken, die Gerbereien und sonngebräunten Holzhäuser mit den vielen sich in der Luft schneidenden Giebeln ein sehr schönes Bild, und mehr noch, was jenseits der Brücken liegt: der Markt, das Rathaus, die Sebalduskirche, die Burg.

»Doch nein, ich kann dir nicht alles schildern. Häufig muß ich auf meinen Wanderungen an einen Mann aus unserer Jugend denken, an Doktor von Jaberg. Wie hat er mir auf seinen Forschungen am Rhein für so vieles am Weg die Augen geöffnet! Das merke ich hier und glaube den Schwestern Finkler kein schlechter Führer durch ihre Heimatstadt zu sein.

»Ich stieg mit ihnen auf die Burg, die uralt und gewaltig auf die Stadt hinschaut, und wir traten in das düstere Gefängnis, in dem die eiserne Jungfrau aufgestellt ist. Ich studierte lange an einer lateinischen Inschrift herum: Atris patratis sunt atra theatra parata. Mit meinem Latein aus Konstanz brachte ich unter einigem Zögern den Sinn heraus: ›Für dunkle Taten sind dunkle Bühnen bereit.‹ Seit dieser kleinen Übersetzung halten mich Margret und Emmeline für den gescheitesten Menschen, der in Nürnberg herumläuft.