»Wir haben auch schon einen Ausflug über die Stadt hinaus gemacht, hinaus ins Knoblauchland. Da liegt der Dutzendteich, ein großer, dunkler Weiher mit ärmlichen Schwarzföhren im Hintergrund. An den Wassern fanden wir einen Mietkahn. Den Schrecken hättest du sehen sollen, als ich sie einsteigen ließ, die Seligkeit, als das Boot unter meinen Ruderschlägen dahinglitt und ich für sie Seerosen pflückte. Sie bekamen vor Freude purpurne Wangen, Emmeline, die mir überhaupt näher steht, war fast schön. Einmal über das andere rief sie: ›Gott, wie herrlich ist das Leben! Warum haben wir es so lange verträumt und verschlafen!‹ Am Montag fand ich einen Strauß Rosen in der Dachkammer. Es war ihr Dank.

»Und nun, liebe Marie, hast du vielleicht schon etwas gemerkt. Gott sei's geklagt: beide Schwestern Finkler sind mir gewogener, als ich wünsche, schmücken sich heimlich ein wenig für mich und geben mir jede auf ihre Art ihre Verliebtheit zu verstehen – Emmeline durch schüchterne Begegnungen in der Stadt, Margret, indem sie mir im stillen stets etwas von den Leckerbissen zusteckt, welche die Meistersfamilie hinter dem Rücken der Gesellen verzehrt.

»Und die Eltern? Sie schauen dem veränderten Wesen ihrer Töchter mit großer Überraschung zu. Aus den freundlichen Worten, mit denen Meister Finkler oft von unserm Vater spricht, und aus der feinen Arbeit, die er mir zuweist, schließe ich, daß ich ihm als Schwiegersohn willkommen wäre. Er denkt wohl, daß das vortrefflich eingerichtete Atelier einen genügenden Ausgleich gegen den Altersunterschied von fünf bis sieben Jahren bildete, der zwischen den Töchtern und mir besteht. Die Zurückhaltung aber, die ich sowohl gegen Margret wie Emmeline übe, legt er sich vielleicht dahin aus, daß ich selber noch unsicher sei, welche von beiden mir besser gefalle. Daß ich aber von keiner etwas wissen will, das ahnt er in seinem ebenso großen wie verhaltenen Handwerkerstolz nicht.

»In der Tat kümmere ich mich, seit ich von Monika Tappoli den Nasenstüber erhalten habe, um die Weiblichkeit nicht mehr, sondern lasse es mir an der Freundschaft mit Janos Szedesky, meinem Nebenarbeiter, genügen. Doch über den lieben, guten Menschen später einmal. Mein Brief ist ja wahrhaftig schon recht lang geworden!« –

Bewegt legte Nick den Brief zur Seite, und ehe sie es sich versah, hatte sie schon das zweite Schreiben Ulrichs in der Hand:

»Die beiden Fräulein Finkler sind stets gleich lieb und gütig zu mir. Ich aber habe gegen sie ein schlechtes Gewissen, denn ich werde niemals eine von ihnen beglücken. Ich will einmal etwas Junges, – alt wird man von selber. Auf den Gedanken geriet ich durch ein Mädchen, das mir kürzlich auf dem Henkersteg begegnet ist. Ich merkte gleich, daß Nick Tappoli doch nicht alles in meiner Seele totgeschlagen hat, was das Weibliche betrifft. Das Mädchen ist hübsch schlank, hat ungemein weiches, blondrotes Haar, ein Gesicht wie Pfirsichblust und braune, strahlende Augen, dazu etwas so Einfaches und Anheimelndes, als käme sie aus unserer Heimat. Indessen ist Kätchen Dormann eine Lehrerstochter aus einem Nachbardorf von Nürnberg. Sonst weiß ich von ihr bloß, daß sie jeden Mittwoch und Samstag in die Stadt kommt, um Einkäufe zu besorgen. Gesprochen habe ich sie noch nie; aber es ist meine Erholung, daß ich ihr an diesen Tagen über den Weg laufe und den Hut vor ihr lüfte. Ich habe den Eindruck, sie mag es leiden; sie sieht mich jedesmal neugierig an und nickt ein bißchen. Gerade dieses stille Sichverstehen gefällt mir, ich werde noch lange warten, bis ich ein Wort an sie richte. Wenn aber die Fräulein Finkler um dieses Spiel wüßten, wie wären sie totunglücklich!

»Wie ich dir schon früher schrieb, hab' ich hier nur einen Vertrauten unter den auf meine Arbeit neidischen Gesellen Janos Szedesky, und wir sind so gute Freunde, daß einer vom andern alles weiß, auch die kleinen Liebesangelegenheiten. Er ist ein wenig älter als ich, hat auch schon mehr Welt gesehen, und ich lasse mich von ihm in vielen Dingen beraten. Du solltest mal den Mann sehen, seine vornehme Beweglichkeit, die sprühenden Augen, das edle Gesicht, den schwarzglänzenden, in nadelfeine Spitzen gezogenen Schnurrbart. Er ist um den halben Kopf kleiner als ich, von fast zierlicher Gestalt und voll ungarischen Heimatstolzes. Am Sonntag kleidet er sich wie in seinem Land, den Rock über die Brust mit Kordeln verschnürt, statt der Knöpfe schimmernde Maria-Theresia-Taler. Er sieht dann aus wie ein Baron, und alle Mädchen schielen nach ihm. Nun, er darf auftreten. Er kommt aus einem guten Haus, sein Vater besitzt eine kleine, gutgehende mechanische Werkstatt in Debreczin, und er selber arbeitet in Deutschland nur, damit er später die väterliche Unternehmung erweitern und in die Höhe bringen kann. Schon im nächsten Frühling will er sich wieder heimwärts wenden. Scheinbar immer fröhlich, hat er im Untergrund doch einen schönen Lebensernst, und wie gerne er mit Mädchen scherzt, vergißt er nie, daß daheim eine Jugendfreundin auf ihn wartet.

»Seit meiner Knabenfreundschaft mit Gerold von Jaberg habe ich nie wieder einen Kameraden so geliebt wie Janos Szedesky. Wir mögen in den freien Stunden nicht ohne einander sein. Er ist musikalisch, spielt die Laute wie ein Künstler, und am Abend lerne ich es von ihm. An den Sonntagen aber wandern wir hinaus in die Dörfer, ja bis in die hübschen Täler der fränkischen Schweiz, sind überall wohlgelittene Gäste und verleben miteinander eine wunderschöne Sommerszeit. Die Schwestern Finkler aber hassen ihn, weil ich jetzt häufiger mit ihm als mit ihnen ausgehe, sie würden ihn am liebsten aus Haus und Werkstatt vertreiben; doch ist der Meister zu klug, sich einen so guten Gesellen zu verscherzen. Wie komme ich nun wohl weiter mit den beiden zurecht? Und mit Kätchen Dormann?« –

Familienangelegenheiten, die noch in dem Brief standen, überschlug Nick und suchte mit etwas hastenden Fingern die Antwort auf diese Fragen in seinem letzten, knapp vor der Weihnacht geschriebenen Brief.