»Das Scheiden von Nürnberg liegt leider in der Luft,« schrieb er. »Je mehr ich mit Janos ging, desto mehr hoffte ich, die Meisterstöchterlein würden von ihrer Verliebtheit geheilt. Umsonst! Sie haben miteinander das Dach meiner Kammer so ausgestopft und ausgefüttert, daß ich auch im Winter darin nicht friere. Halb bemitleidete ich die närrischen, gütigen Geschöpfe, halb lächerte mich ihr Wettkampf. Die Eltern gaben mir durch stumme Blicke den Wink, es sei jetzt Zeit, daß ich mich für eine von ihnen entscheide. Margret verlor die Geduld, sie wurde gegen mich wortkarg und ausfällig, Emmeline, die noch hoffte, stets zuvorkommender. Schon stand die Stadt im ersten Schnee, und beim ›Schönen Brunnen‹ verkauften die Marktweiber allerlei Wintergrün. Sie hängte mir als Überraschung für den Sankt Nikolaustag Tannreiser, Tannzapfen, Mistelbüsche mit weißen Beeren und rotbackige Äpfel an die Decke der Kammer. Nun stieß aber Margret dazu; unter den Schwestern, die sich sonst in Gehorsam, Sanftmut und Ergebenheit überboten, kam es zu heftigem Auftritt, wohl dem ersten in ihrem Leben. Margret schrie: ›Du hast ihn mir abspenstig gemacht!‹ Sie ging auf Emmeline los, als wolle sie mit ihr handgemein werden, und hochatmend standen die beiden in einer Ecke, als die Meistersleute und ich dem Lärm nacheilten. Die Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ›Das müssen wir an unsern Töchtern erleben!‹ Finkler verlor die Würde und fluchte und tobte gegen mich: ›An allem sind Sie schuld, Ulrich! Bekennen Sie endlich, welche gilt, Margret oder Emmeline?‹

»Ich fiel schier an die Wand. ›Drunten in der Stube wollen wir den Streit austragen, Herr Finkler,‹ stotterte ich. So geschah's. Ich sprach von den vielen Wohltaten, die ich in seiner Familie genossen habe, von der hohen Achtung, die ich für die Herzensgüte und die häuslichen Tugenden der Töchter hege, – ›aber‹, fügte ich an Monika Tappoli denkend hinzu, ›mein Herz ist bereits vergeben, ich habe eine Liebe in der Heimat zurückgelassen.‹ Melchior Finkler wurde kreidebleich. ›Und meine Töchter?‹ fragte er. ›Sie, Ulrich, würden doch einmal Haus und Atelier erben.‹ Er merkte aber, daß ich damit nicht zu bestechen war, zitternd vor Zorn kündigte er mir schon auf den Morgen die Stelle und sagte mir noch einiges Derbe über die Hinterhältigkeit, mit der ich in seine Familie getreten sei.

»Ich ging, meine Werkzeuge zusammenzulegen, und erzählte Szedesky, daß ich wandern werde. Da antwortete er: ›Teremtete! Wir wollen zusammenbleiben, Freund Schweizer, ich kündige die Stelle auch. Schreibe mir ein Wort, und in vierzehn Tagen bin ich, wo du bist!‹ Seine Kündigung brachte Meister Finkler außer Rand und Band. ›Seid Ihr alle verrückt?‹ schrie er. Als ich mich am Morgen verabschieden wollte, versetzte er bedrückt: ›Gehen Sie in Ihre Kammer und ziehen Sie wieder den Werktag an. Ich kann weder Sie noch Szedesky entlassen und will den Reißausteufel in meiner Werkstatt nicht. Von jetzt an sind Sie in Ihrer Abteilung Vorarbeiter!‹

»Ich könnte also mit der Abklärung, die mein Verhältnis zu den Meistersleuten gefunden hat, zufrieden sein, aber am Tisch sitz' ich wie in einen Schraubstock gezwängt. In den Augen der Frau stehen die stummen Vorwürfe, und die Töchter benehmen sich wieder so einträchtig, so dienstfertig, so hoffnungslos und gottergeben wie damals, als ich ins Haus trat, – arme Blumen, die das Blühen verlernt haben, weil doch nie ein liebendes Auge auf sie blickt. Gegen mich sind sie vollkommen scheu. Sie tun mir leid, ohne daß ich ihnen helfen kann. Deswegen stehen meine Sinne stets auf Wanderschaft, nur nicht gerade jetzt. Der Sturm umzuckert manchmal vom Abend zum Morgen die Stadt mit Schnee, daß ich nicht mehr weiß, ist es Nürnberg oder ein Märchen.

»Auch von Kätchen Dormann, von der ich dir einmal geschrieben habe, kann ich ruhig scheiden, ja sogar mit einer schönen Erinnerung. Sie trug eines Abends an ihren Einkäufen recht schwer. Ich anerbot mich, ihr den Korb abzunehmen. Etwas zögernd erlaubte sie es. ›Nur über die Stadt hinaus,‹ sagte sie, ›dann kommt mir aus meinem Heimatdorf ein junger Mann entgegen.‹ Ihr Erröten verriet das weitere, aber auf dem Wege verwickelten wir uns in ein Gespräch, als ob wir uns seit Jahren kennten. Sie erzählte von ihrem Freund. ›Ich habe ihm von Ihnen gesprochen. Weit davon, eifersüchtig zu werden, freute er sich, daß ich auch noch einem andern gefalle als ihm, und äußerte den Wunsch, Sie einmal zu sehen. Nun können Sie sich ja guten Abend sagen!‹

»Ich lernte in ihm einen jungen Bauern kennen, der mir achtungsvoll begegnete und mich vieles aus unserer Heimat fragte. Er und Kätchen sind wie für einander geschaffen, und es wäre ein großes Unrecht, da auch nur mit einem Gedanken stören zu wollen. Nun ist das Paar öffentlich verlobt, und wenn ich Kätchen in der Stadt sehe, so lacht mir selber das Herz über dem innigen Glück, das ihr in den Augen steht. Auch ihren Bräutigam habe ich schon ein paarmal wieder begegnet, mit ihm und Szedesky schöne Stunden verbracht, und wir haben dem Paar versprochen, daß wir, ehe wir scheiden, es einmal mit unsern Lauten auf seinem Dorf besuchen und ihm Schweizer und ungarische Volkslieder vorsingen werden.

»Möchte jeder Liebestraum, der keine Wahrheit werden kann, so schön zerrinnen wie der meine von Kätchen Dormann! Ich spüre, es ist mehr Glück als Schmerz dabei. Frei werde ich im Frühling mit Janos von Nürnberg scheiden. Frei? – Nein, liebe Schwester. Ich muß noch so häufig an die Nick denken. Oft meine ich, ich hätte die Liebe zu ihr überwunden und begraben, aber plötzlich wallt das Weh um sie wieder in mir auf, brennt wie Feuer, und ich kann es so wenig fassen wie bei meinem Abschied von daheim, daß sie mir verloren sein soll!« –

Nick drängten sich die Tränen in die Augen, die klare Schrift Ulis verschwamm ihr vor den Blicken. Mühsam las sie weiter: »Im übrigen alle Achtung vor Nick! Es gefällt mir, daß sie sich nicht von ihrem Schwager Bürsteler durchfüttern läßt, sondern den Kampf mit dem Leben aufnimmt. Das ist tapfer und bezeugt, daß sie den Stolz nicht nur im Kopf, sondern auch in der Seele hat. Doch wozu so viel von ihr schreiben? – Da ziehen ja in meinen Träumen nur die Jugendtage am Rhein wieder herauf, und ich muß fast heulen vor Heimweh. Manchmal kommt es mir wie ein Trost vor, daß sie zu dir von einer Notlüge gesprochen hat, es ist mir dann, ich müßte, wenn ich einmal heimkehre, doch noch ein ernstes Wort mit ihr reden. Ich habe aber auch meinen Stolz, und in manchen Stunden denke ich: Nein, ein zweites Mal will ich von ihr nicht abgewiesen werden; es ist wohl klüger, ich frage sie nicht wieder.«

Nick ließ den Brief sinken und sprang empor. »Uli, wie kannst du so denken!« rief sie. »Ich habe dich ja lieb und immer lieber!«

Seine Briefe hatten sein liebes Bild neu in ihr erwachen lassen. Es schien ihr urgesund, wie er über Menschen und Dinge urteilte. Er war ein Mann, der mit hellen Augen vorwärts kam, und plötzlich sah sie ihn wie leibhaftig vor sich: groß, frisch, straff und in den Kleidern wohlgetan. Was Wunder, wenn sich die Mädchen in seine forschenden Kinderaugen verschauten! Gottlob, in Nürnberg waren seine weiblichen Erlebnisse harmlos abgelaufen. Konnte das aber nicht von einem Tag zum folgenden anders werden?