Da kamen von den Türmen der Stadt mächtig und feierlich die Klänge der Neujahrsglocken und rissen sie aus ihren Gedanken empor. Von der Straße tönten jubelnde Stimmen zu ihr herauf, Frau Gugolz pochte an ihre Tür und reichte ihr die Hand: »Ein gesegnetes 1867, Fräulein!« Nick erwiderte ihre Glückwünsche. Als die Hauswirtin gegangen war, öffnete sie in starker Bewegung das Fenster, schaute hinauf zum Sternenhimmel und hielt in sich selber Andacht. »Lieber Gott,« betete sie, »erhalte mir meinen Uli. Gib mir die Kraft, daß ich meinen törichten Stolz besiege und mein Herz dem seinen in einem Brief offenbaren kann.«

Freudige Raketen stiegen aus den Gassen in die dunkle Nacht, frohe Lieder tönten von fernher, und jede Seele hoffte, daß ihr das Jahr ein besonderes Glück bringe.

Bald aber herrschte wieder der Alltag. Nick stand am Ladentisch des Weißwarengeschäftes Wasmer in altertümlicher Gasse, und in die Einförmigkeit ihres Lebens fiel als einzige Abwechslung, daß ihr Marie um die Fastnachtszeit wieder einen Brief Ulrichs zeigte, diesmal aus Heidelberg.

Er meldete seinen Auszug aus Nürnberg und von fröhlicher Kreuz- und Querfahrt mit Janos Szedesky durch die deutschen Lande. Dörfer, Schlösser, Städte schilderte er und das Treiben der Menschen. Nach dem Lied »Andre Städtchen, andre Mädchen« lebte er mit dem Ungarn. Doch das gehörte wohl zu frischen, jungen Männern von Ulrichs Schlag, und solange einer über die kurzweiligen Abenteuer so frei und froh wie er an die Schwester schrieb, war wohl für die tiefere Herzensliebe keine Gefahr.

Nun aber wandten sich die Freunde von Heidelberg nach dem Rhein. Von den Rheinländerinnen jedoch hatte Nick schon genug gehört: wie schön sie seien mit ihren blonden Zöpfen und blauen Augen, wie lieb und zutunlich, wenn ihnen ein Bursche gefiel, – so lieb, daß mancher sein Lebtag den Heimweg nicht wieder gefunden habe. Wenn nun auch Uli sein Herz am grünen Strom verlor?

Zu manchen Stunden überfiel sie eine gewaltige Angst um ihn. Sie mußte ihm schreiben.


12

Auf ihrer Frühligsfahrt waren Ulrich und Janos nach Mainz gelangt, und schon bei der ersten Umschau hatten sie Stellung gefunden. Es war in der altbekannten Instrumentenfabrik Appelius Vater und Sohn, die damals etwa dreißig Arbeiter beschäftigte und sich durch die Tatkraft des jüngeren Herrn in schönem Aufschwung befand. Nicht nur von deutschen, sondern auch von ausländischen Ärzten, Kliniken und Hospitälern liefen die Bestellungen ein. Die eben zugewanderten Mechaniker erhielten feine, fast künstlerische Arbeit, wie sie ihren Fähigkeiten entsprach, gute Löhne und sogar hohe für die Überstunden, die sie Abend um Abend leisteten. Vom Montag früh bis am Samstag spät standen sie am Schraubstock, am Sonntag aber verwandelten sich die bescheidenen Schmiede vom Werktag in wohlausgerüstete junge Herren. Wo das Paar hinkam, durfte es sich blicken lassen: Szedesky in seiner geschmeidigen Tracht, Ulrich im gut bürgerlichen Kleid, den Gedenkring des Rheinfahrvereins von Eglisau am Finger. In ihrer Lebensführung weder knauserig noch verschwenderisch, machten sie ihre Entdeckungsfahrten durch die Stadt oder noch lieber hinaus auf das Land, hinauf und hinunter am Rhein. Sie lebten wie die Vögel im grünen Wald, und allerlei harmlose Eroberungen fielen ihnen leicht. Schon die Gegensätzlichkeit ihrer Erscheinung lenkte die Aufmerksamkeit der Mädchen auf sie: den blonden, hochgewachsenen Schweizer mit dem urdeutschen Gesicht und den zierlichen, dunkeln Ungarn, den sie meistens für einen Franzosen hielten. Wie gern sich aber die beiden Freunde am Sonntag mit ein paar lachenden Rheinländerinnen im Tanze drehten und wieviel junge Freude ihnen blühen mochte, – am Montag früh waren sie mit klaren Köpfen an der Arbeit.