Schon im Mai erkannte Appelius die Tüchtigkeit Ulrichs dadurch an, daß er ihn als ersten Vorarbeiter in eine neugeschaffene Abteilung des Geschäftshauses stellte, und für Szedesky hatte er einen ähnlichen Plan. Als er ihm aber davon sprach, erwiderte der Ungar, daß er höchstens noch einige Wochen in Mainz bleiben könne. Sein Vater, der selbst eine aufblühende kleine Fabrik besitze, rufe ihn dringlich in die Heimat zurück. »Das tut mir aber leid,« versetzte der betriebsame Geschäftsherr und beriet sich nun mit Junghans. »Wir haben auf der Weltausstellung in Paris eine Sammlung unserer Werkzeuge dargelegt und rechnen darauf, daß sie uns rasch neue große Bestellungen einträgt. Könnten wir wohl aus der Schweiz noch ein paar Arbeiter beziehen, die durch eine ebenso vorzügliche Lehre gegangen sind wie Sie? Auch möchte ich mich jetzt schon nach einer reifen Kraft umsehen, die mir einmal Szedesky ersetzt.«

Ulrich sprach von seinem Bruder Friedrich. »Indessen ist er der ältere und wird nur in eine Stelle eintreten wollen, die wenigstens so gut wie die meine ist.«

Appelius strich sich den Spitzbart, sann und sagte: »Schreiben Sie Ihrem Bruder doch, daß er komme. Ich werde ihn gut unterbringen!«

Ulrich wandte sich mit dem Anliegen zuerst an den Vater, fügte dem Briefe eine Wertsendung bei, die aus seinen Ersparnissen in Mainz bestand, und bat die Eltern, nach Belieben über das Geld zu verfügen; er werde den Abgang für sich selber bald wieder ersetzt haben. Nach mehr als einer Woche kam die Antwort des Vaters, daß er sich mit Friedrich besprochen habe und beide mit dem Vorschlag einverstanden seien. Durch den Brief klang ein verhaltener Stolz auf seine lebenstüchtigen Söhne, auch von Marie schrieb er freudig, wie sie von ihren Gästen geachtet sei und sich eine hübsche Aussteuer verdiene; so liege auf der Familie offenbar der Segen der Arbeit und treuen Zusammenhaltens, und er dürfe mit der Mutter in ein schönes Alter hineinblicken. Der Brief ergriff Ulrich. Ja, daß den Eltern ein sorgenloses, lichtes Alter beschieden sei, dazu wollte er nach Kräften helfen!

Es dauerte aber noch drei Wochen, bis Friedrich seine Kündigung ausgedient hatte und hergereist war. In dieser Zeit wußte Ulrich nicht: war seine Freude größer, daß der Bruder kam, oder der Schmerz darüber, daß er seinen Freund Janos verlieren sollte. Er mochte aber nicht in den Getreuen dringen, daß er bleibe. Wenn der Freund die Laute schlug, so spürte er aus den sehnsüchtigen Melodien der Zigeunermusik, wie sehr sich Szedesky heim in seine Pußten sehnte. Niemand konnte vom Vaterland so schön und feurig sprechen wie er. Am liebsten hätte er Ulrich dorthin mitgenommen, um ihm die Reize der Donaulandschaften zu zeigen, von denen er behauptete, sie seien noch herrlicher als die Ufer des Rheins. Indessen war es ja schon Friedrichs wegen undenkbar, daß Ulrich jetzt Mainz verließ, aber das Versprechen mußte er Janos geben, daß auch er im Laufe der nächsten Jahre einmal nach Ungarn kommen und dort sein Gast sein werde. »Noch lieber mein Mitleiter in der väterlichen Fabrik!« rief Szedesky. Und je näher der Scheidetag kam, desto mehr spürten sie die Stärke ihrer Freundschaft.

Da machten sie, zunächst jeder für sich, in Dingen der Weiblichkeit Entdeckungen, Ulrich nämlich diejenige, daß in dem Haus, in dem sie Quartier hatten, zwei der lieblichsten Mädchen der Stadt Mainz wohnten. Es waren die Töchter des Hausbesitzers Alwin Römer, der den ersten Stock innehatte, während die Mechaniker im dritten hausten. Die Schwestern hießen Lotte und Lutz und waren im Gegensatz zu Margret und Emmeline Finkler in Nürnberg noch sehr jung: die ältere höchstens einundzwanzig, mit braungoldigem Haar, die jüngere wohl noch nicht neunzehn und sonnblond, – Rheinländerinnen, wie von ihnen das Lied singt, heiter, ungezwungen, doch von einem feinen Stolz, und ihre lebhaften Gesichter so rein, als wäre noch nie ein Schatten darüber geflogen.

Die Freunde hatten die Hausgenossinnen nicht früher entdeckt, weil sie selber ihre Wohnung schon morgens vor sechs Uhr verließen und erst am späten Abend wieder heimkamen. Die Mädchen aber sah man meistens um die Mittagszeit. Nur um ihren erfrischenden Anblick genießen zu können, ließen sich die Freunde, die bisher auswärts gegessen hatten, das Mittagbrot von der Hauswirtin verabreichen. Jeden Tag hatten sie nun die Augenweide der reizenden Nachbarinnen, die ihre achtungsvollen Grüße freundlich erwiderten. Zu einem Gespräch kam es indessen zunächst nicht, der Verkehr beschränkte sich auf das stille Wohlgefallen der Jugend an der Jugend.

Anderer Art war die Entdeckung Szedeskys. Bei einer chirurgischen Einrichtung hatte er in Frankfurt Hilfe geleistet und kehrte mit der Meldung zurück, daß er dort eine Landsmännin kennen gelernt habe. »Feurige Künstlerin vom Zirkus, unheimlich schönes Weib, eine Tierbändigerin, und sie selbst hat Augen wie Tiger und Teufel! Am Sonntag sehe ich sie wieder.« Er lud Junghans ein, ihn zu dem Stelldichein mit der Artistin und nachher in die Vorstellung des Zirkus zu begleiten. Ulrich war sofort dabei. In seinem Leben hatte er noch keine große Kunstreiterei gesehen, und was der Freund halb in Bewunderung, halb in Ablehnung von der Landsmännin erzählte, reizte seine Einbildungskraft. Der Sonntag erschien, auf der Fahrt in die Nachbarstadt sprach Janos noch einmal von Werra Barensky, diesmal unmißverständlich warnend: »Wenn das schöne Weib schon meine Landsmännin ist, so ist sie doch nichts Gutes. Sie ist wie ein Raubtier: prächtig für die Augen, aber nachher – gehen und vergessen!«

Vor einem der vornehmsten Gasthöfe Frankfurts sagte er: »Da wohnt sie!«

»Donnerwetter, so vornehm!« entfuhr es Junghans. »Ich habe geglaubt, die fahrenden Leute wohnen in ihren Wanderwagen.« Szedesky lächelte ein wenig und drehte die langen Spitzen des Schnurrbartes. »Hervorragende Artistinnen sind bezahlt wie erste Sängerinnen, leben wie Fürstinnen und finden alles noch zu schlecht. Ihre Bildung aber ist der volle Gegensatz zu ihren Ansprüchen.«