Sie traten in das Hotel, ließen sich anmelden, und die Ungarin erschien in der Begleitung eines noch sehr jungen Mädchens. In einem Sonderzimmer machten die Freunde bei einem Abendbrot, das sich Janos ein hübsches Geld kosten ließ, mit den Damen nähere Bekanntschaft. Offenbar freute sich Werra Barensky, daß sie sich mit ihrem Landsmann wieder einmal in der Heimatsprache ergehen konnte, während Ulrich, der von ihrem Gespräche nichts verstand, sich als ziemlich überflüssiger Gast erschien. Aber was war die Barensky für ein wundervolles Weib! Das wie aus Libellenflügeln gewobene Kleid umspannte einen nur mittelgroßen, aber herrlich ebenmäßigen Körper, das Gesicht war von offenen, angenehmen Linien, durch Leib wie Antlitz ging ein verhaltenes Spiel von Leben bis hinaus in die Fingerspitzen, und jedes Glied, jede Faser atmete geschmeidige Kraft. Dieser Ausdruck ließ sie zunächst älter erscheinen, als sie war; erst als Ulrich schärfer hinsah, entdeckte er die Jugendlichkeit ihrer Züge, spürte aber vor allem das Fremde an ihr, am stärksten, wenn sie bei ihrem warmem Lachen die prächtigen Zähne im blutroten, üppigen Munde blitzen ließ. Dann erschien das Raubtier, das Tigerhafte, von dem Szedesky erzählt hatte.
Er nahm zunächst mit der Gesellschaft des jungen Mädchens vorlieb, eines nicht weniger sonderbaren Geschöpfes: schmal, farblos, nächtlich, die gelben Augen manchmal wie blind, im nächsten Augenblick aber von einer Leuchtkraft wie goldene Sterne, von denen ein Wolkenschleier hinweggeglitten ist; und die Nixen des Rheins tauchten plötzlich in seiner Vorstellung auf.
Sie erzählte ihm in schlechtem Deutsch, daß sie Bulgarin sei, aber den englischen Künstlernamen Mab führe und bei der Barensky die Stelle einer Gesellschafterin und Schülerin einnehme. Mit drolliger Lebhaftigkeit sprach sie von jungen Wölfen und Löwen, die sie aufziehe.
Plötzlich spürte Ulrich, daß die Augen der Barensky sanft und sinnend auf seinem Gesicht ruhten. Sie nickte ihm leise zu, und in ihre Züge trat etwas Mädchenhaftes, eine Zartheit, von der er sich betroffen fühlte. Sie begann sich mit ihm in fremdklingendem Deutsch zu unterhalten. »Als Freund von Landsmann meiniges sein Sie auch mein Freund! Sehr schön, daß Sie heute abend unsere Vorstellung besüchen.« Er erzählte ihr, daß er noch nie einen Zirkus gesehen habe. Darüber lachte sie kindlich auf. »Was für ein merkwürdiger Mann! – Woher kommen Sie?« »Aus Mainz, aber eigentlich aus der Schweiz.« Sie schwieg, und er merkte, daß ihr sein Vaterland ein böhmisches Dorf war, mehr und mehr aber auch, daß die unheimliche Person kein Hehl aus ihrem Wohlgefallen an ihm machte und es darauf anlegte, ihn in ihre Netze zu ziehen.
Als sich die Freunde endlich verabschiedet hatten und durch das abendliche Frankfurt nach dem Zirkus hinausschlenderten, schob Janos seinen Arm unter den des in stummer Verwirrung neben ihm Schreitenden. »Hättest ihr nicht verraten sollen, wo du wohnst, Ulrich! Wenn sie nun nach Mainz kommt, dich suchen?« Jetzt erkannte auch Ulrich seine Unvorsichtigkeit und erschrak. Szedesky aber tröstete ihn lachend: »Nun, das Satansweib kennt viele Männer, hat dich wohl morgen schon wieder vergessen.«
Der Zirkus Tempelmann war zu jener Zeit gewiß eines der größten und schönsten Unternehmen seiner Art, aber Ulrich wohnte der Vorstellung ohne sonderliche Teilnahme bei, der Besuch eines Volksstückes im Stadttheater von Nürnberg hatte ihn tiefer angeregt. Die bemalten Gesichter und die Späße der Clowns widerten ihn an, auch die Vorführungen der Raubtiere durch Werra Barensky in einem inmitten der Arena aufgebauten runden Zwinger stießen ihn ab. »Wie viel sind die königlichen Geschöpfe wohl gequält worden,« dachte er, »bis sie sich unter die Peitsche der Herrin fügten!« Als sie die Löwen, die Tiger und Leoparden durch- und übereinanderspringen und endlich zu ihren Füßen kauern ließ, sah er in den diamantenen Augen und dem siegreichen Lächeln nur die Pose der Artistin. Ein anmutiger Drahtseilakt der kleinen Mab aber, die jetzt mit ihren goldglänzenden Augen von fast märchenhafter Schönheit war, hatte seinen vollen Beifall, und nachher gefiel ihm die Barensky als Begleitdame der ersten Reiterin weit besser als in der Rolle der Bändigerin. Herrlich spielten ihr in einem grünen Jagdkleid die Glieder. Dann und wann warf sie einen grüßenden Blick zu ihm und Szedesky empor, und sie erwiderten ihn gemessen.
Nach der Vorstellung traten ihnen am Ausgange die beiden Künstlerinnen, die im letzten Teile nicht beschäftigt waren, wie zufällig entgegen, und sogleich wandte sich Werra Barensky an Mab mit dem Vorschlage, die Herren noch an den Bahnhof zu begleiten. Das kam nun Szedesky und Ulrich nicht gelegen, aber sie konnten den Vorschlag unmöglich ablehnen. Wie von selber fügte es sich, daß Szedesky mit Mab vorausging und sich mit ihr in eine lebhafte Unterhaltung verwickelte. Junghans folgte ihnen mit Werra Barensky auf dem Fuß.
Als sie ein Stück gegangen waren, drängte sich ein Bettler an sie heran. Sie standen still, Ulrich wie sie zogen die Börse, sie schenkte dem alten, kränklichen Mann sogar ein Goldstück. Durch den kurzen Aufenthalt bildete sich ein ziemlicher Abstand zwischen ihnen und dem vordern Paar. Da spürte Ulrich plötzlich, wie die Begleiterin leise seine Hand ergriff. »Ich Sie sehr liebe,« flüsterte sie, den Mund nahe an seinem Ohr, und er erzitterte unter dem Hauch ihres Atems. Sie blickte sich rings um, die Straße war bis auf die beiden Voranschreitenden menschenleer. »Schenken Sie mich ein Kuß!« bettelte sie, und durstig riß sie ihn an sich. »Wir müssen uns wiedersehen,« hauchte sie in glühender Sinnlichkeit. »Wann Sie wiederkommen zu mir?« »Ich weiß nicht, wann ich mich wieder frei machen kann,« stotterte er, und das waren die letzten Worte ihres kurzen Zwiegespräches. Denn das andere Paar trat ihnen wieder entgegen, und zuviert schritten sie nun in das helle Licht des Bahnhofs. Die Artistinnen blieben bis zum Abgange des Zuges. Eine wilde Erregung hatte sich Ulrichs bemächtigt, und wenn er Werra Barensky ins Gesicht blickte, sah er darin nichts mehr vom Raubtier, nur das zärtlich liebende Weib, ein wunderschönes, durstiges Weib.
Im Zug beichtete er Janos sein Erlebnis. Der Freund war darüber bestürzt und bat ihn dringend, mit ihm fortzufahren in seine ungarische Heimat. Ulrich aber erwiderte bedrückt: »Ich kann doch meinen Bruder Friedrich, der herkommt, nicht im Stich lassen, auch Appelius nicht.«