Das Abenteuer in Frankfurt wurde eine schwere Sorge für sie beide und warf seine Schatten noch in die folgenden Tage. Daß Ulrich die Erinnerung daran etwas abschütteln konnte, dazu half ihm am meisten der Anblick der lieblichen Schwestern Römer. Nachdem sich der Verkehr mit ihnen eine Weile nur auf den Gruß beschränkt hatte, der freundlich gegeben und freundlich erwidert wurde, kam er mit ihnen dann und wann in ein kleines Gespräch. Er erfuhr daraus, daß sie mit großer Liebe einen Garten draußen vor der Stadt pflegten, den sie jeden Morgen und oft am Nachmittag aufsuchten. Gerade der ländliche Zug an den jungen Städterinnen gefiel ihm ungemein. –

Nun stand der Tag bevor, da Friedrich in Mainz einrücken, Janos aber scheiden mußte; doch war die Vereinbarung getroffen, daß die beiden sich kennen lernen und einen Tag miteinander verbringen sollten.

Schon war Szedesky aus dem Geschäft Appelius ausgetreten und besorgte in der Stadt einige Einkäufe, Nötiges für die Reise und Geschenke für die ferne Freundin und die Eltern. Da hatte Ulrich ein höchst unangenehmes Erlebnis. Als er zum Mittagessen gehen wollte, trat ihm Mab entgegen. In ihrem alten Filz, in schlecht sitzendem, verschossenem Mantel und den roten Juchtenstiefeln sah sie aus wie ein Junge aus dem Wagen fahrender Leute, ihr Gesicht gelbäugig und nächtlich. Mit einem erstickten Aufschrei trat sie auf ihn zu und stammelte irgend ein Wort der Erlösung, das auf deutsch bedeuten mochte: »Endlich gefunden!« Erschrocken blickte er sich um, ob ihn etwa ein Bekannter in der Gesellschaft des sonderbaren Geschöpfes sehe. In gebrochenem, doch schnellem Deutsch, das zwitscherte und zischte und von dem er nicht alles verstand, erzählte sie ihm, daß Fräulein Barensky immer noch ungeduldig des versprochenen Besuches harre, daß die Herrin sie eigens von Wiesbaden, wo jetzt der Zirkus stehe, herübergeschickt habe, um ihn in Mainz auszukundschaften, und ihm ihre dringende Bitte nach einem Wiedersehen ausrichten lasse. Sie überreichte ihm die gedruckte Karte der Herrin sowie ein paar Eintrittskarten und bettelte ihn flehentlich an, daß er nun allein oder mit dem ungarischen Freund ja recht bald komme. »Werra Barensky sonst sehr gut zu mir, aber jetzt wegen Herr sehr böse.«

In furchtbarer Beklemmung hörte ihr Ulrich zu und erwiderte wenig. Nein, nur nicht die Bekanntschaft mit dem wilden Weib erneuern! Er war kein Meister der Verstellung, aber die Not zwang ihn zur Lüge. »Wie gern würde ich Fräulein Barensky wiedersehen,« erwiderte er, »gewiß auch mein Freund; aber wir stehen beide vor der Abreise, schon morgen geht es aus den Toren von Mainz. Mir selber handelt es sich um wichtige Familienangelegenheiten, die keinen Aufschub erleiden. Und mein Freund will ohne mich auch nicht mehr bleiben. Also richten Sie Fräulein Barensky mein lebhaftes Bedauern aus, meine Grüße und die Versicherung, daß ich mich stets mit Dank an den schönen Abend in Frankfurt erinnern werde.«

»Aber vielleicht heute abend, Herr!« Die schlanke Mab sah ihn trostlos an, um ihren schmalen Mund zuckte das Weinen. Fast ließ er sich davon rühren, aber rechtzeitig kam ihm ein rettender Gedanke. Er stand in einer alten Gasse still und deutete auf ein Haus, das er selber nicht kannte. »Ich wohne hier,« sagte er schnell, »und leider kann ich Ihnen keine andere Auskunft geben.« Damit bot er ihr in wilder Aufregung die Hand und schlüpfte aufs Geratewohl in die Tür. Wie ein Dieb, dachte er. Doch geriet das Unterfangen. Durch einen langen, halbdunkeln Gang kam er auf einen Hof und durch einen folgenden Flur wieder auf eine Straße. So entwich er der Versucherin.

Szedesky erwartete den ungewohnt lange Ausbleibenden neugierig. Als ihm Ulrich das Erlebnis erzählte, tat er in seiner Sprache einen bestürzten Fluch: »Was du der gottlosen Fledermaus gesagt hast, ist recht. Aber nun auch wirklich abreisen, sobald es geht! Du kennst noch nicht das Weib, das Halbtier. Wenn sie merkt, du bist noch in Mainz, dann …« Er machte eine Bewegung, wie wenn er nach jemand mit einem Revolver oder einer Pistole zielte. Auf dem Gesicht stand ihm die Sorge um den Freund.

Unendlich hatte sich Uli auf die Ankunft Friedrichs gefreut. Nun lag eine Wolke über dem Wiedersehen. Und was dächten wohl die Seinen oder Nick, wenn sie ihn in eine so abenteuerliche Geschichte verstrickt wüßten?


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