Nick stand hinter dem Ladentisch und erlebte die Einförmigkeit und die Verdrießlichkeiten eines fast nur von Damen besuchten Geschäfts. Welche Geduld braucht es oft den Käuferinnen gegenüber! Ja, die jungen, die schlanken, die hübschen hatten bald herausgefunden, was ihnen stand; umso schwerer trafen die von der Natur Verkürzten, Häßlichen die Wahl. Es lag nicht an ihren schiefen Schultern und verzwängten Gestalten, wenn ihnen die Stoffe nicht saßen, sondern an der Verkäuferin, die ihre Wünsche nicht besser begriff. Manchmal mußte Nick die Zähne zusammenbeißen, um gegen die Eitelkeiten, Launen, Quälereien und die kleinliche Gesinnung der Kundinnen standhalten zu können.
Ein Männergesicht – und die Damen waren höflich. Sobald der Inhaber des Geschäfts, Georg Wasmer, im Laden anwesend war, bezähmten sich auch die Unleidlichen. Er verstand sich bewunderungswürdig auf den Verkehr mit Frauen aller Kreise und Stufen, für jede hatte er ein gewinnendes Lächeln und ein angemessenes Wort. Nick mochte den frischen Vierziger wohl, nicht nur seiner angenehmen, aufgeräumten Erscheinung wegen, sondern weil er im Gegensatz zu dem dicken Spielwarenhändler Jean Groß auch den Ladentöchtern höflich begegnete und jeder nach ihrem Können seine Wertschätzung bewies. Auch ihr. Ja, ohne es die andern merken zu lassen, bevorzugte er sie und lud sie bald in seine Familie ein, die in bürgerlich gemütlichen Räumen über dem Geschäft wohnte. Zunächst jeden Sonntag zum Mittagessen. Die Frau war so lungenkrank, daß es schien, sie werde den Frühling nicht überleben. Auf ihrem feinen Gesicht stand schon ein Glanz aus einer andern Welt, und ihre Augen leuchteten engelhaft. Daneben war nur ein einziger Junge, Hiob, zu dessen lebhaftem Wesen der vom Großvater überkommene, geduldige Name wenig paßte. Nick mochte beide, Mutter und Sohn. Die zarte Kranke schloß sich wie ein Efeu, der seinen Stamm sucht, an sie. Die Gesellschaft der jungen Ladentochter tat ihr sehr wohl, schon deswegen, weil der Gatte sich nicht sonderlich um die Familie kümmerte und als ein geselliger Mensch die Abende häufiger auswärts als daheim verbrachte. Es war deshalb für Nick nur eine halbe Überraschung, als die Frau sie nach ein paar Wochen einlud, das Zimmer bei Frau Gugolz aufzugeben und völlig zu ihr überzusiedeln. Georg Wasmer unterstützte den Plan, und mit einigen Bedenken ging Nick darauf ein. Aber das Gefühl, in der Welt nicht mehr ein einsamer Flattervogel zu sein, verband sich ihr wohltätig mit dem, daß sie durch manche Handreichung, Vorlesen und Geplauder das Los der Kranken erleichtere, die sich ihre Dienste lächelnd gefallen ließ. Hiob, der Knabe, schloß sich mit seinem lebhaften Wesen an sie an, und zum großen Trost der Leidenden blieb der Hausherr jetzt öfter als sonst am Abend daheim, spielte mit Nick Schach, sang mit ihr ein Lied oder besah sich mit ihr die Nachbildungen von Stichen alter Meister, deren großer Freund er war. Manchmal waltete in dem Familienkreis eine so frohe Stimmung, daß selbst die stets schwächer werdende Frau darüber ihr Elend vergaß.
Bei seiner Neigung zum Künstlerischen gehörte Wasmer einer kleinen dramatischen Gesellschaft an, die unter der Leitung des ehemaligen Komikers Lackelmann vom Stadttheater auf einer der Stuben des Zunfthauses zur Meise ein Spiel einstudierte. Nick mußte ihn in die Übungen begleiten, und da es ihr nicht an Talent fehlte, war sie in jugendlichen Rollen bald ein geschätzte Mitglied der kleinen Liebhaberbühne.
Dabei sah sie gewöhnlich auch Marie und begegnete in ihren Augen einem fragenden Blick: »Hast du jetzt Uli geschrieben?«
Nein, das hatte sie immer noch nicht getan. So oft sie die Freundin erblickte, empfand sie Gewissensbisse. Über Nichtigkeiten versäumte sie das Größte, das ihr oblag.
Auf dem Heimweg plauderte ihr Wasmer einmal von Marie. »Ihre Heimatgenossin hat ein merkwürdiges Glück. Durch ihre Einfachheit tut sie es allen an. Unter einer Menge junger, tüchtiger Männer kann sie nur wählen, und daß sie dabei keinen Fehlgriff tut, dafür sorgt ihr besonderer Beschützer, der alte Literaturprofessor, der sie wie ein Vater überwacht.«
Nick fand nicht gleich eine passende Erwiderung, sie dachte nur: Gewiß ist daher die milde Heiterkeit in das früher herbe Gesicht Maries gekommen und die Würde, mit der sie jedem Gast sicher begegnet; sie hat nun einmal die gefällige Art ihrer Familie.
Wasmer mißverstand ihr Schweigen. »Wenn Sie nur wollen, Fräulein Tappoli,« versetzte er geheimnisvoll, »so sind Sie bei mir nicht lange Ladentochter, sondern finden auch Ihr Glück, ein größeres noch als Ihre Freundin!« Im Schein einer Straßenlaterne ließ er den Blick mit selbstsicherem, wohlgefälligem Lächeln über ihre Gestalt gleiten. Ihr aber war der Ton, mit dem er gesprochen hatte, aufgefallen, irgendeine warnende Stimme gegen ihn erhob sich in ihr.
In der dramatischen Gesellschaft, in der es auch ein paar junge Herren gab, regte er sich jedesmal heimlich auf, wenn sie mit einem von ihnen in einer Liebesrolle zusammenspielte oder sich sonst von ihnen durch ein harmloses Gespräch unterhalten ließ. Auf dem Heimweg wußte er stets etwas Unvorteilhaftes über die Betreffenden, während es sonst nicht in seiner verträglichen Art lag, über andere abzusprechen. Indessen war sein Benehmen im übrigen tadellos. Für viele kleine Zeichen des Wohlwollens mußte sie ihm still dankbar sein. Ein vornehmer Mensch war er gewiß, dafür hielt ihn auch jedermann in der Stadt. –
Blauer Himmel und weiße Wolken über den Giebeln kündigten den Frühling an. Nach Feierabend wäre Nick oft gern in die frische Luft hinausgewandert; aber es war nun zur Gewohnheit geworden, daß sie diese Stunden bei der Kranken verbrachte. Als Anerkennung dafür gab ihr Wasmer am »Sechseläuten« den Nachmittag frei. Glückselig wanderte sie durch die von freudigem Lenzvolk belebte Stadt und sah den festlichen Umzug der Zünfte. Mit Bannern, Wappentieren und den Abzeichens ihres Handwerks zogen sie fröhlich und würdig durch die Gassen. Unter den mit roten Armbinden und hohen Zylinderhüten geschmückten Herren, die das Fest leiteten, befand sich auch Wasmer. Das Gesicht jugendlich hell, den rötlichen Schnurrbart keck gestrichen, sah er im Feierkleid wie ein Weltmann aus, und das Amt bewies sein öffentliches Ansehen. Mehr aber fesselte es Nick, als rotbemützt die Gesellschaft zum »Kämbel« vorüberzog, die stattliche Zunft, der ihr Vater angehört hatte. Die Erinnerungen an ihn flossen durch ihre Seele, wie er unter diesen Männern freudig mitgetan und als feinsinniger Redner an ihrer Tafel den Vogel abgeschossen hatte. Wenn er wüßte, wie bescheiden und abhängig seine Nick nun das Brot in der Heimatstadt verdienen mußte!