Es blieb ihr aber nicht lange Zeit zu Betrachtungen. Halb noch in Kindersinn, halb in gereiftem Lebensernst folgte sie im wonnigen Frühlingsabend dem Strom der bunten Gruppen und dem festlichen Volk an der Wasserkirche vorbei hinaus gegen den See, wo sich die Menschen wie eine Landgemeinde sammelten, die Zünfte im Ring um einen mächtigen Holzstoß. Vom See her winkten die eiligen Boote, von den Ufern die friedlichen Dorfschaften, und in die träumende Bläue stieg geheimnisvoll der Silberglanz des Hochgebirgs. Wie fröhlich die Menschen, wie herrlich die Welt! Leib und Glieder Nicks federten sich, sie spürte, wie jung sie noch war; das Wohlgefühl, die Kraft ihrer neunzehn Jahre durchwallte sie, singen und jauchzen hätte sie mögen vor Lebenslust.

Schon senkte sich leise die Dämmerung auf das Lenzbild. Da erklang vom mächtigen Petersturm die Sechsuhrglocke. Aus dem Holzstoß lohten Flammen und Rauch empor und umwirbelten den Winter, die weiße Mannspuppe, die an hoher Stange hing. Er geriet in Brand, unter mächtigem Geknatter fuhr er in Stücken und Fetzen auseinander. Die Musikgesellschaften spielten, Zünfte und Volk, Jung und Alt sangen Frühlings- und Heimatlieder. Auch sie sang tapfer mit.

»Fräulein Tappoli!« klang ihr plötzlich eine etwas näselnde, doch freudige Stimme ans Ohr. Es war Glorian Rollenbuz, der frühere Verweser in Eglisau, der Gelehrte, der seit mehr als zehn Jahren die Grundzüge des Ökumenischen Konzils bearbeitete und noch lange nicht damit fertig war. Selbst diesen unverbesserlichen Stubenhocker hatten der Lenz und das Fest vom Ofen hinweggelockt, er war aber in dem vielen Volk an dem linden Abend die einzige Gestalt, die den Hals mit einem schweren Tuch umschlungen hielt. Rührende Freude sprach aus seinem pergamentenen Gesicht, er blieb bei ihr, und sie sahen zu, wie das Feuer, das rote Scheine auf die dunkel gewordenen Wasser warf, lohte und niederging. Als die Menge der Menschen auseinanderströmte, gab er ihr das Geleit bis zur Türe des Hauses Wasmer und hielt sie dort noch mit seinen Gesprächen fest. »Aber die frische Luft!« scherzte sie. Er seufzte nur, und als er merkte, daß sie gern ins Haus träte, stammelte er: »Darf ich wieder nach Ihnen sehen?«

»Gott, der Mensch ist verliebt in mich! Würde er sich sonst so der frischen Luft aussetzen?« Lachend und ärgerlich ließ sie diese Erkenntnis über sich ergehen. Was sollte sie mit Glorian anfangen?

Als Nick die Wohnung betrat, wurden ihre Gedanken rasch von diesem Wiedersehen abgedrängt. Frau Wasmer befand sich schlechter als sonst, sie hustete fast unaufhörlich. Nick mußte immer wieder in das Zimmer hinübereilen, um der nach Atem Ringenden den Kopf zu stützen.

Vielleicht war auch der Lärm des Sechseläutens an der ungünstigen Veränderung schuld. Er dauerte noch in der Nacht an. Von da- und dorther kamen die schmetternden Klänge der Musikgesellschaften, durch die Gassen hallten die Schritte der einander besuchenden Zünfte, und die Windlaternen, die ihnen dazu auf hohen Stangen leuchteten, warfen ihre phantastischen Scheine bis in das Krankenzimmer empor. Nick wagte es wegen der aufgeregten Leidenden nicht, zur Ruhe zu gehen. Gegen Morgen aber, als die Gassen stiller wurden, schlief die erschöpfte Frau tief ein. Nick wachte noch über einem Buch.

Da kam Wasmer von seiner Zunft heim, mit lustigen Augen und geröteten Wangen. Sie merkte gleich, daß er angetrunken war. Er setzte sich zu ihr, erzählte von den Herrlichkeiten des Zunftmahles und begann aus der »Zauberflöte« zu singen. »Ja, so ein Weibchen, ein allerliebstes Täubchen wünscht Papageno sich.«

Er versuchte Nick zu umarmen und zu küssen, sie wich ihm aber gewandt aus. »Herr Wasmer,« rief sie mit gedämpfter Stimme, »sehen Sie doch lieber nach Ihrer kranken Frau!« Er versuchte sie einzufangen, doch vergeblich. Das Ende war, daß sie auf ihr Zimmer floh und ihn sich selber überließ.

Sie ärgerte sich lebhaft über den Vorfall und wollte Wasmer am andern Tag zur Rede stellen; aber erst am folgenden fand sich eine Gelegenheit dazu. »Da Sie vergessen haben, wer ich bin, gestatte ich mir, Ihnen meine Kündigung einzureichen,« erklärte sie blitzenden Auges. »Ach, Weinlaune!« antwortete er erblassend. »Was fällt Ihnen ein, Fräulein Tappoli! Machen Sie meine kranke Frau nicht todunglücklich, Sie sind ihr letzter Halt und Trost. – Und auch mich nicht. Auf der gesamten Welt meint es kein Mensch so gut mit Ihnen wie ich.« Das letzte kam ihm gepreßt und keuchend von den Lippen.