Nick ließ sich zum Frieden bereden, sie konnte es um so leichter, als die Kranke von den Gelüsten ihres Mannes nichts gemerkt hatte. Wasmer war nun auch wirklich gegen sie wieder der in Ehren liebenswürdige Geschäftsherr; aber sie vermied es, mit ihm allein zusammenzusein, und war vor ihm auf der Hut.
Sie hatte genug Sorgen mit dem verliebten Glorian. Jeden Abend stand die fröstelnde Gestalt im blauen Halstuch wie eine Schildwache vor dem Geschäft, wartete auf sie und wurde der Spott der Ladentöchter, der Kundinnen und der große Ärger des Inhabers. »Was soll die Vogelscheuche vor meiner Tür? – Haben Sie keinen besseren Geschmack, Fräulein?« höhnte er, und eines Abends trat er hinaus, vergaß seine sonstige Höflichkeit und fuhr Glorian so an, daß der Erschrockene wie ein Hase davonlief und nie wieder als Eckensteher kam.
Nick mochte gegen den komischen Verehrer, der ihr zulieb die Scheu vor der Luft besiegte und seiner Arbeit an den Grundzügen des Ökumenischen Konzils so viele Stunden um ihretwillen entzog, nicht hart sein; sie gab ihm, freilich außer Sehweite des Geschäftes, dann und wann Gelegenheit, ihr zu begegnen und ein wenig mit ihr durch den Frühlingsabend zu wandeln. Viel machte sie sich aus dem schüchternen Freund nicht, aber sie fand doch Gefallen daran, den Bücherwurm wieder etwas zur Natur zurückzuführen. Dabei entging ihr jedoch nicht, daß die Blicke der Vorübergehenden manchmal an ihnen hängen blieben mit der stummen Frage: Was soll das ungleiche Paar, das frierende, mumienhafte Männchen und die blühende, geschmeidige Mädchengestalt? Daher mied sie, wenn sie mit Glorian ging, die Menschen nach Möglichkeit. Und wo war man einsamer als auf dem See? Wohl oder übel mußte er mit ihr in den Kahn steigen, hinaus ruderte sie ihn auf die dunkeln Fluten. Darüber glühten die Frühlingssterne, und der Duft ausbrechender Blüten strich in Schwaden über die Wasser. Ihre Gedanken aber schlugen manchmal recht verschiedene Wege ein. Während sich Glorian darüber beklagte, daß die Hauswirtin kein genügendes Verständnis für sein Lebenswerk und die damit verbundene Fächer- und Zettelwirtschaft habe, ließ Nick ihre Sinne durch die Welt wandern, am liebsten den Rhein hinab bis nach Mainz zu Ulrich Junghans. –
Ahnungslos stand sie eines Tages im Laden. Da trat ein junger Mann herein, den sie einen Herzschlag lang für Uli selber hielt. Es war aber sein Bruder Friedrich, den sie weniger gut kannte. »Marie hat mich zu Ihnen geschickt, Fräulein Monika,« erzählte er. »Ich fahre morgen nach Mainz. Die Schwester meint, Sie hätten dem Bruder vielleicht etwas auszurichten.«
Nick erglühte, aber der Laden war nicht der geeignete Ort für eine Aussprache über ihre Herzensangelegenheit. Auch schien es Friedrich Junghans mit seiner Zeit dringlich zu haben. »Ausrichten?« stammelte sie. »Ja freilich, meine herzlichsten Grüße!« Schon begleitete sie den Wanderfertigen unter die Ladentür und wünschte ihm Glück auf die Fahrt. Da flüsterte sie ihm mit leuchtendem Lächeln noch zu: »Sagen Sie Uli, daß ich ihm bald einen Brief schreiben werde.«
Sie fühlte sich selber erleichtert, daß sie ihrer Liebe durch den freundlichen Besuch Friedrichs wieder einen Steg hatte bauen können. Uli werde nun schon verstehen, woran er mit ihr war, und die innere Gewißheit erfüllte sie, daß keine Rheinländerin mehr Macht über sein Herz besaß. Und fleißiger wallte das ihre hinab nach Mainz.
14
An einem Samstag, gegen Abend, sollte Friedrich mit dem Dampfboot dort eintreffen. Die Wiedersehensfreude bewegte Ulrich so tief, daß er sich von Appelius ein paar Stunden frei erbat und dem Ersehnten entgegenfuhr. In Oppenheim überraschte er ihn auf dem Deck. Friedrich, der sehr gut aussah, begann von daheim zu erzählen, wie es den gesamten Angehörigen wohl ergehe. Auch von Nick Tappoli. Ein inniges Glück verklärte das Gesicht Ulrichs über die Mitteilung, daß sie ihm einmal schreiben werde. Also gab es zwischen ihr und ihm ein Sichwiederfinden!