In der Ferne ragten die Türme von Mainz wie Schwerter in den Abendhimmel. Aus lichtgeränderten Haufenwolken sprühte die Sonne, und gerade diese Beleuchtung erinnerte daran, daß diese Stadt die goldene hieß. Überall in den Wassern und an den Ufern regte sich das Leben: Boote, mit fröhlichen Menschen besetzt, glitten von Gestade zu Gestade oder aus den grünen Fluten des Rheins hinein in die rötlichen des Mains, Lieder ertönten, von den Kirchen das friedliche Sonnabendgeläute. Am Landungssteg stand Szedesky in seiner Tracht und winkte herzlichen Willkomm.
So hatte Friedrich einen stimmungsvollen Einzug in die Stadt.
Am andern Morgen besichtigten die drei ihre Sehenswürdigkeiten, besonders den Dom, dessen wuchtiger Mittelturm fast in alle Straßen blickt. Ulrich kannte den etwas versteckten Eingang, durch die schönen und häßlichen Häuser, die ihn dicht umstellen und in denen gekauft, verkauft, geschustert und gehämmert wird. Wie still, wie kühl, wie erhaben erschien ihnen das Innere mit der Menge der Säulen! Noch nie hatte Friedrich so etwas Herrliches gesehen. Ulrich zeigte ihm die vielen Denkmäler, besonders dasjenige des mächtigen Kirchenfürsten Willigis, der als Wagnerssohn das Doppelrad seines Vaters im Wappen und dazu den Wahlspruch führte: »Willigis, Willigis, denk woher du kommen sis!« Der Spruch gefiel Friedrich, der zu sittlichen Betrachtungen neigte, ungemein. »Uli,« meinte er, »wir wollen auch nie vergessen, daß wir aus einem zwar einfachen, doch rechtschaffenen Elternhaus stammen.« Dem Jüngern aber fiel die Barensky ein, und ein Stich ging ihm durch die Brust. Mehr als eine Stunde weilten sie vor den Merkwürdigkeiten der Kirche, nicht am wenigsten vor dem alten Bilde, das darstellt, wie der Minnesänger Frauenlob von acht Mainzerinnen in einem mit drei Kronen geschmückten Sarge ehrenvoll zu Grabe getragen wird. Überall war Ulrich ein gewandter Erklärer.
Von den schönen Eindrücken beglückt, lachte Friedrich beim Mittagessen: »Nicht jeder hat eine so prächtige Aufnahme in einer fremden Stadt. Wie mancher Handwerksgeselle wird von niemand abgeholt, muß in einer schlechten Herberge schlafen und von Tür zu Tür Umschau halten. Bei euch aber ist mit der Arbeitsstelle das schöne Quartier schon da!«
Am Nachmittag machten sie den Ausflug auf den Bichelstein, sahen weit hinein in die Rheinlande, bewunderten beim Dörfchen Zahlbach die Reste einer mächtigen römischen Wasserleitung, ließen sich wieder vom Leben der Stadt umrauschen und wandten sich über die Schiffsbrücke nach Kostheim hinüber. Sie traten in einen bei den Mainzern beliebten Wirtschaftsgarten, der gerade im Angesicht des türmereichen Bildes der Stadt lag und den Überblick über die stromherab und stromherauf ziehenden Schiffe gewährte. Noch berieten sie, wo sich niederlassen, um die Aussicht am vollsten zu haben. Da trat die Familie Römer in den Garten, Vater, Mutter und die beiden Töchter. Ulrich und Szedesky grüßten auf das höflichste, ihrem Beispiel folgte Friedrich. Den Mädchen aber sah man die Überraschung an, daß nun neben Ulrich plötzlich noch ein zweiter hochgewachsener Fremdling, fast sein Ebenbild, aufgetaucht war. Der Jüngere spürte die Pflicht, den Bruder vorzustellen, und Szedesky sagte den jungen Damen ein paar artige Worte des Abschieds. So kam man ins Gespräch. Dem Vater Römer lachte das Wohlgefallen an den frischen Männern aus den Augen, er lud sie ein, mit der Familie an demselben Tische Platz zu nehmen, und nach der flüchtigen Treppenbekanntschaft mit den Töchtern kamen die Freunde nun auch mit den Eltern ins Gespräch.
Dabei bildeten sich merkbar zwei Gruppen. Die Mutter und Lotte nahmen sich Friedrichs an, der die Schüchternheit des Neulings noch nicht überwunden hatte. Szedesky und Ulrich aber saßen näher bei Vater Römer und der knospenhaften Lutz.
»Sie werden fünfundzwanzig sein,« wandte sich die Mutter wohlgefälligen Blicks an Friedrich. Als er die Richtigkeit ihrer Schätzung bestätigte, versetzte sie nachdenklich: »Unser einziger Sohn war mit Ihnen gleichalterig; leider haben wir ihn, als er Gymnasiast geworden war, verloren.« Es war, als suchte sie im Gesicht des jungen Mannes die Spur des Dahingegangenen. Lotte aber lenkte das Geplauder auf die schöne Musik, die den sich immer mehr belebenden Garten durchflutete, dann auf einen sich stromaufwärts arbeitenden holländischen Schleppdampfer. In der Tat bot das dunkelgeteerte Schiff, das eine Reihe von Kähnen schleppte, ein liebliches Bild. Um die kleinfenstrige, doch hübsch mit Vorhängen und Blumen geschmückte Wohnung auf dem Hinterteile saß eine Familie und hielt Feierabend. Die Kinder tanzten in weißen Hauben und in Holzschuhen Ringelreihen, auf dem flachen Dach thronte der weiße Spitzer und betrachtete sich die Welt. Über das Leben dieser Schiffersleute erging sich Lotte, und Friedrich bewunderte ihre bewegliche Geistesart.
Vater Römer aber scherzte zu Ulrich hinüber: »Sind denn in Ihrem Land alle jungen Leute so blond, so stattlich und groß wie Sie und Ihr Bruder?« »Das wohl nicht,« erwiderte der Schweizer, »in unserer Familie aber liegt's.«
Nun fragte ihn Römer manches nach Eltern und Heimat. Ähnlich hielt er es mit Szedesky. Lutz hörte dem Gespräch aufmerksam zu. Einmal ruhte ihr Blick auf dem Ring, den Ulrich zu Ehren der Ankunft Friedrichs trug. »Ist der Reifen ein Altertum?« fragte sie. »Nein, aber doch ein Andenken.« Er zog ihn vom Finger und reichte ihn ihr hin. Sie las die Inschrift, gab Ulrich einen freudig überraschten Blick und bot den Ring dem Vater. »Alle Achtung!« versetzte Römer. »Das Stück ehrt Sie und Ihre Heimat.« Ulrich spürte wohl, wie sein Ansehen bei Tochter und Vater durch den Reifen gewachsen war.