Das Gespräch sprang auf das Geschäft Appelius über. »Ja, da sind Sie gut aufgehoben,« versetzte Römer und nickte. »Ich kenne Vater und Sohn. Es sind hervorragende Industrielle, wie Mainz ihrer mehr besitzen sollte. Dann erlebten wir das betrübende Schauspiel nicht, daß sich unsere Stadt in allen Betrieben von Frankfurt überflügeln läßt. Es ist aber einmal gegen die Mainzer Gemütlichkeit nicht anzukämpfen.« Wie er so sprach, machte er den Eindruck eines bei aller Jovialität ernst- und kernhaften Mannes.
In der Dämmerung ging die Gesellschaft gemeinsam über die Schiffsbrücke nach der Stadt zurück. Auf dem breiten, metallisch flimmernden Bande des Rheins kamen von weitem die hellerleuchteten Dampfer gezogen, die Sonntagsausflügler von Koblenz und Bingen kehrten zurück, und die hellen Gesänge der Fröhlichen schwebten stets vernehmbarer herüber. Es war ein Abend voll Lied und Lust, auch in den Herzen der jungen Gesellen.
Als sie in ihrem Quartier beisammensaßen, lächelte Szedesky: »Es ist gut, daß ich gehe und mir daheim schon ein Mädchen weiß; sonst würde mir Lutz das Herz anzünden, nicht bloß für einen Tag, sondern für immer. Nun aber behalte du sie im Auge, Ulrich.« Überrascht erwiderte der Schweizer: »Das würde mir wohl nicht viel nützen!« worauf Janos stolz versetzte: »Wir sind ja auch nicht auf wilden Bäumen gewachsen.« Und in Friedrichs ehrlichem Gesicht stand ein verklärter Glanz der Freude über den Abend.
Um sechs Uhr am nächsten Morgen stellte Ulrich den Bruder bei Appelius vor, nachher nahm er sich die Stunde, um sich von seinem lieben Szedesky zu verabschieden. Ihr Gespräch war nicht mehr so fröhlich wie gestern, der Scheidende äußerte noch einmal Befürchtungen wegen der Barensky. Die letzten Augenblicke aber waren seinen Freundschaftsversicherungen vorbehalten: »Du bleibst mein Herzbruder, ich der deinige. Wenn es dir am Rhein nicht mehr gefällt, komm ins Ungarland!«
Nun war der Getreue davongefahren. Ulrich aber wurde wegen der Barensky von Sorgen nicht frei. Wo er stand und ging, fürchtete er eine neue Begegnung mit ihr oder Mab, sprach aber Friedrich, der jedem Abenteuer abhold war, nie von der zweifelhaften Bekanntschaft, und um sie zu vergessen, war es ihm eben recht, daß ihn das Geschäft stark in Anspruch nahm, die Überstunden oft bis um neun, mitunter sogar bis um zehn Uhr abends dauerten.
Die Abteilung Friedrichs war etwas weniger beschäftigt, um sieben Uhr hatte er Feierabend. Mit musikalischem Talent probte er dann auf der Laute Ulrichs und wäre froh gewesen, der Bruder hätte ihm einigen Unterricht, nur ein paar Minuten im Tag, gegeben. Doch der blieb unlustig. Von weitem hatte er die Mab wieder gesehen.
Im übrigen aber lebte sich Friedrich angenehm in die neuen Verhältnisse ein. Fast Tag um Tag fügte es sich wie von selbst, daß er oft mit Uli, oft allein die Schwestern Römer sah. Jedesmal gab es ein zwang- und harmloses Gespräch. Die beiden Mainzerinnen freuten sich, daß ihm ihre Vaterstadt so gut gefiel. Schon war die Zeit des ersten Obstes da. Wenn die bräunliche Lotte und die sonnblonde Lutz von der Morgenarbeit in ihrem Garten kamen und mit den beiden ins Haus traten, so reichten sie ihnen aus den Körbchen von den Früchten dar, die eben reif geworden waren: Kirschen, Frühpfirsiche, Birnen oder Äpfel. Kam Ulrich später heim, rief ihm Friedrich entgegen: »Dort sind noch die Erdbeeren der Fräulein Römer für dich! Die meinen hab' ich schon geschmaust.« Die Gaben der Mädchen erschienen ihnen wie ein Segen für die Nacht, der vor bösen Träumen schützt. Selbst Ulrich wurde darüber wieder heller. Als er ihnen einmal begegnete, scherzte er: »Merkwürdige Gärtnerinnen sind Sie doch; nie ist eine Spur von Erde an Ihnen. Ernsthaft kann ich mir Ihre Arbeit nicht vorstellen.« Da verteidigten sich die Schwestern lebhaft: »Denken Sie denn, wir hätten kein Gartenhäuschen?« lachten sie hell. »Da hängen unsere Arbeitsschürzen. Kommen Sie und sehen Sie sich die wohlbestellten Beete an!«
Unerwartet wurde wenigstens Friedrich diese Freude zuteil. Als er am Abend von der Arbeit kam, traf er die Geschwister unterwegs, wie sie den Vater abholen wollten. Sie luden ihn leichthin zur Begleitung ein. Alwin Römer, der kräftige, kaum ergrauende Fünfziger, war eifrig am Graben; es sei seine Lieblingserholung, erklärte er. Als der Mechaniker ihn so munter hantieren sah, griff er selber auch zum Spaten und bewies, daß er mit dem Boden umzugehen wisse. Auf dem Heimweg erbot er sich, Tag für Tag ein Stündchen mitzutun. Vater Römer nahm seine Hilfe scherzend an, und da die Tage des Sommers genügend lang waren, erlebte Friedrich draußen stets einen schönen Feierabend. Auf dem Rückweg in die Stadt trat der Alte mit ihm zu einem Glas schäumenden Bieres in eine Gartenschenke und verstand sich mit dem erst kürzlich Zugewanderten auf das herzlichste.
War es nun Anerkennung für die Mitarbeit Friedrichs oder überhaupt Wohlwollen gegen die Brüder Junghans, er lud sie auf einen Sonntag zum Abendbrot im Garten ein. So gelangte auch Ulrich in das ihm bisher unbekannte Paradies der Schwestern Lotte und Lutz. Als die Brüder dort ankamen, trafen sich die beiden allein, die Eltern waren noch durch einen Besuch in der Stadt festgehalten. Die Mädchen wanderten nun mit ihnen durch das romantische Stück Erde, das an die mittelalterlichen Festungswerke der Stadt lehnte. Wohlgeordnet dehnten sich die Beete, und üppig standen die Obstbäume in alten verwachsenen Gräben. Über geborstene Mauern hin aber kletterte eine unberührte, träumerische Wildnis. Schmale Wege wanden sich durch knorriges, zum Teil zermorschtes Baumwerk hinab in halbeingestürzte Keller und Gewölbe und stiegen die verwitterten Stufen an den Zinnen empor bis auf die Altane eines geborstenen Rundturms, von der sie die Stadt und den dahinter flimmernden Rhein überblickten. Es gab sich wie von selber, daß sich Friedrich mehr zu Lotte, Ulrich mehr zu Lutz hielt, und ebenso, daß sich auf den vielen Wegwindungen ein Paar vom andern verlor, bis sich die Schwestern durch Zurufe, die wie Glockentöne klangen, davon überzeugten, daß sie einander doch nahe seien. Es wurde nichts gesprochen, das nicht alle Menschen hätten hören dürfen, aber eine feinzarte Stimmung des Vertrauens lag über den paarweisen Gängen. Das Vierblatt fand sich auf den Mauern wieder, lagerte sich, als wären sie Geschwister, in der Sonne, und noch mehr als in der Stadt sprach im Grünen der rheinländische Mädchenzauber zu den Fremdlingen, die so Schönes erleben durften.