Die Eltern kamen. Auch durch ihre Gespräche klang die Wertschätzung, die sie den Hausgenossen entgegenbrachten. Erzählen und Lachen würzten das Mahl, und erst als die Sterne am Himmel emporzogen, wandte sich die Gesellschaft wieder in die Stadt. Sie trennte sich unter dem herzlichen Dank der Brüder, als bestände die Freundschaft von langem her, und goldig beglänzte die Erinnerung an den Abend den Werktag der beiden.
Ulrich aber hatte an einem der folgenden Tage einen großen Schrecken. »Rumpedidum trara!« scholl es durch die Straßen der Stadt, und Trompeten schmetterten. Der Zirkus Tempelmann hielt mit einer buntflitternden Karawane von Kamelen, Elefanten, Bären, Pferden, Affen, Kunstreitern und Reiterinnen, Riesen und Zwergen, Negern und Arabern, einem langen Troß von Raubtier- und Bagagewagen Einzug in die Stadt. Gerade als die Brüder zum Mittagessen gingen, bewegte er sich mit viel Prunk und Lärm durch die Straßen. Die Fenster der Häuser flogen auf und besetzten sich mit neugierigen Köpfen, die Jugend stürzte sich ins Freie, und von der herzuströmenden Menge in ihrem Weg aufgehalten, mußten sich die Brüder den Zug wohl oder übel mitansehen.
Friedrich tat es halb mit Neugier, halb mit Verächtlichkeit; Ulrich aber war es, der Boden unter ihm habe sich in eine glühende Eisenplatte verwandelt.
Erst die schmetternden Herolde, ein Abstand, dann acht Reiter in roten Fräcken und roten, hohen Hüten, wieder ein Abstand, dann ein paar das Rad schlagende Clowns – und nun, auf weißen Zeltern mit perlmutterschimmernden Schabracken, in langen fließenden, silber- und golddurchwirkten Gewändern Werra Barensky und Mab, dahinter wieder ein Troß Reiter und Damen. Wenn nun eine der beiden den Kopf zur Seite wendete, so war Ulrich entdeckt! »Nur das nicht,« durchzuckte es ihn, doch auch mitten in der Angst der Gedanke: »Wunderbar schön ist das wilde Weib!« Sie wie Mab aber ritten ahnungslos vorüber, ein Alpdruck fiel von seiner Brust. Und Friedrich drängte: »Gehen wir! Was kümmert uns das Schwindelzeug!«
Im Heimlichen kümmerte es Ulrich schon. In der Nacht, wenn alle Dinge schwärzer aussehen, als sie sind, weckte ihn die Furcht, die Barensky möchte in den Wochen, die der Zirkus in Mainz blieb, irgendwie erfahren, daß er noch in der Stadt stecke. Wenn nun das rücksichtslose Weib einmal plötzlich ins Haus drang, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, daß er nie wieder zu ihr gekommen war, oder um die Mittagszeit plötzlich vor dem Atelier Appelius stand, – welche Schande, welche Schmach! In was für eine häßliche Geschichte war er doch aus bloßer Höflichkeit hineingekommen! Dabei fühlte er seine völlige Hilflosigkeit. In Dingen, die das Licht nicht zu scheuen brauchten, wußte er sich stets Rat; aber wenn er an Werra Barensky dachte, war ihm der Verstand wie vernagelt, blieb ihm nichts als ein ödes Bangen vor einer unangenehmen Überraschung. Auf seinem Lager seufzte er in schlafloser Sorge.
Da kam die Stimme Friedrichs zu ihm herüber, der in der gleichen Kammer schlief: »Uli, bist du auch wach?« Sie schlugen Licht, und der Jüngere sah, wie der Bruder aufrecht und mit fieberglänzenden Wangen auf dem Bett saß.
»Uli,« stieß Friedrich hervor, »ich bringe den Sonntag und die Lotte Römer nicht mehr aus dem Sinn! Tag und Nacht muß ich an sie denken.«
Der Stoßseufzer des Bruders lenkte Ulrich von den eigenen Schmerzen ab. Es mußte schon schlimm um Friedrich stehen, daß der Gesunde, Bedächtige, der wohl noch nie von einem Mädchen geträumt hatte, in fiebriger Verliebtheit den Schlaf nicht mehr fand. »Da gibt es nichts, als du fragst sie um ihre Hand,« versetzte er. – »Bist du verrückt?« gab der Ältere zurück. »Ich die Lotte! Nein, so hoch darf ich die Gedanken gar nicht erheben. Aber einen schönen Tag möchte ich noch mit ihr verleben, dann von meiner Stelle scheiden und weit von Mainz suchen, wie ich mit ihrem Bild fertig werde.« – »Das kannst du noch, wenn sie wirklich Nein gesagt hat!« – »Da hast du eigentlich Recht,« seufzte Friedrich. »Aber das Fragen, das Fragen! Geht es dir nicht auch so mit der Lutz?«
»Fast,« erwiderte Ulrich. »Ehe ich sie aber um ihre Hand bitten kann, müßte ich noch einmal Nick Tappoli sprechen. Über die Nick geht mir doch keine!«
Da war Friedrich enttäuscht. Er warf sich auf das Bett zurück, und bald hörte Ulrich die regelmäßigen Atemzüge des Eingeschlafenen.