In der folgenden Nacht wiederholte sich ihr Gespräch. »Ich habe mich besonnen,« sagte Friedrich. »Als Dank für den schönen Sonntag im Garten sollten wir Lotte und Lutz zu einer Rheinfahrt einladen!« – »Das geht natürlich nicht, ohne daß wir den Vater Römer um Erlaubnis bitten!« warf Ulrich ein. – »Freilich,« seufzte Friedrich, und nun standen sie am Berg des Anstoßes. Durften sie es wagen, dem Alten ihr Anliegen vorzubringen? Darüber berieten sie nun den folgenden Tag, die folgende Nacht. Friedrich war sehr zaghaft; hinter der Jovialität des Vaters Römer, das wußte er, stak doch auch viel Stolz und Strenge.
»Ich will einmal mit Lutz sprechen,« löste Ulrich den Knoten, »und sie offen fragen.«
Die Gelegenheit gab sich. Lutz spitzte gelüstend den Mund. »O ja, eine Rheinfahrt! Wie herrlich! Wir dürfen dann zwar den Zirkus nicht besuchen, aber eine Rheinfahrt mit Ihnen ist viel schöner. Der Vater hat von Appelius sehr Erfreuliches über Sie gehört, jeder von Ihnen wäre imstand, selbständig eine Fabrik zu leiten. Da wird er nicht Nein sagen. Er darf es nicht!« setzte sie schelmisch hinzu.
Das wohlwollende Urteil des Herrn Appelius stärkte den Mut der Brüder. Wie zu einem hohen Fest angetan, standen sie vor der Römerschen Tür. Als sie aufging, warteten dahinter übermütig die Mädchen, und in das Zimmer Römers hinein erhielt jeder einen heimlichen Ermunterungspuff, Friedrich von Lotte und Ulrich von Lutz. Dieser machte den Sprecher.
Römer erwiderte trocken: »Sie haben so gute Advokatinnen angestellt, daß ich zu dem Sonntagsausflug bloß Ja und Amen sagen kann. Also machen Sie mit den Töchtern die Fahrt und bringen Sie dieselben wieder gesund zurück. Es ist das erste Mal, daß sie mit jungen Männern ausfliegen dürfen!«
Als die Mechaniker in ihr Quartier hinaufstiegen, wischte sich Friedrich den Schweiß von der Stirne, und ein Freudenruf von Lutz kam wie ein Glockenton leise die Treppe empor. Heimlicher Jubel der Jugend herrschte oben und unten im Haus.
Am Vorabend der Fahrt aber erlebte Ulrich noch etwas recht Ärgerliches, einen Brief der Werra Barensky, in dem sie ihm in ihrem falschen Deutsch schwere Vorwürfe machte, daß er Mab vorgelogen habe, er verreise, und daß er sie nie besuche; er solle nun aber kommen, sobald als möglich!
Ulrich fand gerade noch Zeit, den Brief einzustecken, ehe Friedrich dazukam. Seine schlechte Laune verschlimmerte sich, als ihm die Hauswirtin mitteilte, ein merkwürdiges junges Wesen, wahrscheinlich vom Zirkus, habe den Brief gebracht. Wenn sich das nun über den Flur treppauf, treppab flüsterte!
Spät abends noch verließ er entgegen seiner Gewohnheit das Haus, ohne Ziel lief er durch die Stadt. Seine Gedanken waren nur bei dem Brief. Was sollte er mit einem Weib, dessen Bild auf riesigen gelben Papierbogen an allen Straßenecken klebte? Pfui Teufel! Wie eine Drohung aus der Hölle kam ihm der Brief vor. Welche Widerwärtigkeiten mußte er noch von der Artistin befürchten! Erst um Mitternacht kam er heim. Friedrich lag in tiefem Schlaf, eine frohe Stimmung auf dem Gesicht: vielleicht träumte er von Lotte Römer, vielleicht war es auch nur die Vorfreude auf die morgige Fahrt. »Könnte ich mit so gutem Gewissen schlafen wie du!« seufzte der Jüngere.