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Das Doppelpaar trat den Ausflug an. Als das Schiff die Räder zu drehen begann, deckten leichte Schwaden von Nebel noch Strom und Ufer. Lotte und Lutz aber lachten schon frohmütig in den Tag. Bald goß aus wolkenlosem Himmel die Sonne ihre Strahlen über den Rhein. Sie schlüpften aus ihren Mänteln und waren in ihren duftigen Sommerkleidern wunderschön anzusehen: die kräftige Lotte im Braungold der Zöpfe wie die schlanke Lutz in ihrem hellen Blond, beide frisch wie der Morgen, die Augen voll jugendlicher Klarheit, die Herzen und Lippen bereit, sich zu freuen.

Dörfer und Städtchen, Burgen und Schlösser grüßten, die fruchtbare Ebene sonnte sich im Morgenstrahl, grüne Berge tauchten empor, und das Boot glitt hinein in die gesegneten, vielbesungenen Hügelufer. An den dunkeln Giebeln von Bingen vorbei warf der Strom sich in die Schlucht des Binger Lochs und kam ins Schäumen und Brausen, als wandle er auf den Spuren seiner Hochgebirgsjugend: an Klippen brach sich der Gischt, und die Wasserkühle wehte aufs Verdeck. Nun lachte der kleinen Gesellschaft Aßmannshausen entgegen. Das Gemüt wurde ihr weit vor Schönheit, sie einigte sich, hier auf der Rückfahrt auszusteigen und gegen Abend den Weg über die Niederwaldhöhe zurück nach Rüdesheim zu Fuß zu gehen.

Lotte und Lutz kannten die Ufer von Wanderungen mit ihrem Vater her recht gut und wußten aus der Erinnerung manches zu erzählen. An Friedrich hatten sie einen dankbaren Zuhörer. Ulrich aber blieb etwas geistesabwesend, denn der Gedanke an die Barensky ließ ihn nie völlig los, und der Ausflug der Eglisauer Jungmannschaft mit Nick strich ihm durchs Gedächtnis. »Die Überstunden! Sie arbeiten zu viel,« versuchte Lutz ihn aufzumuntern. Mit rosigen Fingern bot sie ihm einen geschälten Apfel an. Dankbar blickte er ihr ins Gesicht. Es ging ihm sonderbar, wenn er das frische Wesen sah. Nick oder Lutz? Darüber erwachte ein träumerischer Streit in seiner Seele. Wo waren die größeren Vorzüge? Nein, die stolze Nick mit dem Einschlag italienischen Blutes, das ihrem Gesicht eine so große Vornehmheit gab, konnte er nie vergessen; aber gewiß würde er auch bei Lutz, die deutsches Wesen so rein und innig verkörperte, ein volles, tiefes Glück finden.

In seinen Traum klang ein Wort, das Lotte an Friedrich richtete: »Es ist etwas Merkwürdiges an Ihnen beiden. Sie sind so einfach, so grad, als ob Sie sich gar keine Mühe gäben, etwas zu scheinen, und setzen sich doch überall in Ansehen.« Auf Friedrichs Gesicht glänzte die Freude über die Anerkennung des geliebten Mädchens. Lutz aber neigte sich zu Ulrich und flüsterte: »Das hat der Vater von Ihnen gesprochen.« Und den Männern wuchs der Mut.

Bald mit ihren eigenen vollen Herzen beschäftigt, bald mit der Schönheit der Landschaftsbilder, genossen die Paare die Fahrt. Hoch zur Linken grüßte die malerische Ruine Rheinstein, hart am Strom winkte die baumumschattete Klemenskirche, die aus grauen Jahrhunderten erzählt, darüber die Ruine Falkenstein; dann der Flecken Lorch mit rundem Uferturm, hoch oben der Nollicht, auch ein Hort der Sage, Schloß Sonneck und Ruine Fürstenberg – eine Burg der andern so nah, daß man sich von ihren Zinnen zurufen könnte.

»Wer all die lustigen und traurigen Geschichten wüßte, die um die Mauern gehen,« meinte Lutz. »Bacharach, das alte, liebe Nest!« rief sie. »Da waren wir als Schulmädchen oft in der Weinlese. Die schöne Ruine ist die Wernerkirche und die Burg oben das Schloß Stahleck. Wie oft sind wir dort mit Buben und Mädchen herumgeklettert im bunten Herbst!«