Schon ragte aus dem von Dampfern, Kähnen und Flößen belebten Strom die Pfalz bei Kaub, der dicke Wachturm mit den vielen Seitentürmchen. Da erzählte Lutz mit aufquellender vaterländischer Begeisterung vom Rheinübergange Blüchers in der Neujahrsnacht 1814. Ulrich merkte: ihr Schulsack war nicht gering, und warmer Anteil für vieles bewegte ihr die Seele.
Vorüber waren die Spitzgiebel von Kaub, die runden und viereckigen Türme von Oberwesel, klippiger wurden die Uferhügel, über verborgene Felsen schäumte der Rhein; auf dem Schiff erhob sich das Lied von der Lorelei, und die Brüder fielen mit prächtigen Stimmen ein. »Lotte und ich können leider nicht singen,« gestand Lutz. »Schon in der Schule hat man uns gesagt, daß wir Spatzen seien.« Ulrich aber fand, in ihrer jungen Lieblichkeit sei sie auch ohne Gesang ein Lied.
In weitem Bogen zog das Schiff um den Felsen der Lorelei, Stromkühle und mittägliche Sonne spielten um das Schiff, stets fröhlicher wurden die Gesichter der Ausflügler. Wie herrlich war die Fahrt! Auf jedem Hügel stand ein Schloß, entweder in Ruinen oder mit hellglitzernden Fenstern, am Ufer lehnten die verträumten Kirchen. Überall Sagenstimmung. Aus den Rebbergen schimmerten Landhäuser und hielten ihre Fahnen empor. Das Dorf Kamp lachte aus üppigen Nußbäumen. St. Goar und St. Goarshausen kamen und gingen, das klosterreiche Boppard stellte seine lange Giebelreihe ans Ufer, dann Rhens – mit dem Königsstuhl, in dessen rechteckigem Kanzelbau die Kurfürsten den Kaiser kürten –, und über dem malerischen Städtchen Oberlahnstein ragte das prächtige, efeuumkränzte Schloß Stolzenfels mit Kapelle, Terrassen und Gärten, in anmutig bewegtem Gebirgsrahmen die schönste Burg am Rhein, der breit wie ein See an ihr vorüberwallt.
In Koblenz verließ die kleine Gesellschaft das Boot. Bis die Fahrt wieder rheinauf ging, hatte sie eine reichliche Stunde Zeit. Sie hielt Mittag in einem Wirtschaftsgarten, vor sich die uralte vierzehnbogige Brücke über die Mosel, die aus einem Hintergrund schöner Berge durch reiches Grün in den Rhein hervorfließt. Harmloses, inniges Glück lag auf den Gesichtern der Mädchen. Ulrich, selber verwirrten Herzens, flüsterte dem Bruder ins Ohr: »Jetzt fort mit den Bedenklichkeiten! Bitte heute noch Lotte um ihre Hand!« Der versonnene Friedrich wurde rot und nickte ihm zu.
Wieder fuhren sie durch die reichen, wechselnden Bilder der Rheinlandschaft dahin, doch jetzt stromauf, und als sie das Boot in Aßmannshausen verließen, lag noch ein langer, schöner Abend vor ihnen.
Durch Waldesschatten stiegen sie hinauf gegen den Niederwald und dann auf den Aussichtsturm in der Höhe, unter sich flimmernde Buchen und Eichenkronen, den aus weiter Ferne heranwallenden, im Lichte golden erzitternden Strom, die stolz auf ihm daherziehenden Dampfer, die Burgen auf den Rebenhügeln und die fruchtbare Ebene mit den schimmernden Dörfern.
Aus den Augen Friedrichs blitzte die Entschlossenheit. Noch auf dem Turm gab er dem Bruder einen Wink, mit Lutz voranzugehen. Plaudernd zog der Jüngere die Ahnungslose hinweg und sagte, die andern würden schon nachkommen. Im Angesicht der herrlichen Landschaft schritten sie durch die Weinberge gegen Rüdesheim hinab und unterhielten sich über die Bilder am Weg. Plötzlich aber wandte Lutz den Kopf: »Ja, dort oben kommen sie, – doch wie langsam! Was haben sie nur? Beide senken die Köpfe, wie wenn sie Goldstücke suchten.«
Ulrich lächelte geheimnisvoll, Lutz aber erriet den Zusammenhang und rief übermütig: »Ich glaube, die beiden verloben sich! Das ist fein! Lotte hat Ihren Bruder schon lange lieb. Warum sind wir nicht dabei? Ich bin so furchtbar neugierig, wie sie sich benehmen. Sehen Sie, jetzt haben sie sich geküßt. Friedrich schlingt den Arm um die Hüfte Lottes. Jetzt kommen sie miteinander wie Hermann und Dorothea. Ist das nicht wundervoll?«
»Was aber wohl Ihr Vater dazu spricht?« fragte Ulrich. Da flog ihr doch ein Schatten über das helle Gesicht, sie seufzte: »Es wird schon einen Kampf geben. Lotte hat aber doch Recht.«