Langsam und selbstvergessen kam das Liebespaar den Weg herabgestiegen. Als er das glückselige Gesicht des Bruders sah, wurde Ulrich von einer ihm unbekannten Rührung ergriffen, mehr noch, als Lotte seine Hand nahm. »Wer hätte heute morgen gedacht, daß ich dich am Abend Schwager nennen dürfe. Also du auf du! Ich will dir eine gute Schwester sein.« Sie gab ihm einen herzfrischen Kuß zur Besiegelung ihres Wortes und umarmte immer und immer wieder die Schwester. Friedrich gab Lutz ebenfalls einen Kuß, und Ulrich war nahe daran, seinerseits das Herz vollends an die Jüngere zu verlieren.

Von Bingen herüber kam aber schon das Schiff, das sie zur Heimfahrt benutzen wollten. Sie eilten nach Rüdesheim hinab und fuhren im goldenen Abendschein der eigenen Stadt entgegen. Nun aber ihre Türme zum Vorschein kamen, berieten die Schwestern doch in etwas bänglichem Flüsterton, wie sie dem Vater das Ereignis mitteilen sollten. Sie wurden einig, daß Friedrich und Ulrich zunächst, als hätte sich nichts von Belang ereignet, vor die Eltern treten und dann in ihrer Kammer warten sollten, bis eine von ihnen Friedrich in die Wohnung hinunterrufe. Kaum hatten sie den Plan verabredet, als das Boot in der Abenddämmerung das Ziel erreichte. Am Landungssteg holte das Ehepaar Römer die Gesellschaft ab. Friedrich hatte Herzpochen, Ulrich führte das Gespräch, erzählte von den Freuden des Ausfluges, und unter der Tür bedankten sich beide schlechten Gewissens für die Ehre und das Vertrauen, das ihnen von den Eltern Römer erwiesen worden war.

Friedrich hoffte heimlich, er werde noch am Abend gerufen, aber er horchte umsonst nach dem Glockenton, mit dem die Schwestern ihre Zeichen gaben. Er und Uli mußten zur Ruhe gehen, ohne zu wissen, wie sich Vater Römer zu der Liebe seiner Ältesten stellte.

Am folgenden Tag wollte Friedrich fast verzagen. Als die Brüder aber zum Mittagessen hinaufstiegen, da streckte Lutz den Kopf aus der Tür und flüsterte ihm zu: »Du bekommst eine Einladung zum Nachtessen.« Ihr Lächeln verriet kaum getrocknete Tränen.

Die Verlobung war also beim Alten auf Widerstand gestoßen. Selbst die Brüder fanden es begreiflich. Sie waren doch nur als Gesellen in Mainz zugewandert, Friedrich dazu erst seit sechs Wochen, und nur ihre guten Stellungen bei Appelius gaben ihnen einiges Ansehen. Die Römer aber waren eine alte Bürgersfamilie, vielleicht nicht gerade reich, doch in Verhältnissen, die sie für die Zukunft der Töchter Ansprüche machen ließen.

Die beiden Überstunden von sieben bis neun Uhr erschienen Ulrich an diesem Tage furchtbar lang. Als er endlich in brennender Neugier das Haus betrat, wurde er von Lutz mit klingendem Lachen in die Wohnung gerufen und traf dort bei Wein, Kuchen und Obst ein stillglückliches Bild: Lotte Hand in Hand mit Friedrich und diesen in friedlichem Gespräch mit dem Vater der Braut. Die Wogen hatten sich geglättet. Auch er fand in dem Familienkreis herzliche Aufnahme.

Beim Anstoßen auf die Verlobung sagte Lutz schelmisch: »Auf Schmollis, Ulrich, wir sind ja jetzt Verwandte! Und von dem Fest bekomme auch ich ein Butterbrot. In vierzehn Tagen wollen Friedrich und Lotte zu euern Eltern in die Schweiz reisen und sich als Paar vorstellen. Da darf ich als Begleitdame mit und sehe, wie es in eurer Heimat ist, den jungen, wunderklaren Rhein und die weißen Schneeberge.«

Auch Ulrichs Sinne gaukelten über die Gestade der Jugend: er malte sich das Glück der Eltern aus, wenn Friedrich mit einer so schönen und feinen Braut daheim erschien, dazu die fröhliche Lutz. Die Schwestern würden von ihnen nicht enttäuscht sein: Vater und Mutter verstanden es, sich eine schlichte Würde zu geben.

Mehr noch als das Geplauder des lieben Mädchens an seiner Seite fesselte ihn das Gespräch, das Römer mit dem künftigen Schwiegersohn führte. Nachdem er seinen Widerspruch aufgegeben hatte, richtete er seine Gedanken mit väterlicher Wärme auf die Zukunft des Paares; doch war es ihm offenbar eine unangenehme Vorstellung, daß der Freier in abhängiger Stellung stand.