Erst Pfarrer Tappoli, der irgendwo am Strom der Anglerei obgelegen hatte, löste das Rätsel. Obgleich ihn der stöhnend daliegende Knabe dauerte, glitt ihm doch ein Lächeln um den Mund: »Der neue Schneider von Ulm!«

Das verstand nun Ulrich nicht; er merkte aber doch, daß das Wort irgend etwas Närrisches andeutete. Vor Scham vergaß er einen Herzschlag lang seinen Schmerz.

Eine Schulter war ihm verrenkt, ein Fuß gebrochen.

Die Leute banden die beiden zerzausten Weiden- und Schilfflügel zu einer Tragbahre zusammen. Auf den Schwingen, die ihn hätten über den Rhein führen sollen, wurde der tollkühne Junge, der sich jetzt am liebsten in die Erde verkrochen hätte, unter mancherlei Geleit ins Städtchen gebracht. Neben der Bahre lief die schlanke Nick, unbewußt hielt sie die dunklen Lichter in die geängstigten blauen Augen des Verunglückten gerichtet.

Noch vor dem Städtchen kam, was Ulrich am meisten fürchtete: die Begegnung mit dem Vater. Das Gesicht bleich vor Zorn, trat der breitschultrige Schmied mit dem blonden Vollbart an den Knaben heran. Jemand von den Seinen in aller Leute Mund und Gespött! Das war mehr, als Junghans ertrug. Ehe er aber die Lauge seiner Wut ausschütten konnte, erkannte der Pfarrer das herannahende Gewitter, nahm ihn auf die Seite und sprach mit ihm von altem gutem Einvernehmen und davon, daß man einen Bubenstreich nicht gar zu ernst nehmen dürfe; den mißlungenen Flugversuch Ulis um so weniger, als der Junge ja den Versuch nicht aus böser Absicht oder niedriger Denkart, sondern aus einer lebhaften Einbildungskraft unternommen und der Übermut seine Strafe bereits in sich selber gefunden habe.

Meister Martin ließ sich halbwegs beruhigen, beherrschte den Zorn und versetzte nur: »Jetzt wird mein Uli entweder etwas ganz Rechtes oder etwas ganz Schlechtes. Wer solche Jugendstreiche begeht, findet den goldenen Mittelweg nie!«

»In Uli liegt bloß das ganz Rechte. Keine Bange, Meister,« erwiderte der Pfarrer in klingendem Brustton.

Die Männer hatten das alte Haus in der Obergasse erreicht und den Verwundeten in die Stube getragen. Da es nichts mehr zu gaffen gab, zerstreuten sich die Neugierigen. »Wir haben in Eglisau wohl schon manche seltsame Leute erlebt,« plauderten sie, »sogar einmal einen, der den ewigen Umgang studierte und darüber irrsinnig geworden ist; aber einen, der fliegen wollte, doch noch nie.« Ein paar Alte hatten aus den Kalendern noch die Geschichte des Schneiders von Ulm im Gedächtnis. Die lief nun durch das Städtchen. »Albrecht Berblingen hieß er und verfertigte nicht bloß Kleider, sondern auch Kinderwägelchen, sowie künstliche Arme und Füße für Verstümmelte. Am 30. Mai 1811 wollte er mit einer selbsterfundenen Maschine im Beisein vieler Zuschauer von der Stadtmauer in Ulm die Donau überfliegen, fiel aber elendiglich in den Fluß. Der König, der eben in der Stadt weilte, schickte dem Narren zwanzig Louisdors zum Trost, der Schneider jedoch wurde darüber nur noch verrückter. Er ließ sich für ein Wachsfigurenkabinett nachbilden und wurde neben anderen berühmten Persönlichkeiten als Spottgestalt in allen deutschen Städten ausgestellt. Damit brachte er viele Schande über die ehrsame Schneiderzunft und seine gesamte Vaterstadt.« So ging die Erzählung.

Einige sagten: »Die Geschichte des Schneiders ist im Schwabenland geschehen. Bei uns in der Schweiz, wo wir klüger sind, weiß bis auf Uli Junghans jedes Kind, daß man das Fliegen den Vögeln überlassen muß. Wenn wir Eglisauer nun bloß seinetwegen nicht auch in den Kalender kommen!« Die meisten aber waren froh, daß in dem stillen Städtchen wieder einmal etwas geschehen war, worüber man bei der Rebenarbeit ausgiebig sprechen, sich sittlich entrüsten und eine Familie bemitleiden konnte. »Der unglückliche Meister Martin! Was wird der noch an seinem zweiten Buben erleben! Und es sind doch rechtschaffene Leute, der Schmied und sein Weib.« –

In der Kammer lag Ulrich während der schönen Sommerszeit. Über das Ende des Schragens lief auf einer Holzrolle ein Seil, das ihm durch ein freihängendes Steingewicht den gebrochenen Fuß streckte, und von der Decke hing wieder ein Strick, an dessen Handhabe er sich notdürftig emporrichten konnte, doch der zerquetschten Schulter wegen nur unter Schmerzen.