Hie und da sahen Mutter, Geschwister, Verwandte und Bekannte nach ihm, und wer aus dem Städtchen kam, erzählte ihm die Geschichte des Schneiders von Ulm. »Hätte ich um den Albrecht Berblinger früher gewußt,« stöhnte er, »so wäre mir der Gedanke an das Fliegen nie gekommen und ich läge nicht so elend darnieder.« Nein, auf seinem unseligen Abenteuer schwebte nicht einmal der Reiz des noch nie Dagewesenen. Und jetzt hatte er schon so oft von Berblinger gehört, in alten Kalendern sein marktschreierisches Bild gesehen, daß er, wenn man ihm davon sprach, die blauen Augen und den blonden Kopf nur noch trübselig und ergebungsvoll gegen die Wand wendete. Noch mehr als unter der närrischen Geschichte aber litt er unter dem grolligen Benehmen des Vaters, an dem er doch mit der Leidenschaft des jungen Herzens hing.
Meister Junghans ärgerte und schämte sich bis auf die Knochen, daß einer seiner Jungen mit dem Gaukler von Ulm im gleichen Atemzug genannt wurde und wohl den Vergleich sein Leben lang tragen mußte. So ungehalten war er darüber, daß er nie in die Kammer des Dulders trat, sich nur gelegentlich bei der Mutter nach seinem Befinden erkundigte, und auch dann noch in einem Ton, als ob er sich mit der Nachfrage etwas an seiner Mannesehre vergebe.
Unter der zürnenden Art des sonst gutherzigen und gerechten Vaters litt nun die gesamte Familie, Ulrich oft bis zu heißen, heimlichen Tränen.
Da war es ihm ein großer Trost, daß neben manchen ihm gleichgültigen Leuten zuweilen auch die schlanke, schmale Nick Tappoli mit dem bildsaubern Köpfchen an seinem Lager erschien. Nie kam sie mit leeren Händen. Sie brachte ihm ein paar Blumen aus dem Pfarrgarten, Frühäpfel oder Pfirsiche, oder aus dem Fruchttrog weiche, gedörrte Birnen, die von weißem Fruchtzucker überlaufen wie Honig schmeckten. Oft mit seiner Schwester Marie, oft allein saß sie bei ihm und plauderte. Und wenn er einmal in Schmerzen zuckte, blinzelten ihm ihre dunklen Augen ermunternd zu: »Wenn du nicht hättest fliegen wollen, so könnte ich auch nicht so dasitzen, dich bemitleiden und bemuttern. Und das ist mir doch ein großes Vergnügen!«
Nick, das heißblütige Wesen, sah Uli fast so gern wie er sie, und er merkte es mit jubelnder Seele.
2
Nick, die mit ihrem eigentlichen Namen Monika hieß, war das Nesthäkchen des Pfarrhauses, ein hageres, zartes Geschöpf, doch von lachender Frische, mit dunkeln Augen und krausen Locken, noch eckig und zehnjährig kinderhaft in ihren Bewegungen, aber in allem, was sie tat, voll heimlichen Feuers. Fragte man sie, was sie im Leben werden wolle, erwiderte sie mit nachdrücklichem Ernst: »Eine Mutter!«
An dieser Antwort war nun nichts Besonderes. Wie viele kleine Mädchen mögen so denken und reden! Das Besondere war das warme Zugreifen, mit dem Nick den mütterlichen Trieb betätigte. Wenn die Frauen des Städtchens in den sonnenheißen Reben arbeiteten, sammelte sie die kleinen Kinder im Pfarrhof und von der Höhe des Studierzimmers hatte Tappoli Gelegenheit, ihr Pflegerinnentalent zu beobachten und darüber zu lachen. Namentlich aber hatte es ihm ein Streich der Jüngsten angetan.