Eine Woche hatte sie nun Zeit, sich das Gesicht Ulrichs auszumalen, wenn ihn ihr Brief überraschte, wenn sich der aus freiem Entschluß Verschollene von der Heimat entdeckt sah. War es ihm ein Schrecken oder eine Freude? Vielleicht beides zusammen.

Da sprach unerwartet Marie für einen Augenblick in der Pension Bretscher vor. »Liebe Nick,« sagte sie etwas beschämt. »Ich muß dir nun doch für den Brief an Uli danken. Er hat den Eltern in Eglisau geschrieben. Bei ihnen herrscht unbeschreibliches Glück darüber, daß er Direktor einer großen mechanischen Werkstätte ist und daß er sie bald einmal zu besuchen gedenkt. Davon, daß du ihm einen Stoß gegeben hast, steht in seinem Brief kein Wort, die Eltern sind also überzeugt, sein Schreiben und seine Heimkehr kommen aus freiem Entschluß, und freuen sich darüber um so mehr. Mein Mann und ich stören sie in dem Glauben nicht. Und auch, was den Jungen betrifft, mischen wir uns nicht ein. Uli soll das selber mit Vater und Mutter ausmachen. Mein Mann hat mir über meine Ansichten in diesen Dingen den Kopf so gründlich gewaschen, daß ich jetzt lieber den Mund halte. Neugierig bin ich bloß, ob Uli den Jungen mit in die Heimat bringt.«

Marie verließ Nick mit freudestrahlenden Augen, und diese selber trug ein Glück im Herzen, daß sie oft an sich halten mußte, um nicht das Haus mit ihren Liedern zu erfüllen. Manchmal klopfte ihr aber auch das Herz heftig, dann, wenn sie sich ein Bild zu machen suchte, wie sich wohl das Wiedersehen zwischen ihr und Ulrich gestalte. Warum schrieb er ihr nicht im voraus eine Zeile? –

So waren wieder vierzehn Tage vergangen. Da kam Maries Mädchen als Botin und überbrachte ein Briefchen: »Liebe Nick! Neuigkeiten von Uli. Komm vorbei. Ich möchte Dir etwas zeigen. Gelt, Du kommst, so geschwind es Dir möglich ist? Marie.«

Nick legte die Bitte der Frau Bretscher vor. »Selbstverständlich. Sie gehen sofort zu Ihrer Freundin,« entschied diese nach kurzem Besinnen. »Ich verstehe Sie und folge Ihrer Freude teilnehmend, doch auch in der Vorahnung, daß wir Sie, liebe Monika, bald verlieren werden. Aber jetzt Glück auf den Weg!«

Als Nick in die Lehrerwohnung trat, hielt ihr Marie ein Bild hin. »Schau einmal!« sagte sie mit schelmischem Blick und beobachtete die Freundin mit verhaltener Neugier. Auf dem Bilde war ein Kind zu sehen, mit edel geschnittenen Zügen und tief dunkeln Augen, ein Kind, dessen Geschlecht aus der Kleidung noch nicht zu erkennen war, das aber wohl ein Knabe sein mußte, da es mit kräftigem Händchen einem stattlichen Schaukelpferd in die Mähne griff.

Nur ein Herzschlag: – »Der kleine Uli!« rief Nick. »Der kleine Uli! Wie herzig!«

Sie hatte es aber kaum gesagt, als die Tür des Nebenzimmers aufgerissen wurde. Ein großer, bärtiger, gebräunter Mann stürmte herein. Froh, frisch, gesund, mit blanken Augen und ausgebreiteten Armen eilte er auf sie zu: »Nick – Nick!«