In der Tat ging sie noch an diesem Tage zu Marie Keller, die ein Töchterchen in den Armen wiegte. Sie bewunderte das halbjährige, wohlgedeihliche Kind, wie es das Mutterherz erfreute, bei einer günstigen Wendung des Gespräches aber führte sie jenen Namen, der so lange unausgesprochen zwischen ihnen geblieben war, endlich wieder einmal über die Lippen.

Die kräftige Marie sank mit ihrem Kinde in einen Stuhl zurück. Mit wenigen Worten, deren Kälte Nick ins Herz schnitt, tat sie den Bruder ab. »Die Eltern vergrämen sich in Sorge um ihn, nach all den übeln Gerüchten haben sie selber von ihm nichts mehr gehört, und alle Versuche, von seinem Aufenthalt etwas zu erfahren, sind vergeblich geblieben. Wir müssen fast wünschen, daß er irgendwo ein nicht allzu böses Ende gefunden habe. Wenn die Eltern nur diese traurige Gewißheit hätten!«

Nun wurde Nick die Anwaltin Ulrichs, und sogleich merkte Marie, daß die Freundin mehr um den verschollenen Bruder wußte als die eigene Familie. »So sprich doch – um Gottes willen erzähle! – Was weißt du durch Jaberg von ihm?«

Nick hielt nicht hinter dem Berge und gestand der überraschten Frau Keller alles und jedes, was sie von Ulrich wußte.

»Ein Kind – ein uneheliches Kind – von der wilden Frau!« schrie Marie auf, daß selbst die Kleine auf ihrem Arm unruhig wurde und zu weinen begann. »Nun verstehen wir! – Nein, so kann er freilich nicht heimkommen, der Taugenichts! – Das ist eine Schande für die Familie!«

»Wenn ich aber Ulrich für mich heimrufe,« trotzte Nick, »wenn ich seinem Jungen Mutter werden will?«

»Nie – nie darfst du das tun!« empörte sich Marie, die über die Enthüllungen Nicks an Leib und Seele zitterte.

Es war ein Glück, daß in diesem Augenblick Lehrer Keller, der aus der Nachmittagsschule kam, zu den beiden aufgeregten Jugendfreundinnen trat. Sein Erscheinen beruhigte die fassungslos gewordene Marie. Zwar auch er war mächtig überrascht, daß durch Nick plötzlich hellscharfes Licht in das Dunkel fiel, das bisher das Schicksal seines ihm unbekannten Schwagers Ulrich umgeben hatte, aber er nahm die Tatsachen leichter als seine bebende Frau. Er bat sich die Freiheit aus, Nick bis zu ihrer Pension zurückbegleiten zu dürfen. Sie wählten dafür einen weiten Umweg und besprachen den Lebensgang Ulrichs noch einmal eingehend. Beim Abschied sagte er in seiner trockenen Art: »Ja, liebe Nick, ich glaube doch, daß Sie den geplanten Brief schreiben dürfen. Schon schwierigere Dinge sind in der Welt ins Blei gebracht worden. Mag die Familie Junghans sich jetzt entsetzen vor Scham, – wenn Uli und sein Kind einmal dastehen, so siegt ja doch die Stimme der Natur und des Blutes. Bei meiner Marie werde ich zuerst dafür besorgt sein!«

Unter der Adresse, die ihr aus Jabergs Erzählung fest in Erinnerung geblieben war, schrieb nun Nick an Ulrich Junghans in Debreczin den Brief, wie sie sich ihn zurechtgelegt hatte. Ohne Angabe, woher sie seinen Wohnsitz kenne, legte sie ihm einfach die Pflicht nahe, seinen um ihn tiefbesorgten Eltern ein Lebenszeichen zu geben. »Am besten aber würde es sein, wenn Sie sich zu einer Reise in die Heimat entschließen könnten.«

Ein einfaches »Auf Wiedersehen!« vor ihrer Namensunterschrift war das einzige, woraus Ulrich erkennen mochte, daß auch ihrerseits ein herzliches Willkommen seiner warte. Es schien ihr deutlich genug.