Sie fragte sich immer wieder, ob es denn wahr sei, was in dem Briefchen Jabergs gestanden hatte: daß ihre Festigkeit ihm die seine wiedergegeben habe. Und in ihrem Nachsinnen darüber wurde ihr klar, was für eine Bedeutung ihre Freundschaft mit Jaberg für sie haben sollte. In aufdämmernder Selbsterkenntnis hatte sie einst in der Unsicherheit ihrer Gefühle einen verhängnisvollen Fehler ihres Charakters gesehen – jetzt war sie darüber hinausgewachsen in der strengen Schule des Lebens, jetzt hatte sie diese Unsicherheit überwunden und sah ihren Weg klar vor sich.
Und in einem heiteren Morgentraume ging sie Hand in Hand mit Ulrich Junghans durch die Gefilde ihrer Kindheit.
24
In eingehendem Gespräche setzte Nick am nächsten Tage der Frau Professor auseinander, was für Beziehungen zwischen ihr und Jaberg bestanden hatten. Im tiefsten Grunde ihrer Seele sei sie dem Schicksal dankbar, daß es dem Schwanken ihrer Gefühle ein Ende gemacht und sie zur Klarheit geführt habe. Zum ersten Male sprach sie mit der verständnisvollen Frau auch über Ulrich Junghans und machte kein Hehl daraus, daß es vor allem das uneheliche Kind des Jugendfreundes sei, das ihr den Weg zu ihm zurück verschließe.
Da glitt ein feines Lächeln über die ernsten Züge der Frau Bretscher, und mit ihrer sanften Stimme, die Nick schon oft wohlgetan hatte, sagte sie ruhig: »Ich verstehe das gut, liebe Monika, und an Ihrer Stelle würde ich wahrscheinlich ebenso fühlen. Ich weiß auch nicht, ob ich an Ihrem Platze klug und großherzig genug sein würde, um den Vorstellungen einer lebenserfahreneren Freundin Raum zu geben. Es handelt sich aber in dieser Angelegenheit doch um Vorurteile, über die ein edler Mensch sich hinwegsetzen kann und muß. Glauben Sie nicht, daß ich irgendeiner Zügellosigkeit das Wort reden will, – Sie kennen mich ja gut genug, um mich hierin nicht mißzuverstehen. Ich meine aber, daß es nichts Schöneres gibt für ein Menschenherz, als einem Verirrten auf den rechten Weg zurückzuhelfen, den er so gern wieder einschlagen möchte – und den er einschlagen würde, wenn ihn die Scham über seine Verirrung nicht hinderte. Dafür aber, daß er eine hilfreiche Hand verdient, gibt es doch wohl keinen besseren Beweis als eben diese Scham. – Und weiter,« fuhr sie nach einer Pause fort, in der sie die sinnende Miene Nicks mit stiller Freude beobachtete, »weiter, liebe Monika: Soll denn das Büblein, das aus dieser wilden Ehe geboren ist, lebenslänglich die Schuld seiner Eltern büßen, an der es doch so ganz unschuldig ist? Liegt nicht auch da für ein edles Frauenherz eine schöne, eine wunderschöne Aufgabe?«
Mit diesen Worten erhob sich die Frau Professor und reichte der immer noch versunken Dasitzenden beide Hände. Nick ergriff sie, herzliche Dankbarkeit in den großen dunklen Augen, und stand gleichfalls auf. »Hätte ich Sie doch schon früher kennen gelernt, Frau Professor,« sagte sie einfach. »Da wäre mir wahrscheinlich mancher Irrtum und mancher Irrweg erspart geblieben. Aber wer weiß, wozu auch die gut gewesen sind – für mich wie für Ulrich.«
»Sicherlich waren sie das,« bestätigte Frau Bretscher. »Nun aber sagen Sie mir: was wollen Sie tun, um den Faden wieder aufzunehmen, der zwischen Ihnen und dem Jugendfreunde zerriß?«
»Darüber will ich mit seiner Schwester beraten,« gab Nick ohne Zaudern zurück.