Nun spann sie ihrerseits das Märchen der Liebe. Der Gedanke, daß eine ererbte Schwäche an Jabergs Wesen hafte, beschwerte sie nicht, es kam sogar ihrer innersten Anlage entgegen, daß er der weiblichen Fürsorge bedurfte, und in ihrer Seele lag eine große Klarheit, daß keine wie sie es verstehen würde, ihm das Leben ruhig und wonnig zu machen. Plötzlich aber zerriß sie die Goldfäden der Träumerei. Was wollte sie neben Konstanze, die auf Jabergs Treue Anspruch erhob und zu diesem Anspruch berechtigt war?
Ohne daß er ihr ein Versprechen gegeben, schrieb Jaberg ihr ein paarmal von Mecklenhof, später von der Insel Borkum. An seinen Briefen durfte sie sich freuen, treues Gedenken atmete daraus, Naturlust und feiner Humor. Gegen Ende der Ferien blieb lange ein Brief von ihm aus, dann kam er selber mit dem leise aufjauchzenden Gruß: »Gottlob, da bin ich wieder bei Ihnen, Nick!« Als sie ihrer Freude Ausdruck gab, ihn so frisch und munter zu sehen. entgegnete er: »Vor vierzehn Tagen war es nicht so. Konstanze kam auf die Insel, und ihre Ansprüche an meine Gesellschaft warfen mich wieder auf den Schragen. Nur der glücklichen Vorempfindung, Sie wiederzusehen, verdanke ich es, daß ich so rasch hochgekommen bin!«
Lange war es wieder still zwischen ihnen, und es hätte scharfer Augen bedurft, um das besondere Einverständnis, das sie verband, aus dem täglichen Verkehr herauszumerken. Das Pensionsleben ging seinen Lauf. Nick erfüllte ihre Pflichten in Frohsinn. Es war so schön unter den vielen jungen Leuten, die sich ihre Ferienerlebnisse erzählten und, als sie damit zu Ende gekommen waren, Winterpläne entwarfen. Auch stand vom Herbst an eine vorzügliche Schauspieltruppe in der Stadt, die Theaterlust beherrschte die Pension, manche Eintrittskarte wurde Nick zuteil, und ein besonderer Genuß war ihr stets der Heimweg im sachte herabgleitenden Schnee. Die jungen Freunde besorgten und beschützten sie, und die Weihen einer Jungfrau von Orleans, einer Emilie Galotti oder einer Desdemona gingen ihr durch die Seele.
So kam der erste Hausball. Da schlug mitten in die fast ausgelassene Heiterkeit der Jugend ein jäher Blitz.
Schon war die Mitternacht vorüber, als Jaberg hinausgerufen wurde, da ein Herr ihn sofort zu sprechen wünsche, und nach einer Viertelstunde ängstlichen Harrens wurde auch Nick in das Zimmer gebeten, in dem sich Jaberg mit dem Fremden besprach. Da erfuhr sie, daß dieser, ein mit Jaberg befreundeter Arzt aus München, soeben eiligst von dort gekommen war, um ihn so schnell wie möglich zu seiner Braut zurückzuholen. Konstanze habe aus seinen Briefen herausgefühlt, daß er ihr mehr und mehr entgleite, gestern sei ihr das plötzlich zu einer unumstößlichen Gewißheit geworden, und in ihrer ungestümen Art sei sie auf den Bahnhof gelaufen, um sogleich zu ihm nach Zürich zu fahren; da aber in den nächsten Stunden kein Zug in die Schweiz fällig gewesen, sei sie nicht etwa im Warten zu ruhiger Besinnung gekommen, sondern immer aufgeregter geworden, bis sie sich auf einmal einer rasch hereinfahrenden Lokomotive entgegengestürzt habe – zweifellos in der Absicht, den Tod unter ihren Rädern zu suchen. Durch die Geistesgegenwart eines beherzten älteren Herrn an diesem schrecklichen Vorhaben gehindert, sei sie ohnmächtig zusammengebrochen und liege nun im Spital, wo sie in heftigen Fiebern jammernd nach ihrem Bräutigam verlange. Das einzige, was sie retten könne, so schloß der Arzt, sei Jabergs sofortiges Kommen.
Ernst und bleich sah dieser bald versunken vor sich hin, bald schmerzerfüllt und flehend in die Augen Nicks, als ob er von ihr Rat und Rettung erwarte.
Da erhob sich diese und ergriff mit festem Druck seine Hand. »Leben Sie wohl,« sagte sie leise, aber entschieden. »Es gibt keinen anderen Weg für Sie. Helfen Sie der Armen!«
Mit diesen Worten verließ sie ihn und begab sich auf ihr Zimmer. Noch klang die fröhliche Tanzmusik durch das Haus, doch fand Frau Bretscher den Augenblick, ihr zu folgen. In höchstem Erstaunen teilte sie ihr mit, daß Jaberg soeben mit dem Fremden aus dem Hause gegangen sei und ihr durch das Mädchen einen verschlossenen, hastig geschriebenen Zettel habe überreichen lassen. »Liebe Frau Professor!« stand darauf. »Ich muß fort, für immer. Nick wird Ihnen alles erklären. Der Festigkeit dieses herrlichen Mädchens verdanke ich, daß ich die meine wiedergefunden habe. Leben Sie wohl, verehrte Frau! Wegen meiner Sachen schreibe ich Ihnen aus München. Allezeit Ihr dankbarer Gerold von Jaberg.«
In wenigen Sätzen gab Nick der herzlich teilnehmenden Frau die nötigste Auskunft und bat sie, Näheres auf den kommenden Tag zu verschieben; jetzt aber möge sie zu den Gästen zurückkehren und Jabergs plötzliche Abreise mit einer Familienangelegenheit begründen, ihr eigenes Fernbleiben mit Kopfschmerz entschuldigen.
Allein geblieben, schritt Nick noch lange in ihrem Zimmer auf und ab, in das nur noch kurze Zeit das Geräusch des Balles heraufdrang: die Gäste mochten doch das Gefühl haben, daß der Zwischenfall ein für den allgemein beliebten Jaberg unerfreulicher gewesen sei, und beendigten das Fest früher, als Nick erwartet hatte.