Da spürte sie, wie die Augen Jabergs in geheimer Zärtlichkeit auf ihr ruhten. Das Blut stieg ihr in die Wangen, und unruhig flüsterte sie: »Wir werden gehen müssen.« Sie kam nicht mehr auf seine Beichte zurück. Was hätte sie dazu sagen können? Und er selber hatte auch keine Lust, noch weiter von Konstanze zu sprechen.

Wie still war der Abend im Forst! Nur eine Wildtaube hörte man gurren. Auf dem schmalen Fußwege ging er hinter Nick. Er pflückte einen Halm und ließ ihr die Spitze an die Wange streichen. Wie wenn sie eine Fliege davonjagen wollte, fuhr sie mit der Hand über das Gesicht, erst beim dritten Male merkte sie den Scherz. Sie wandte sich um und lachte: »Mir scheint, Ihnen ist leichter geworden.«

»Wenn man mit Ihnen geht!« gab er ebenso lachend zurück. Dann wurde es wieder still zwischen ihnen. Als sie die Höhe erreichten, tanzten doch noch goldene Sonnenfunken im Wald. Nach einer Weile sagte er mit leiser Verdrießlichkeit: »Jetzt kommt schon wieder die Stadt.« Sie pflückte Blumen, um damit den Abendtisch zu schmücken.

Da legte er seine Hand in die ihre. Mit einem ängstlichen Blick ließ sie ihn gewähren, sie wußte nicht, was werden sollte. »Was haben Sie für eine kühle Hand!« flüsterte er. »Nick, den ganzen Weg habe ich geträumt, wie schön es wäre, wenn Sie meine Frau würden! Ich habe Sie ja schon als Junge geliebt, und jetzt, als ich Sie nach Jahren wiedersah –« Sie stand bis ins Herz verlegen vor ihm, fand sich aber sofort: »Geträumt – es ist gut, daß Sie selber so sprechen. Noch besser wäre es, Sie erzählten mir Ihre Träume nicht. Die müssen ja doch Träume bleiben, – deutlich genug haben Sie selbst mir das heute erklärt.« Leise entzog sie ihm die Hand.

Da nahm er sie wieder und drückte einen Kuß darauf. »Verzeihen Sie mir, Nick,« bat er zerknirscht, hatte aber im nächsten Augenblick schon wieder das liebe Jungengesicht, dem niemand zu zürnen vermochte. »Ich weiß wohl, daß es ein Märchen ist. Es geht mir nicht so gut wie dem armen Heinrich, dem Rittersmann, der am Aussatz gestorben wäre, hätte sich nicht eine reine Jungfrau bereit erklärt, ihr Blut für ihn dahinzugeben. Aber ich darf doch das Märchen träumen, ich sei der Aussätzige und Sie das Mädchen, das wie durch ein Wunder mein eigen wird und mir mit ihren linden Händen über die Stirne und Lider streicht, bis sich die erregten Nerven wie Hunde niederlegen müssen. Sie haben ein so schönes Talent, zu beruhigen!«

»Und Konstanze von Lipönen?« erwiderte sie bitter.

Nun stand er wieder auf dem Boden der Wirklichkeit. Mit düsterm Ernst entgegnete er: »Nick, Sie sind grausam.«

Unterdessen waren sie aus dem Walde getreten. In Goldrauch lagen zu ihren Füßen Stadt und See, die Wasser belebt von Booten und Segeln. Nick liebte sonst das Bild, aber jetzt beachtete sie es kaum. In ihrer Seele wogte nur das Empfinden, daß zwischen Jaberg und ihr etwas anders geworden sei, daß er in ihr das Weib sehe, sie in ihm den Mann, und daß ihr auf den Ton der Geschwisterlichkeit abgestimmter Verkehr in dieser Form nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Die Wendung tat ihr leid. Es war ja nicht denkbar, daß sich daraus etwas Ersprießliches gestalte, sondern wahrscheinlich, daß darüber die feine Freundschaft in die Brüche ging.

Nur einmal kam Jaberg auf das Gespräch ihres Spazierganges zurück. Er teilte ihr erleichtert mit, seine Braut habe sich beruhigen lassen und eine gleich ihr künstlerisch begabte Freundin verschönere ihr jetzt den Münchener Aufenthalt. Auch waren die großen Ferien da, die er im Norden verbringen wollte. Sein Abschied war ein herzliches: »Auf Wiedersehen, liebe Nick!« –