»Nicht im mindesten,« erwiderte er ruhig. »Ich kenne mich selbst. Ein Fehler war auch, daß ich mich dem ärztlichen Studium zugewendet habe. Um mir selber helfen zu können, tat ich es, habe aber damit nur das Gegenteil erreicht, eine quälerische Selbstbeobachtung. Und bei wie vielem kann ich nicht mittun, was sonst ein Studentenherz erfreut! Zeche ich einmal wie die andern, so leide ich darunter eine Woche. Überhaupt, ich bin nicht so jung, wie ich sein sollte. Meine Stimme raschelt wie der Herbstwind im Wald, mein Kopf ist ein Stoppelfeld: etliche Jahre noch, und ich kann mich mit meiner Tonsur als Mönch einkleiden lassen.«

»Aber denken Sie an unsere schönen Bergwanderungen,« mahnte Nick. »Wie waren Sie da stets frisch!«

»Ja, die Natur!« versetzte er aufatmend. »Bei ihr Lebenszuflucht zu suchen, war seit Jahren mein Traum. Den Doktor wollte ich mir erringen, aber dann auf einem kleinen Gute Landwirt werden. Nun hat mir aber die Verlobung mit Konstanze diesen einzig vernünftigen Weg abgeschnitten. Nie wird sie Bäuerin. Ihre Welt ist der Konzertsaal, das Theater, die Gesellschaft – Orte, vor denen mir graut. Und der Schrecken von Mecklenhof ist selbstverständlich immer noch kein Vorbild der Weibessanftmut, sondern der leibhaftige Eigensinn. Bis zu Tränen wird sie zornig, wenn ich bei ihren Zerstreuungen nicht mittun kann. Folge ich ihrem leidenschaftlichen Ruf nach Wiedervereinigung, – was geschieht? Bald wird man mich als kranken Mann in eine Heilanstalt bringen müssen.«

Auf allerlei Wegen waren sie durch die Jung- und Hochwälder des Zürichbergs gegangen und ruhten nun beim Forsthaus auf waldumschlossener Wiese. In breiten Wellen lagen Tal und Hügel der östlichen und nördlichen Landschaften vor ihnen bis hinaus zur altersgrauen Kyburg, stilles Bauernland mit stillen Dörfern. Im nahen Tann piepten die Meisen, aus dem Buchenwald herüber pochte der Specht.

Nick blieb still. Das Bekenntnis ihres Freundes hatte sie erschüttert, zugleich war in ihr etwas Unglückliches erwacht, ein heißer Verdruß. In Jaberg hatte sie stets den Mann gesehen, an dessen Charakter kein Stäubchen klebte. Nun war er nach seiner eigenen Beichte einem Weib erlegen, das für ihn nur ein Lebensunglück werden konnte. Irgendein Frauenmund winkte, – herein fielen die Männer und zerbrachen sich das künftige Leben. Und was waren das für Weiber draußen in der Welt, die den ersten günstigen Zufall benutzten, um die Männer an sich zu reißen?

Den Waldsteig herauf kam ein Wanderer, der sang:

»Und ist es nicht das Röselein,
So ist es doch das Nägelein.
Was sagst du, Herz, dazu? –«

Überall das Gleiche! Wenn es die eine nicht war, war es die andere, wenn nicht die Lilie so die Schattenblume. Wie abgründig hatte Gott die Menschen erschaffen, Mann wie Weib!

Ein artiges Wirtsmädchen kam, Jaberg bestellte sich Weißwein, Brot und Speck und für Nick Kaffee mit Kuchen. Nun war es doch ein freundliches Ruhen in der Abendsonne und unter den grünen Bäumen, die ihre Schatten schräg und lang über die Wiese warfen. Die Stimmung Nicks wurde auch wieder besser.