»Die Wärterin aber kam, ein kräftiges, willensstarkes Weib, mit dem Gesicht einer Schleiereule und der Neigung für Rheinwein, ein Geschöpf, das den entwickelten Schönheitssinn Konstanzes empfindlich verletzte.

»Was tat diese? – Sie legte sich ins Bett, das Gesicht gegen die Wand, stand Tage, Wochen nicht wieder auf, klagte, wenn man sie dazu zwingen wollte, über Schmerzen in den Gliedern, gab vor, daß sie nicht gehen und nicht stehen könne, und ihr Gesicht, namentlich auch ihre Hände wurden so blaß und kraftlos wie die einer wirklich Kranken. Ärzte kamen, ein Halbjahr verging, irgend etwas mußte geschehen. Der Onkel tat das Törichteste, was er tun konnte, er steckte sie mit der Wärterin in eine Privatheilanstalt. Der Arzt des Unternehmens war für jeden Leidenden und jeden Tag mit einem Sonderbetrag bedacht, fand also seinen Vorteil dabei, wenn er die Kranken nicht gesund werden ließ, und dieses Schicksal drohte auch Konstanze. Sie merkte es, und als ich sie im letzten Sommer besuchte, bat sie mich auf den Knien, für ihre Befreiung zu sorgen. ›Oder dann laß mir wenigstens das Taschenmesser da, damit ich die Wärterin umbringe, die ich hasse wie den Tod!‹ Ich erkannte leicht, daß die Zeugnisse des Arztes, welche die geistigen Störungen Konstanzes beweisen sollten, haltlos waren. Als der Onkel gegen meine Vorstellungen taub blieb, beschloß ich ihre Entführung aus dem für sie unerträglichen Haus. Die Geschichte verlief sehr einfach und am hohen, hellen Nachmittag. Ich schmuggelte etliche Flaschen Rheinwein in ihr Zimmer, kneipte mit der Wärterin und warf ihr ein Pulver ins Glas. Eine halbe Stunde später duselte sie ein. Der Gärtner, den ich mit einer Banknote bestochen hatte, rückte eine Leiter, auf der er die Schlingrosen an der Hauswand säuberte, ans Fenster und ging mit seinen Gesellen wie sonst zu Bier und Rettich. Der Augenblick der Flucht war da. Nachdem Konstanze der schnarchenden Wärterin übermütig mit Kohle einen Schnurrbart ins Gesicht gezeichnet hatte, gewannen wir über die Leiter hinab das Freie, im Schutz überhängender Bäume das an einem Wasserlauf bereitgestellte Boot und überwanden das letzte Hindernis, den Staketenhag, der um das Gebiet der Anstalt lief. Kein Ruf, kein Hundegebell, nicht die Spur einer Verfolgung! Wir erreichten ein Städtchen. Jeden Augenblick einer polizeilichen Einmischung gewärtig, erwarteten wir den Schnellzug, der uns nach München brachte.«

»Und Sie waren der Entführung fähig, Jaberg!« rief Nick in höchster Überraschung.

»Leider Gottes!« erwiderte er halb mit einem Lachen, halb mit einem Seufzer. »Die Strafe folgte der Tat auf dem Fuß. Ich fuhr aus Freude über die gelungene Flucht mit Konstanze in einer Wagenabteilung erster Klasse die lange Nacht mit ihr ungestört allein. Ich konnte vor Aufregung nicht schlafen. An meiner Schulter, an meiner Brust aber schlummerte, das aschblonde Haar halb gelöst, die Befreite, im Gesicht einen rührenden, seligen Ausdruck des Geborgenseins. Nach ein paar Stunden schlug sie die Augen auf. Eine verträumte, süße Zärtlichkeit lag darin, dann kam etwas Lechzendes in ihre Züge, ich spürte, wie ihre Lippen nach den meinen zuckten. Da geschah, was nicht hätte sein sollen. Wir verlobten uns – ein Unsinn! Die Wahrheit: sie trug die größere Schuld als ich! Und darum ist kein Mensch so gut imstande, zu verstehen, wie Ulrich Junghans gegen sein besseres Wissen und Wollen der ungarischen Tierbändigerin erlag.«

»Wie furchtbar!« flüsterte Nick vor sich hin.

»München!« fuhr Jaberg in seiner gelassenen Art fort. »Wir eilten von einem berühmten Arzt zum andern, um einer Wiedereinbringung der Geflüchteten in die Anstalt mit einer Menge prächtiger Gesundheitszeugnisse begegnen zu können. Wir blieben jedoch unbehelligt, wohl weil die Leitung den größern Vorteil darin sah, unliebsames Aufsehen zu vermeiden. Auch mit dem Mecklenhof glättete sich die Angelegenheit. Schadenfroh schrieb mir der Onkel: ›Jetzt siehe du zu, wie du mit dem Kobold fertig wirst.‹ Jedenfalls hatte ich Recht, daß meine Braut in kein Krankenhaus gehörte. Sie war in München so gesund wie das Wild im grünen Klee, nahm auch gleich am Konservatorium ihre Musikstudien auf, und als sollten alle Vergnügungen der Stadt in einem Atemzug genossen sein, schleppte sie mich von Kunstsammlung zu Kunstsammlung, von Theater zu Theater, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Schwabing bis nach Nymphenburg und Bogenhausen hinaus. Doch was sie an Musik und anderer Unterhaltung spielend ertrug, war für mich ein Übermaß.

»So kam's, daß mich ein Nervenstoß über den Haufen warf. Wie ein Fallsüchtiger lag ich in einer Art Starre Tage, Wochen unter unsäglichen Schmerzen. Den Morgen, den Abend, die Nacht bereute ich das Abenteuer der Verlobung. Konstanze sah selber halb ein, daß meine Kräfte nicht ausreichten, um mit ihr nach ihrem Stil zu leben, und erlaubte mir in einem Anfall von Großmut, mich von ihr zu trennen und meine Studien in Zürich weiterzuführen. – Aber jetzt?«

Verdüstert schwieg Jaberg. Nick sprach auch nicht. Jedes mit seinen Gedanken beschäftigt, schritten sie den schmalen Waldweg, über dem sich Tannen und Buchen wie eine Laube wölbten.

Da griff er wieder zum Wort: »Meine Lebenskraft und die meines künftigen Weibes stehen in keinem Verhältnis zueinander. Wo fehlt es mir? Ich bin nicht krank, mein Leiden besteht einzig darin, daß ich der Sprosse eines alten, ausgeschöpften Geschlechts bin, dessen Haudegenzeit leider längst vergangen ist. Statt Ackerbau, Jagd, Krieg trieben die Jaberg der letzten Jahrhunderte Diplomatie, Kunst und Wissenschaft, heirateten statt kräftiger Bäuerinnen oder Zigeunerinnen verfeinerte Weiber, – und ich bin das bedauernswerte Endergebnis dieser Zucht.«

»Aber Jaberg,« unterbrach Nick seine Selbstverhöhnung mit tadelndem Ton. »Sie übertreiben!«