Er sah sie glücklich an. »Ich wußte, daß es Ihnen bei uns wohl sein würde, und den Vorteil haben auch wir. Der Aufenthalt in der Pension ist jetzt noch angenehmer als früher, für mich namentlich.« Wie ein Knabe lächelte er in sich hinein, und es herrschte zwischen ihnen ein Einverständnis wie wunschlose Liebe.

Wenige Tage nach dem schönen Ausflug aber merkten Nick und die Frau Professor, daß er Sorgen habe. Der leidende Zug in seinem Gesicht vertiefte sich, und er war wortkarg. Mütterlich wandte sich Frau Bretscher an Nick: »Ich gebe Ihnen von vier Uhr an frei. Gehen Sie mit dem armen Jungen spazieren! Vielleicht schüttet er Ihnen seine Schmerzen aus, und es wird ihm besser!« Schon die Vorfreude des gemeinsamen Wanderns gab ihm neuen Glanz in die Augen.

Nick benutzte den Weg, um nach Marie und dem Neugeborenen zu blicken. Da sagte die junge Frau verwundert: »Du wirst ja von einem Tag zum andern schöner!« »Es geht mir auch gut,« lachte Nick, erzählte eine Weile, sprang dann aber auf: »Entschuldige die Kürze meines Besuchs, ich gehe mit Jaberg nach dem Forsthaus Adlisberg.«

Droben im Walde legte er ihr frei, was ihn bedrückte: »Ich habe einen Brief von meiner Braut erhalten. Konstanze will es erzwingen, daß ich meine Studien wieder nach München verlege. Folge ich ihrem Rufe nicht, droht sie, dauernd zu mir nach Zürich zu kommen. Das eine wie das andere aber wäre mir ein Leid.«

»Wie sonderbar!« stieß Nick hervor.

»Darf ich Ihnen jetzt unsere Geschichte erzählen,« fuhr er fort, »die Tragödie einer schlecht belohnten Rettung? – Da muß ich Sie wieder hinaufführen auf jenes Rittergut Mecklenhof, von dem ich Ihnen bereits gesprochen habe. Uralt liegt es da, Herrenhaus, Ställe, Scheunen, einer Klosteranlage ähnlich ins Viereck gebaut, über dem starken Tor eine rostige Wetterfahne, am Turm der efeuumrankten Kapelle eine alte Uhr, die meines Erinnerns nie gegangen ist. Über die ungleich hohen und schwer bemoosten Hohlziegeldächer ragt, ein neueres Werk, ein leichter eiserner Turm. An seiner hohen Spitze klappert ein Windrad wie ein zierliches Gebilde der Luft und pumpt das Wasser für das Gehöft hinauf in einen Behälter. In der Ferne drehen ein paar Windmühlen langsam ihre Flügel, und bei hellem Wetter sieht man die Türme von Lübeck. Das Reizendste aber: durch die hohen Kornfelder, die im Winde wogen, ziehen die weißen Segel auf Wasserläufen, die dem Auge verborgen bleiben, zumal wenn das Korn reif ist – ein entzückendes Bild. Nun noch die grünen Wälle, mit denen die Buchenforste in die Landschaft schneiden, und die weißstämmigen Birken, die vereinzelt oder in Gehölzen beisammen ihre Äste und Zweige in geheimnisvolle Moortümpel senken. Alles durchblüht von roter Heide. – Da habe ich mit Konstanze von Lipönen Jahr um Jahr die Ferien verlebt.

»Als Kind ein Wildfang, wuchs sie sich zu einem bildschönen Mädchen aus: biegsame Gestalt, weißes Gesicht, Auge und Mund wie das Märchen, dazu reiches aschblondes Haar, das sich, wenn es niederfiel, bis unter die Knie in Locken ringelte. Stets war auch etwas Rotes an ihr, entweder in Haar oder Kleid: Heide, Mohn, Rosen, je röter desto lieber. Bei dem herrlichen Geschöpf brachen auch eine glühende Phantasie, eine reine, kräftige Singstimme und ein unverkennbares dramatisches Talent durch. Das war die Wendung ins Unglück. Niemand in der großen Familie wollte sie verstehen, besonders nicht mein Onkel, ihr Vormund, ein straffer Gutsherr, dem es als das schönste Lied erscheint, wenn auf dem Hof recht viele Pferde wiehern, Kühe brüllen, Schweine grunzen und Gänse schnattern oder draußen in den Brüchen ein brünstiger Hirsch schreit. ›Ihr sollen die Mücken ausgetrieben werden!‹ sagte er. ›Arbeiten soll sie!‹ Sie wurde der festknochigen derben Wirtschafterin beigegeben und stand nun vom Morgen zum Abend bei den Milchtöpfen, bei Eiern und Kuchen, Gänserupfen und Wurstmachen. Stets aber wieder stach sie der Teufel, sie trat unter die Knechte und Mägde der Leutestube, spielte die wahrsagende Zigeunerin, daß sich die einen krumm lachten und die andern zusammenschauderten, oder verkroch sich in die Ställe und auf die Böden, sang und blieb der Arbeit fern. Nun wußte mein Onkel, daß die größte Strafe für sie der sonntägliche Kirchenbesuch und das Vorsprechen auf andern Gütern war. Die Tanten und Muhmen schleppten sie überallhin mit, wo es recht sittlich, fromm und langweilig zuging. Doch siehe da! Die junge Dame streckte eines Tages dem Pastor die Zunge heraus, und wenn die Damen mitten im Klatschen waren, rief sie: ›Ich kenne auch eine Geschichte!‹ Boshaft die Anwesenden mit den Abwesenden verwechselnd, erzählte sie aus den Liebschaften eines Rittmeisters, daß eine von ihnen ohnmächtig zusammensank. Nichts war ihr heilig. Als eine alte Superintendentin erbaulichen Zirkel hielt, brach sie plötzlich mit einem Volkslied aus der Lüneburger Heide los, das sonst nur die Männer in den Mund nehmen, und auch die nicht vor Damen. ›Woher dieses gräßliche Lied?‹ fragte die Tante entsetzt. ›Vom Schweinemeister,‹ lachte Konstanze. So machte sie sich gesellschaftlich unmöglich.

»Im Zorn ließ sich der Onkel beigehn, das doch schon große Mädchen zu züchtigen. Von da an verübte sie Streich über Streich, lief heimlich vom Gut fort und kehrte manchmal auch nachts nicht heim. Einmal sogar drei Nächte lang. Nur den Jagdhunden war es zu danken, daß man sie überhaupt wiederfand, draußen in einem seit mehr als hundert Jahren angebauten Torfmoor, in einer Gegend mit tiefen Wasserstellen und trügerischen, schwankenden Brücken aus Binsen, auf die sich nicht einmal der Jäger hingetraut. Ein Leiternwerk mußte über den Sumpf gebaut werden, um die Halbverhungerte zu holen. Sie geriet nun in den Verdacht, nach Selbstmord zu trachten, und in der Tat hat sie noch oft mit dem Leben gespielt. Ich sah selber, wie sie bei einem rasenden Sturm die dünnen, außerhalb des Gerüstes angebrachten Sprossen des Wasserturms bis zum Windrad hinaufstieg, wie die lange, schmale Spitze sich unter dem Druck des Sturmes und der menschlichen Last weit seitwärts bog, als müsse sie brechen. Da sang sie in den Lüften Lied um Lied! Der Hof lief zusammen, es war aber eine Unmöglichkeit, sie herunterzuholen, man mußte warten, bis sie freiwillig wieder zur Erde stieg. Die Frauen fielen vor Schrecken in Krämpfe, der Onkel wurde vor Furcht, daß sie plötzlich zerschmettert zu seinen Füßen liege, krank. Als er sich wieder erhob, waren er und alle Angehörigen einig, daß Konstanze mit Irrsinnsanlagen behaftet sei, und man sprach davon, ihr eine Wärterin zu geben.

»Nur ich erhob dagegen Einwände. ›Woran Konstanze leidet, das ist einfach ihre ungesättigte und unterdrückte Einbildungskraft, der Hunger nach Welt. Laßt sie einmal ein Jahr reisen! Wenn ihr es nicht selber mit ihr tun wollt, sorgt ihr für einen passenden Anschluß. Hilft das nicht, so steckt sie in Gottesnamen in eine Musikschule, damit sie sich die Brust aussingen kann, und laßt sie zur Bühne gehn. Das Theater ist für die Familie so ehrenvoll wie das Irrenhaus!‹

»Der Mecklenhof bekreuzte sich vor meinem wohlgemeinten Rat. Konstanze aber merkte, daß ich sie mit andern Augen betrachtete als die übrigen. Sie lachte oft: ›Du bist der einzige gescheite Mensch auf dem Gut.‹ Sie wurde mir sehr zugetan, ohne daß eine Liebschaft zwischen uns entstand.