Wegen ihrer Übersiedelung in die Pension Bretscher beriet sie sich mit Frau Marie Keller, die ihr freundschaftlich zuriet, obwohl es ihr leid war, die Hausgenossin zu verlieren, mit der sie sich immer traulicher verbunden gefühlt hatte. Nur war zwischen Nick und ihr in der ganzen Zeit ihres Zusammenwohnens nie mehr der Name Ulrich gefallen. Die Ausziehende trug das Geheimnis mit sich fort, daß sie von ihm mehr als die Schwester wußte.


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Nun waltete Nick in dem hübsch eingerichteten Studentenheim im Universitätsviertel. Die Anforderungen, welche die neue Pflicht an sie stellte, waren groß, das Sicheinleben nicht leicht, aber ihr rascher Blick für das Notwendige, ihr guter Wille fanden Anerkennung, und sie fühlte sich in der neuen Umgebung beglückt. Jaberg hatte kein Wort zu viel gesagt. Wie wesensverschieden die Männer waren, die hier aus und ein gingen, – die feine Mütterlichkeit der Frau Professor glich alle Gegensätze aus, und der Ton der jungen Leute unter sich war vortrefflich: höflich, lebhaft, froh, bisweilen von strahlender Fröhlichkeit. Nick stellte sich unparteiisch mit allen gut und freute sich, Zeugin der anregenden Tischgespräche sein zu dürfen, die sich über alle Gebiete menschlichen Wissens ausdehnten, über Kunst, Literatur und Naturkundliches wie über Fragen des akademischen und öffentlichen Lebens.

Gerold von Jaberg war einer der stillsten im Kreis. Dem Manne, der gern und herzlich unter vier Augen sprach, lag die gesellschaftliche Unterhaltung weniger gut, aber wenn sich die andern mit der Frage an ihn wandten: »Was sagen Sie als Mediziner zu der Sache?« gab er ihnen seinen runden Bescheid. Schweigend anerkannten sie sein gediegenes Wesen. Und Nick lauschte wissensbegierig auf alle; sie lebte in einer Welt, die ihrem innersten Wesen entsprach.

Die Art, wie Jaberg sich ihr gegenüber gab: ein bißchen als der Erfahrenere, der Überlegene, doch offen und wahrhaftig, gefiel ihr. Dadurch, daß er verlobt war, waren ihrer Freundschaft von vornherein Grenzen gezogen. So fand auch Frau Professor Bretscher um so weniger dabei, als sie den untadeligen Charakter Jabergs kannte, und gönnte ihm die unschuldige Freundschaft mit dem Hausfräulein schon deswegen, weil er sich, wie der feine Leidenszug in seinem Gesichte verriet, in vielen Lebensgenüssen Schonung auferlegen mußte.

Hie und da fragte er Nick: »Kommen Sie auch genügend an die frische Luft?« und wandte sich an Frau Professor Bretscher: »Leihen Sie mir Fräulein Tappoli zu einem Lauf, nur für eine Viertelstunde!« Auch zu größeren Unternehmungen zog er sie bei, fast immer in Gesellschaft der anderen Studierenden. Oft ging's nach dem Abendbrot noch mit Nachbarstöchtern zu einer Mondscheinfahrt auf den See, einmal durch die Nacht zum Sonnenaufgang auf den Ütliberg, und bald war es zur Regel geworden, daß die Pensionäre den Sonntag auswärts verbrachten. In Gruppen zogen sie oft schon am Samstagnachmittag in die Berge, manchmal gab's in den Gasthöfen vor dem Schlaf ein Tänzchen, hie und da übernachtete man im Heu einer Sennhütte, erreichte am andern Tag ein schönes Ziel, kam am Abend todmüde nach Hause, und die gesamte Woche war's einem leicht und wohl.

Überall stand Nick unter dem ritterlichen Schutze Jabergs, und das geschwisterliche Verhältnis mit ihm wurde ihr eine Quelle reiner Freuden. Sie mußte oft an sich halten, daß sie ihre Lebenslust nicht wie ein Singvogel durchs Haus jubelte; auf den Alpmatten und den Gipfeln aber ließ sie ihrer Liederfreude freien Lauf und war schon wegen ihrer glockenhellen Stimme, welche die andern sicher zu führen vermochte, ein geschätztes Mitglied der Gesellschaft.

Es war im Hochsommer. Da standen sie ihrer vier Paare auf dem schmalen Gipfel des Großen Mythen und schauten in den Morgenstern, der in strahlendem Glanze über dem fernen Säntis aufgegangen war. Der Himmel wölbte sich hoch und hell, ein paar Wölkchen spiegelten sich wie rosenrote schwimmende Inseln in den noch blaudunkeln Seen. Die Spitzen der Berner Oberländer Berge begannen im ersten Sonnenstrahl zu glühen, die übrigen Höhen aber ruhten noch wie weiße schlafende Seelen. In den Tälern regte sich nah und fern verlorenes Morgenläuten. Die wunderbare Stimmung überwältigte Nick. Unvermittelt ergriff sie die Hand Jabergs und flüsterte ihm zu: »Ich muß Ihnen doch noch einmal danken, daß Sie mich in Ihren Kreis gezogen haben. Wie könnte ich so Schönes erleben ohne Sie?« Und in hellem Jubel rief sie in den strahlenden Morgen hinaus: »Gott, wie hast du die Welt herrlich geschaffen – die Welt und das Leben!«