»Mir scheint, die Männer verzeihen einander schlechte Abenteuer leicht.«

»Weil Ulrich so furchtbar um sein Kind gelitten hat, halte ich ihn sogar für einen der besten Menschen, die mir je vor die Augen getreten sind.«

»Es war doch seine selbstverständliche Pflicht, sich des Kindes anzunehmen!« rief Nick mit blitzenden Augen.

»Selbstverständlich?« lachte er. »Wie weltunerfahren sind Sie noch, Monika! Ulrich ist, wie er an seinem Kinde gehandelt hat, verglichen mit hundert anderen, ein Edelmann.«

»O, ich bin froh, daß ich jetzt die Wahrheit über ihn weiß,« entgegnete sie schmerzlich, »daß ich an ihn nur mehr wie an einen Gestorbenen denken darf. Am liebsten würde ich auch seinen Namen nicht mehr hören. Vielleicht weil ich ein Weib bin, kann ich über ihn nicht so großzügig urteilen wie Sie. Wenn ich ehrlich sprechen soll, habe ich für die wüste Geschichte doch nichts weiter als Abscheu.«

»Sie sind vierundzwanzig,« versetzte Jaberg kühl. »Da liebt man noch die sittliche Entrüstung. Sie steht Ihnen wunderbar. Aber wenn Sie die Geschichte meiner Verlobung hören, die ich Ihnen leider diesen Abend nicht mehr erzählen kann, so ist sie ein ähnliches Beispiel menschlichen Irrtums wie die Ulrichs. Wir sind Sünder samt und sonders. Ich begreife wohl, daß Sie jetzt den Jugendtraum mit ihm nicht fortsetzen mögen, aber das Leben führt wohl auch Sie noch zu einem milderen Urteil, – vielleicht lernen Sie ihn sogar wieder lieben!«

»Nie – nie!« wollte sie rufen, aber der treuherzige Blick, mit dem Jaberg ihr die Hand drückte, ließ sie verstummen.

»Genug für heute!« schloß er, da sie gerade vor der Wohnung Nicks am Zürichberg angelangt waren. »Schlafen Sie wohl und überlegen Sie meinen Vorschlag. Aber nicht zu lange, wenn ich bitten darf, denn warten kann die Frau Professor nicht!«

Und damit trennten sie sich. –

Einen ganzen Berg Gedanken hatte Nick jetzt still für sich zu bewältigen. Am meisten beschäftigten sie Jabergs Aussprüche über Ulrich. Sie dachte mit heißem Verdruß an den Ungetreuen, aus dem Hintergrund ihrer Gedanken trat aber immer deutlicher auch die Frage, ob es ihm ebenso ergangen wäre, wenn sie ihn mit ihrem Jawort aus der Heimat hätte ziehen lassen. Ein Gefühl der Mitschuld an seinem Niedergange stieg in ihrem Innern auf. Aber der freimütige Brief, den sie ihm nach Mainz schrieb, hatte ihn ja auch nicht zur Besinnung gebracht! Und der Gedanke Jabergs, ihre Liebe könnte sich später doch wieder Uli zuwenden, sie die Nachfolgerin einer Tierbändigerin werden, erschien ihr völlig unfaßbar. Nein, für sie gab es nichts, als Uli vergessen – vergessen!