Nick war aufs höchste überrascht. »Darum also!« rief sie. »Die Dame war heute im Laden und hat sich von mir bedienen lassen. Silberweißes Haar mit Locken, etwas hageres Gesicht, aber gerötete Wangen, vor Jahren gewiß eine Schönheit!«
»Und Sie haben ihr vorzüglich gefallen,« versetzte Jaberg, »sie wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen.« – »Und was für ein Gedanke hat Sie bei Ihrer Anregung geleitet?« – »Lauter gute Wünsche für Sie,« gab er zurück. »Ich kann mich nicht damit abfinden, Sie in einer Stellung zu sehen, in der Sie alle Welt bedienen müssen. Und Ihr weiter, einsamer Heimweg! Ich weiß zwar wohl, daß man in der Schweiz über diese Dinge freier als bei uns denkt. Nun sind aber meine Ansichten deutsch, ich fasse es zum Beispiel nicht, wenn ich mir bei einer Einkehr von einem Mädchen einen Wein vorsetzen lasse und man erzählt mir, sie sei die Tochter eines Gemeindepräsidenten oder reichen Müllers und bloß im Wirtschaftsgewerbe tätig, um etwas Schliff zu erlangen. Das gibt es bei uns nicht. Nach unserer Meinung gehört ein junges Mädchen in den Schutz eines Privathauses und einer mütterlichen, lebenserfahrenen Frau.«
Die Wangen Nicks röteten sich. Was Jaberg sprach, ging an ihren Stolz. »Ich habe mein Leben stets der guten Sitte angemessen geführt,« erwiderte sie mit verhaltener Heftigkeit. »In meinen bisherigen Stellungen –«
»Nein, jetzt keine Verteidigungsrede!« unterbrach er sie ungezwungen lachend. »In meinem Innern sind Sie besser verteidigt, als Sie es jemals selber könnten. Ich streite mit Ihnen auch nicht, ob nun Sie Schweizer oder wir Deutsche mit den Ansichten über junge Mädchen im Recht sind, – ich weiß vom Leben genug, um sowohl mit Pharisäern als Zöllnern verträglich zu sein. Für Sie erscheinen mir nur die besten Verhältnisse gut genug. Diese bietet Ihnen unsere Pension. Wir sind fünfzehn junge Herren, elf Schweizer, vier Deutsche, gerade Ihre Landsleute aus angesehenen Familien. Die Gesellschaft zerfällt in Gruppen von Freunden, die Gruppen selber aber sind sich wieder freundschaftlich verbunden, und über der gesamten Schar schwebt der gute Geist der Frau Professor. Was kann es nun für Sie Reizenderes geben, als unter der Führung der feinen Frau für die jungen, angeregten Leute zu sorgen und als gleichberechtigtes Glied mitten darin zu sein? Es wird viel Gehaltvolles gesprochen, im Sommer gibt es gemeinsame Ausflüge, im Winter ziehen wir gebildete Nachbartöchter bei und tanzen. Daß Sie sich zur Geltung bringen werden, dafür ist durch Ihre eigene Art gesorgt, dafür werde aber auch ich einstehen. Denn ein kleiner Eigennutz war dabei, als ich Sie Frau Bretscher vorschlug. Ich möchte in der Gesellschaft gern Ihr erster Freund sein und auf dieses Recht erst verzichten, wenn ich sehe, daß Sie mit einem der Herren eine hoffnungsreichere Freundschaft eingingen, die Ihnen eine schöne Zukunft gestaltete. Dann würde sich niemand mehr freuen als ich!«
Nun mußte Nick den Plan Jabergs ernst nehmen, aber sie wandte doch ein, daß sie der Stellung nicht gewachsen zu sein fürchte.
Er lachte sie aus: »Seit wann sind Sie kleinmütig! Es gibt doch ein Lernen und Sicheinleben. Die Hauptsache ist, daß Sie der Frau Professor gefallen haben!«
Sie gingen ein paar Schritte schweigend. Da fragte Nick unvermittelt: »Jaberg, warum leben Sie denn nicht in München neben Ihrer Braut? Sie wollten mir einmal die Geschichte Ihrer Verlobung erzählen!«
»Wenn Sie es wünschen – nun gut,« erwiderte er. »Sie heißt Konstanze von Lipönen und wuchs auf dem Rittergut Mecklenhof bei Lübeck auf, wo ich von Jugend an meine Ferien verbrachte. Sie ist eine Verwandte von mir, und unsere Verlobung ist ein ebenso verrücktes Schicksalstück, wie daß der brave Ulrich Junghans einer Löwenbändigerin ins Garn gegangen ist. Ja vielleicht noch verrückter, denn Ulrich besaß wenigstens die Nerven, seine Lilith auszuhalten, ich aber nicht, um meine Konstanze zu ertragen. Also ist mein Fall schwerer als der seine!«
»Wie, hieß das Weib, mit dem Uli ging, Lilith?« fragte sie.
»Nein! Ich nenne sie nur so nach einer morgenländischen Sage, die erzählt, daß Adam schon eine Frau gehabt habe, ehe ihm Gott die Eva zur Gefährtin gab. Jene hieß Lilith, was bedeutet: die Unholde; denn sie war von den Tieren geboren, und unter den Zaubermitteln, durch die sie ihn beherrschte, besaß sie den bösen Blick. Wie die Lilith roh und doch bestrickend, mit Augen, die wundersüß träumen und plötzlich blutgierig aufblitzen können, so denke ich mir die Tierbändigerin, in deren Netze Ulrich fiel. Nicht er hat das Weib gesucht, sondern sie ihn, und hat sich seiner erst bemächtigen können, als sie Verbrecherin an seinem Bruder und Ulrich durch ihre Schuld ein todkranker Mann geworden war. Nie habe ich so tief in den Abgrund Weib geblickt wie an jenem Abend im Rathauskeller in Lübeck, da mir Ulrich seine Erlebnisse mit der Ungarin erzählte. Aber er wurde mir dabei wieder so lieb, wie er mir als Junge auf der Schulbank gewesen war.«