22
Jaberg kam nun dann und wann in den Laden, kaufte eine Kleinigkeit und plauderte je nach Gelegenheit mit ihr. Seine guten Formen und seine unaufdringliche Liebenswürdigkeit gefielen, niemand nahm Anstoß an seinem guten Einvernehmen mit Nick. Obgleich es an einem Verlobten überraschen mochte, holte er sie einmal nach Geschäftsschluß ab und gab ihr bis an ihre Wohnung am Zürichberg das Geleite, ein ritterlicher Mann, dem sie sich wohl anvertrauen durfte. Vor dem Hause fragte er: »Was sind es für Leute, bei denen Sie wohnen?« – »Eine Lehrersfamilie,« erzählte sie, »die Frau ist meine Freundin Marie, die Tochter des Messerschmieds Junghans in Eglisau.« Der Name gab Jaberg einen leisen Ruck. »Die Schwester Ulrichs, des Abenteurers?« rief er. – »Wissen Sie etwas von ihm?« Ihr gesamtes Wesen kam in Bewegung.
»Gehen wir noch ein wenig im Mondschein,« schlug er vor. »Im Grunde wollte ich von einer Begegnung, die ich mit Ulrich Junghans in Lübeck hatte, nicht sprechen, ich scheue mich Ihnen gegenüber doppelt, weil Sie seiner Schwester so nahe stehen, ich mag kein Unheil in einen Kreis ahnungsloser Menschen zu tragen.«
Je mehr er in Gewissensbedenken zögerte, desto stärker lief das Zittern der Spannung durch ihre Gestalt. »Sie dürfen auf meine Verschwiegenheit zählen,« versetzte sie ernst. Da ergriff er ihre Hand. »Vertrauen gegen Vertrauen, Monika.« Sie schaute ihm in die Augen: »Sicher, Jaberg!«
Der volle Mond stand auf dem Waldrücken, wandelte großleuchtend im Dunkelblauen und zeichnete das Gewebe seiner Schatten auf den weißen Weg. Jaberg erzählte: »Er bestellte sich ein kleines Abendbrot. Ich denke: Was ist das für ein eigenartiger Sprachklang hier im Norden? – Erinnerungen erwachen, ich fühle: der Mann ist Schweizer. Eine Wendung des Kopfes: ich sehe die kräftig und fast senkrecht gebaute Schläfe, die kantige Nase und den Mundwinkel. Eins – zwei – drei! Der Vorhang vor dem Gedächtnis ist gefallen, ich weiß: es ist Ulrich Junghans, mein gescheiter Ulrich, der mich in der Volksschule von Eglisau und im Gymnasium von Konstanz hat mitreißen müssen. Neugier und Teilnahme erwachen – noch ein Wort von ihm, ich eile auf ihn zu. Nie habe ich einen Menschen so zusammenfahren sehen wie ihn, aber die alte Freundschaft gab sich dann doch rasch wieder.«
Nick unterbrach den Erzähler mit keiner Frage. Nach einer halben Stunde schloß er: »Jetzt befindet sich also Ulrich mit dem Buben bei seinem Freund in der ungarischen Stadt Debreczin. Von dort hat er mir aus Dankbarkeit für die kleinen Dienste, die ich ihm in Lübeck habe leisten können, noch zweimal geschrieben. Es geht ihm gut, er lebt im Haushalt Szedeskys, die Buben der beiden sind Spielkameraden. Die Frau soll ein natürlich kluges, friedfertige Wesen sein; sie hat noch eine jüngere Schwester, und Szedesky sähe es am liebsten, Ulrich würde sein Schwager. Aber Junghans schreibt, für sein gesamtes Leben habe er vom Weibsvolk genug.«
Nick hielt schwer atmend den Schritt inne. »Ich gehe Ihnen zu schnell?« versetzte Jaberg. »Nur einen Augenblick,« bat sie matt. Um ihren Mund zuckte etwas Trauriges und Bitteres. Dahin also ist es mit Uli gekommen: – ein uneheliches Kind! Nur des einen Gedankens war sie fähig. Plötzlich senkte sie den Kopf und begann laut zu weinen. »Um Gottes willen, was ist Ihnen?« fragte Jaberg erschrocken. »Ich habe Uli so lieb gehabt,« stöhnte sie. Er merkte, wie unvorsichtig er gesprochen hatte. Er bot ihr den Arm und trat mit ihr langsam den Rückweg an. »Nun brauchen Sie Junghans doch nicht ganz zu verwerfen,« tröstete er sie. »Wie bald ist sein Schicksal einem jungen Mann in den Garten gewachsen! Monika, ich bin auch nicht besser als er! Sonst wäre ich nicht verlobt.«
In trüber Verwirrung nahm sie, ohne seinen letzten Worten Beachtung zu schenken, Abschied von ihm und schlüpfte ins Haus. Sie sprach Marie von Kopfschmerz, ließ das Essen unberührt und begab sich zur Ruhe, schlief aber nicht, bis die Vögel den Tag ansangen. In ihr wütete die Empörung über Ulrich. Während ihrer Jugend hatte der Vater nur einmal ein Uneheliches zu taufen gehabt, und das kam von einem Landstreicher, der im Feld über eine Blödsinnige hergefallen war. Seither hatte sich ihr die Vorstellung eines unehelichen Kindes stets mit etwas Tierischem und Gräßlichem verbunden, mit einer gottlosen Gemeinheit, die abgrundtief unter der Würde eines anständigen Menschen lag. Diese Gemeinheit hatte also Uli begangen. Da hatte er allerdings Ursache zu schreiben, daß er schlimmer in die Disteln und Dornen gefallen sei als in seiner Jugendzeit! Da verstand sie es, daß er verschollen sein wollte und den Seinen auch nicht mehr mit einem Brief unter die Augen zu treten wagte.
Mitten in der Nacht begann sie wieder herzzerbrechend zu weinen, es waren aber keine Tränen um Ulrich, sondern einfach das jugendheiße Weh über die Schlechtigkeit der Welt, das Aufschluchzen der erkennenden Seele, wie traurig es um die Menschen bestellt ist. Recht hatte Pfarrer Wildholz mit seinem: »Wachet und betet – der Böse geht um!« Stundenlang überließ sich Nick ihrer Schwermut. Als sie am Morgen in die Stadt hinunterstieg, kam ihr aber der sonderbare Gedanke: Obwohl ich erwachsen bin und vor den Kampf ums Brot gestellt, weiß ich vielleicht doch vom Leben noch nicht genug, um seine Erscheinungen richtig und gerecht zu beurteilen.
Schon an einem der nächsten Abende wurde sie von Jaberg wieder an der Ladentür erwartet. In seiner brüderlichen Art sagte er: »Monika, ich habe einen kleinen Eingriff in Ihr Leben versucht. Die Pension Bretscher, in der ich wohne, gehört unbedingt zu den feinsten der Stadt. Sie wird von der Witwe eines Professors des Hebräischen geführt. Und wir Studenten alle verehren in der Frau Professor unsere hochgebildete mütterliche Freundin. Sie liebt uns als ihre Söhne, und ich besonders habe bei ihr einen Stein im Brett. Nun will das Fräulein, das ihr bisher als Stütze gedient hat, wegen ihrer angegriffenen Gesundheit von der Stelle ausscheiden, und da habe ich mir gestattet, Sie der Frau Professor als Nachfolgerin in Vorschlag zu bringen.«