Wildholz atmete auf: »Und nun eine Frage. Aus meinen inneren Kämpfen in Eglisau erinnere ich mich an den Namen Ulrich Junghans. Mein Verzicht auf Sie wurde mir damals erleichtert durch Ihr Geständnis, daß Sie den jungen Mann lieben, obschon Sie ihm auf seine Werbung mit einem Nein geantwortet haben. Haben Sie den Brief einmal geschrieben, zu dem ich Ihnen riet?« »Den Brief habe ich geschrieben,« erwiderte Nick schwer, »aber Ulrich Junghans ist für mich und die Seinen doch draußen in der Welt verschwunden. Ich weiß nichts von ihm.«
»Wir sind alle Kämpfende, darum gibt es für uns keinen Halt als den des allerdemütigsten Glaubens,« versetzte Wildholz nach einigen Schritten, wie aus einem Selbstgespräch heraus. »Wie tief fühle ich Ihre Vereinsamung mit, Fräulein Tappoli! Und dennoch drängt gerade sie mich zu einer Bitte, die mir so schwer fällt wie noch keine in meinem Leben, und die vielleicht noch nie ein Pfarrer getan hat.« Er ergriff zitternd ihre Hand. »Wen sähe ich lieber in meiner Kirche als Sie? Aus welchem Gesicht käme mir mehr als aus dem Ihren Trost, daß ich mit meinen Predigten nicht bloß in den Wind säe? Aber ich bitte Sie: besuchen Sie künftig einen anderen Gottesdienst als den meinen – ersparen Sie mir den neuen Kampf.«
Er wandte sich in mächtiger Bewegung plötzlich von ihr ab. »Behüt' Sie Gott, Fräulein Tappoli,« rief er ihr nach, und im nächsten Augenblicke verschwand seine hohe, vornehme und düstere Gestalt im Schneegestöber und in der Dunkelheit. Die erschütterte Nick jedoch hatte ihn verstanden. Auf ihrem Stübchen verbrachte sie die halbe Nacht schlaflos. Was hatte sie mehr begehrt, als daß ihr die von Christlichkeit überfließende Pfarrersfrau am Sonntagabend ein Plätzchen im Schein ihrer Lampe gönne und sie aus den Gesprächen mit dem Pfarrer ein tröstliches Licht hinaus in den Werktag der Woche tragen dürfe. Ihr, der nach Wohlwollen Durstenden, wäre die Freundschaft des Pfarrers eine reine und erfrischende Quelle gewesen! Und doch erfüllte es sie mit einem dankbaren Glücksgefühle, daß sie damals in Eglisau Wildholz etwas gewesen war, daß er ihretwegen innerlich hatte kämpfen müssen und daß der so tief ernste Mann sie auch jetzt noch als eine Gefahr für seinen Seelenfrieden betrachtete. Das sprach für ihren inneren Wert. Wie einfach und bescheiden ihr Lebensweg war, – einmal mußte ihr doch ein Herzensfrühling erblühen.
Nie aber kreuzte sie wieder die Spur des Geistlichen, unter dessen düster glutvollen Predigten die halbe Stadt in den Staub kniete. –
Dafür schenkte ihr das Schicksal ein anderes Wiedersehen, das eine neue Wendung in ihr Leben bringen zu wollen schien.
In den Laden, in dem sie nun bald zwei Jahre Angestellte war, kam ein junger Fremder, gewählt von Erscheinung, doch im weltklugen Gesicht einen leis leidenden Zug, am Finger den Ring des Verlobten. Sie sehen und lächeln war eins. »Wir sind wohl alte Bekannte, Fräulein,« versetzte er. »Wir gingen in Eglisau miteinander eine Weile zur Schule, ich allerdings eine Klasse über Ihnen, was mich indessen nicht hinderte, Ihnen dann und wann ein Schneeballgefecht anzubieten.«
»Ah, Herr von Jaberg!« rief Nick erfreut. Sie schüttelten sich die Hände. »Wie kommen Sie denn nach Zürich?« »Sie sehen, ich bin verlobt,« erwiderte er leichthin. »Damit hängt's zusammen. Ich will hier meinen Doktor machen.« – »Und Ihre Braut?« forschte Nick. »Sie lebt in München. Vielleicht erzähle ich Ihnen einmal unsere Geschichte. Sie ist außergewöhnlich.«
Und die alte Freundschaft war wieder geknüpft.