Da, welche Überraschung! Auf die Kanzel stieg nicht der alte, zittrige Dekan, sondern eine junge, weltmännische Gestalt – kein anderer als John Wildholz, mit dem eine so feine und schöne Freundschaft sie verbunden hatte. Seit seinem Abschied von ihr war seine Erscheinung noch edler, eindrucksreicher geworden, in den blaudunklen Augen flammte ein noch stärkeres Feuer, und auf dem männlich schönen, doch vom Denken schon zerarbeiteten Gesichte lag ein fast bedrückender Ernst. So war auch seine Predigt ein strenges Gericht über den Leichtsinn und die Oberflächlichkeit der Menschen, ein herzergreifender Mahnruf zur Buße – für Nicks Empfinden zu streng, aber vorgetragen mit einer Glut, einer Überzeugungskraft, einem Schmelz der Sprache, daß es die Seelen bis in die letzten, verborgensten Falten erschütterte und jeder vor seinem Worte in den Staub niederknien mußte. Verhaltenes Weinen und Schluchzen ging durch die Kirche.

Nach dem Gottesdienste blieb eine Schar der Zuhörer am Ausgange stehen, um dem Geistlichen, der eine so zauberhafte Gewalt über Sinne und Herzen besaß, noch einmal in das durchgeistigte Gesicht zu blicken. Nick, die von ihm nicht bemerkt zu werden wünschte, folgte zwar ihrem Beispiel, stellte sich aber bescheiden hinter die andern. Er kam, nachdem sich die Kirche völlig entleert hatte, etwas blaß und erschöpft, wie selber noch ergriffen von der die Gemüter aufwühlenden Rede, in Begleitung seiner Frau. Nick erkannte sie gleich wieder nach dem Bilde, das auf dem Schreibtische des Verwesers gestanden hatte. Das harte Gesicht mit dem dünnen, über der Stirne glattgestrichenen Haar und dem schmallippigen Mund erschien ihr in der Wirklichkeit noch reizloser. Wie damals schon, und mehr noch, war sie enttäuscht von der Wahl des geistig so hochstehenden Mannes.

Sie besuchte nun dann und wann seine Predigten, in denen er mit erschütternden Tönen in Leid und Schuld des Lebens griff und mit dunkler Glut das Gemälde des menschlichen Erlösungsbedürfnisses schuf. Als sein Auge wieder einmal über die Gemeinde dahinflog, traf es das ihrige, unbewußt suchte sein Blick sie wieder – er erkannte sie, und nun war es eine Weile, als spreche er eigens zu ihr. Es gab keinen Grund, daß sie den Vielbewunderten und Verehrten nicht wieder begrüßte. Als er nach dem Gottesdienste mit der Gattin dem Pfarrhause zuschritt, trat sie zu ihm heran und spürte wohl, wie lebhaft in ihm die Erinnerung an ihre ehemalige Freundschaft aufwachte, an ihre einsamen Gänge durch Feld und Wald. Die Frau blieb bei der Vorstellung steif und kühl, doch nahm Nick seine Einladung zu einem Abendbesuch unbedenklich und freudig an. Welches Glück, mit ihm wieder einmal Seele zu Seele sprechen zu dürfen! –

In hochgespannter Erwartung stapfte sie durch Dämmerung und Schnee. Sie dachte, daß um Wildholz wohl noch mehr Besuch geschart sein werde, traf aber das Ehepaar allein, und wieder fiel ihr der Gegensatz der beiden Menschen auf: des vornehm gütigen Pfarrers, der die Feierlichkeit des Redners von sich gestreift hatte, und der kalten Frau, die ein weißes Diakonissenhäubchen trug und fast jeden Satz mit dem Worte begann: »Es spricht der Herr.« Wildholz plauderte mit Nick von den Wochen am Oberrhein, dabei spürte sie aber die Augen der Pfarrerin wie zwei stechende Flammen auf sich gerichtet. »Sie haßt mich,« durchzuckte es sie. In der Tat begann die Pfarrerin unter Seufzen so deutlich und anzüglich von der Sünde des Hochmutes zu sprechen, die ungescheut durch die Stadt wandle, daß sich der Gast wohl oder übel betroffen fühlen mußte. Ging sie denn in ihrem dunkeln Wollrock nicht einfach genug? Und das krause Lockenhaar, das den besonderen Anstoß der Pfarrerin zu erregen schien, hatte ihr doch Gott gegeben, und es war nichts Künstliches daran.

Wildholz ahnte die Qual Nicks, gab aber seiner Frau umsonst bittende Blicke. Jene verlor ihre Offenheit, das froh begonnene Gespräch wurde verlegen und gezwungen, eisige Kälte waltete bei dem von der Pfarrerin mit harter Stimme gesprochenen Tischgebet, und nachher würgte Nick jeden Bissen hinunter. Da bereitete Wildholz der unerfreulichen Stunde ein Ende. In verhaltener Erregung und willensscharf wandte er sich der Gattin zu: »Christine, ich gebe Fräulein Tappoli noch das Geleit. Um neun Uhr bin ich wieder zurück.« Sie wagte keinen Widerspruch, wurde aber kreidebleich vor Ärger. Als Nick ihr die Hand bot, wußten beide: es war das letztemal, kein Wiedersehen war zwischen ihnen möglich. –

Die Nacht lag sternenlos über der Stadt, der Wind pfiff um die Häuserecken, und wo ein paar Menschen unterwegs waren, bedeckte der aufgewirbelte Schnee rasch wieder ihre Spur. Geraume Weile gingen Wildholz und Nick schweigend, ihr standen die Tränen nahe.

Bei einer Baumgruppe hielt er den Schritt an. »Fräulein Tappoli,« begann er mit bewegter Stimme. »Was wir heute erlebt haben, ist uns beiden ein Schmerz. Völlig kann ich ja das Betragen meiner Frau nicht entschuldigen, aber doch ein wenig. Dazu bin ich Ihnen aber eine Erklärung schuldig, die Sie um Gottes willen nicht mißverstehen mögen. Als meine Frau und ich einander auf entlegener Missionsstation kennen lernten, waren wir junge Menschenkinder, außer ihren Eltern die einzigen Europäer, einander verbunden durch den jugendlichen Eifer für das Gotteswort. Wie eine heilige Märtyrerin erschien sie mir. Daraus entstand unsere Liebe, unsere Verlobung. Später, als ich wieder unter die Menschen des eigenen Erdteils trat, erkannte ich ja schon, wie bescheiden ich in der Wahl meiner Braut gewesen war. Hätte ich aber die Treue verletzt, so hätte ich nicht mehr bestehen können vor meinem Gott. Und nur einmal kam ich in die große Gefahr, daß ich in seelenbezwingenden Schmerzen an den Ungott der Treulosigkeit verloren gehe. Sie ahnen es: – in Eglisau neben Ihnen!«

Einen Augenblick schwieg Wildholz, übermannt von der Erinnerung. Aber er faßte sich und fuhr fort: »Wie ich dann selbst meiner Herr geworden bin, haben Sie miterlebt. Ich wies die Berufung des Städtchens zurück und begab mich auf die große Reise, die ich ohne meinen innern Kampf wahrlich unterlassen hätte. Daß mich dabei Ihr Bild begleitete, sagten Ihnen wohl meine Grüße von da und dort. Den Schluß der langen Fahrt bildete, daß ich meine in die Heimat übersiedelnde Braut in Southampton abholte. Ein paar Stunden nach Ankunft des Schiffes saßen wir in einem Garten am Meer, ich schrieb Ihnen etliche Zeilen und bat sie, Ihren Gruß darunter zu setzen. Sie haben den Brief nie erhalten, aber er gab mir und ihr den Anlaß, daß wir von Ihnen sprachen. Im Triebe, das Gewissen vor meinem künftigen Weib zu entlasten, habe ich wohl unvorsichtig viel von Ihren Vorzügen gesprochen, – kurz, ich denke nur unter Schmerzen an jenen Abend zurück. Nun aber, Fräulein Tappoli, wissen Sie, warum der heutige so schrecklich frostig ausgefallen ist, daß wir wohl beide eine Wiederholung gern vermeiden. Ich hoffte, es sei mit der Billigung meiner Frau wieder eine Freundschaft zwischen uns möglich. Leider nein! Und weil mich die Verantwortung für die Einladung trifft, die so kränkend für Sie verlaufen ist, bitte ich Sie herzlich: Verzeihen Sie ihr!«

Nick war von dem Bekenntnis ihres früheren Freundes zu verwirrt, um auch nur ein Wort sprechen zu können. Sie gingen wieder ein Stück Weges durch Wind und Schnee. Da erst versetzte sie: »Wenn es Ihrer Frau eine Beruhigung ist, sagen Sie ihr, daß ich ihr den Abend nicht nachtragen werde.«