Jedes Vierteljahr besuchte Nick Mutter und Schwester im Oberland, sonst stand sie einsam im Leben und mußte über die Freundschaft mit Marie Junghans froh sein, die ihr noch am meisten das Gefühl einer Angehörigkeit gab.
Marie war aus der »Meise« ausgetreten, sie nähte in Eglisau die Aussteuer, kam aber zuweilen in die Stadt. Einmal fragte Nick bei ihr nach Ulrich. Die Freundin schüttelte aber traurig den Kopf. »Wozu über den Verlorenen sprechen?« seufzte sie. »Ich habe jedoch zwei Anliegen an dich. In den Frühlingsferien findet unsere Hochzeit daheim statt. Da bitte ich dich, daß du mir Brautjungfer seiest. Das andere betrifft die Wohnung, die wir mieten wollen. Sie liegt am Zürichberg im ersten Stock eines alten Bauernhauses mit Sonne, Luft, Aussicht, ist aber für unsern Zweck um ein Zimmer zu groß. Wenn du dieses von uns mietetest?« Sie wurden einig.
Die Hochzeit im heimischen Städtchen nahm einen schönen Verlauf, doch war ein verhaltenes Leid dabei. Ulrichs Name kam über keine Lippe, aber im Stummen fragten alle Herzen: Wo mag der Verirrte weilen? – Maries Vater, der würdige Messer- und Zirkelschmied, dem bereits graue Fäden durch den Bart liefen, hatte beim Mittagessen im »Hirsch« etwas so Nachdenkliches, daß er einen dauerte. Den Alten schmerzte es tief, daß im Kranz seiner acht, nun zum größten Teil erwachsenen Kinder ein Sohn fehlte. Am Abend wollte er doch einen Tanz mit der immer noch rabenschwarzen Mutter wagen, sie aber erwiderte: »Ich meine, wir überlassen es den Jungen!« An dieser Antwort war auch nur die Verschollenheit Ulrichs schuld.
Nick ließ sich von der Gegenwart Friedrichs fesseln. Immer wieder schweiften ihre Blicke über die Gestalt des starken, gesunden, blonden Mannes, in dessen blauen Augen die unbeirrbare Rechtschaffenheit stand. Gerade wie er war Uli gewesen, nur von merkbar stärkerer seelischer Flugkraft.
Nun wohnte sie bei dem jungen Ehepaar am Zürichberg. Schon am ersten Tag hätte sie nicht mehr hinab in die Stadtgasse zurückkehren mögen. Hier war die Luft so frisch, die Stille der Nacht so groß, und wenn sie am Morgen erwachte, entbot ihr aus weiter Ferne der Urirotstock mit dem weißen Firnfeld den Gruß. Auch besaß Marie eine recht hübsche Einrichtung, das Geschenk der Stammgäste, die sie in treuherziger Bescheidenheit und mütterlichem Zusorgen bedient hatte. Der alte Professor, der sich gern auf der Höhe erging, sah dann und wann nach der jungen Frau, und mancher Sonntagsspaziergänger gab mit freundlichem Zuruf Zeugnis, was für ein achtungsvolles Andenken sie bei ihren ehemaligen Gästen genoß.
Wenn sie den gleichen Weg wie die Freundin einschlüge, dachte Nick; wenn auch sie als Tochter in ein Zunfthaus träte? Da war doch mehr zu verdienen denn als Ladnerin! Marie aber redete es ihr aus. »Das habe ich tun dürfen mit meinem glatten Haar und meiner Einfachheit. Aber Nick Tappoli mit dem vornehmen italienischen Gesicht, den blitzenden Augen und dem Krauselhaar, – nein, nein, du kämest mit den Männern in endlose Geschichten hinein!«
Nick ließ sich belehren. Aber der Anblick des glücklichen jungen Ehepaares, mit dem sie nun das Leben teilte, rief immer wieder innere Kämpfe in ihr wach. –
In dieser Unruhe ihrer Seele fand sie einen ihr verloren gegangenen Freund wieder.
Nach den Überlieferungen ihrer Jugend besuchte sie dann und wann am Sonntagmorgen den Gottesdienst, bald in der, bald in jener Kirche. Neben der religiösen Erbauung hatten die Predigten für sie noch den besonderen Reiz, daß sie gern Gehaben, Kraft und Schwung der verschiedenen Geistlichen beobachtete und untereinander verglich, ein Spiel, das sie heimlich schon in der Heimat am Rhein getrieben hatte. Nun wollte sie wieder einmal den Gottesdienst eines schon silberweißen, ehrwürdigen Geistlichen besuchen, von dem der Vater stets mit Wärme als einem gesinnungslautern Vorbild für alle Pfarrer gesprochen hatte.