Auch die Jabergs kamen ihm noch zustatten. Bei einem Besuch, den er auf dem Gut Mecklenhof machte, berieten sie, wie die weite Reise mit dem Kleinen am leichtesten einzurichten sein möge. »Wir haben hier auf dem Gehöft eine junge Knechtsfrau, Polin, die vor ein paar Monaten ein Kind geboren hat. Ich glaube, sie würde sich vortrefflich als Wärterin während der Eisenbahnfahrt eignen. Nur müßtest du ihr wieder für die Rückfahrt sorgen.« »Was tut's!« erwiderte Uli. »Ich habe in Berlin sparsame Monate gehabt.« Nach einigen Bedenken ließ sich das Weib gewinnen.

Ein paar Tage nach Neujahr hatte Ulrich auch seine Geschäfte in Berlin geordnet, und es kam die Abreise zudritt von Lübeck. Auf dem Bahnsteige standen zum Abschied Gerold Jaberg und Traugott Meister und schüttelten ihm die Hand. Sie gingen gemeinsam in die Stadt zurück. »Junghans ist einer der edelsten Menschen, die mir je begegnet sind,« plauderte Meister. »Unter uns Männern fast ein weißer Rabe,« erwiderte Jaberg. »Wie selten sorgt sich einer um sein uneheliches Kind!«

Ulrich aber fuhr mit seiner nicht alltäglichen Begleitung bald in guten, bald in schlechten Zügen dahin. Das Kind saß zufrieden auf dem Schoß der kleinen, dicken Wärterin und wollte ihr stets in die schwarzen Kirschenaugen greifen, als wären sie Spielzeug. Er aber dachte: Eine Mutter sollte der Uli doch wieder haben! Seine Gedanken kreisten um die ferne Nick. Plötzlich aber schüttelte er den Kopf so heftig, daß die Polin ihn verwundert anblickte. Wie durfte er sich in seinen Sinnen noch an Nick heranwagen? Wenn sie um seinen Buben wüßte, hätte sie für ihn ja doch nur das Herz voll kalter Verachtung. Er hatte erlebt, was kein Weib verzeiht. Und ihm war, durch das Rollen des Zuges gehe eine wehmütige Melodie von verscherzter Liebe. Ein Blick aber in die leuchtenden Kinderaugen – und das Herz schlug ihm höher. Sein Leben hatte nun doch einen großen Zweck!


21

Nick verkaufte Schreibwaren und empfand es als besonderen Reiz ihrer Stellung, daß viel frohe Jugend in den Laden kam. Was waren die Mädchen glücklich, die mit ihren sechzehn oder achtzehn Jahren noch auf den Schulbänken sitzen durften! Bei ihrem Anblick regte sich in ihr oft eine leise Bitterkeit darüber, daß man im fröhlichen Pfarrhaus in Eglisau an ihr so wenig für ein Stück gründlicher Bildung getan hatte. In ihrem Wissensdurst wäre sie jeder Klasse vorangeflogen, und was hätte aus ihr werden können! Zum mindesten eine vortreffliche Lehrerin. Die Anfechtungen gingen aber vorbei. Manches schwungvolle Gespräch der jungen Menschen tat ihr wohl. Ein paar harmlose Verehrer, Gymnasiasten und Studenten, beichteten ihr die heimlichen Schul- und Lebensschmerzen und steckten ihr Gedichte eigener Schöpferkraft zu. Und auf dem Platz, an dem das Geschäft lag, sah sie manchen Ausschnitt aus den Bildern der Stadt, nicht nur, wie die Polizei in schwarzglänzenden Tschakos und mit breiten roten Epauletten gemessenen Schrittes vor der Hauptwache auf und niederschritt und etwa einen auf dem Bettel ertappten Handwerksburschen einbrachte, sondern auch, wie die Väter des Kantons zu ihren Sitzungen in das altehrenfeste Rathaus traten.

Unter den stattlichen und würdigen Herren des Großen Rates befand sich seit einiger Zeit auch ihr Schwager Ferdinand Bürsteler, der an fleischiger Leiblichkeit noch zugenommen hatte.

Eines Tages trat er in den Laden, entdeckte sie, kam nun dann und wann auf eine Viertelstunde zu ihr herein und berichtete ihr in breiter Gutherzigkeit mancherlei, was sie fesselte oder nicht. Leider aus der Familie nicht viel Erfreuliches. Der Schwester und ihren Kindern ging es zwar gut, aber die Mutter kränkelte, und der Bruder, der blutjunge Pfarrer, der hinten im Gebirge saß, war eben im Begriff, mit einem hübschen Webermädchen eine törichte Ehe einzugehen.