Er kam von der Beerdigung der jählings Abgeschiedenen, die nun in fremder Erde ruhte. Von den vielen seltsamen Bildern des erschütterten Zirkusvolkes, das einer der Seinigen die letzte Ehre gegeben hatte, hinweg schlenderte er in der sich früh neigenden Wintersonne durch die von sieben schlanken Kirchhelmen überragte alte Stadt, besah sich etwas zerstreuten Sinnes die farbenfreudigen Häuser aus Backsteinen, die ihn an die heimatlichen Kachelöfen erinnerten, die Gassen mit den reichen, bunten Mauern, Erkern, Säulen, Gesimsen, den engen, hohen Fenstern und den treppenförmig aufgebauten Giebeln. Als aber der Sonnenschein wich, die flammende Winterabendröte des Nordens um die Türme schwebte und dann in grünen und violetten, unheimlichen Tönen erlosch, trat er zu einer Erfrischung in das alte Zunfthaus der Schiffergesellschaft. Er setzte sich einsam an einen Tisch und betrachtete die merkwürdige Einrichtung, an der seit mehr als dreihundert Jahren nichts geändert worden war, die erhöhten Plätze der Älterleute, die Wappen und Schnitzwerke, die von der Decke niederhängenden Schiffsmodelle und die fremdländischen Kuriositäten.
Da spürte er plötzlich den Blick eines vornehmen, etwas blassen jungen Mannes, der in der Nähe saß, forschend in seine Züge gerichtet. »Himmel, das ist ja Gerold von Jaberg!« durchzuckte es ihn. Sein erster Trieb war, den Jugendgenossen zu begrüßen, aber die blitzschnelle Erinnerung, in was für einer heiklen Lebensangelegenheit er in Lübeck weilte, ließ ihn davor zurückschrecken. Um Gottes willen, wenn ihn Jaberg nur nicht erkannte! Er saß noch eine Weile qualvoll da, rief dann dem zudienenden Mädchen: »Fräulein, bezahlen, bitte.« Nur die drei Worte – Jaberg stand auf, trat an ihn heran, ergriff freudig seine Hand. »Und du bist es also doch, Ulrich! Sprich, was führt dich nach Lübeck?«
»Wanderschaft,« erwiderte Junghans betroffen. »Und dich?«
Jaberg, dem ein hübscher Schnurrbart gewachsen war, setzte sich in alter Freundschaft zu ihm hin. »Noch dasselbe wie vor zehn Jahren, als wir miteinander auf das Gymnasium in Konstanz gingen. Meine Mutter wohnt hier in der Nähe auf dem Gut Mecklenhof. Wenigstens zu Weihnachten, oft auch in den Sommerferien besuche ich sie. Was treibt man aber im Winter? Man unternimmt eine Schlittenfahrt in die Stadt, dreiviertel Stunden. Sonst lebe ich als Mediziner in Leipzig. Mein Vater ist leider gestorben, mitten in seinen dänischen Forschungen. Doch jetzt erzähle du – nein, einen bessern Vorschlag, wir gehen miteinander in den Ratskeller, setzen uns in eine Ecke, speisen und erneuern die gemeinsamen Erinnerungen an Eglisau und das Rafzerfeld. Du siehst doch, wie ich mich über unser Wiederfinden freue!«
Ja, das mußte sich Ulrich gestehen, Gerold war nicht mehr der Junge, der beim Abschied etwas verlegen die rußigen Risse in seinen Händen betrachtet hatte, sondern der offene Freund wie in den schönsten Tagen ihrer Jugendzeit, und er durfte sich ihm nicht entziehen.
Sie hatten in der weitgewölbten, von mächtigen Pfeilern gestützten Kellerhalle die schirmende Ecke gefunden, der Wein perlte in den Römern, das Gespräch über die Jugendtage floß. »Wie, Nick Tappoli ist in Zürich Verkäuferin!« rief Gerold. »Sie war mein Knabentraum, überhaupt eines der feinsten Mädchen, die ich je kennen gelernt habe.« Ulrich wurde bei den Worten sonderbar ums Herz, ein tiefes Heimweh kam über ihn, je länger desto mehr faßte er das alte Freundesvertrauen zu Jaberg. Von seltsamem Erleben ging ihm der Mund über. Was er gelitten hatte, was er hoffte, schüttete er in ergreifender Erzählung aus und hatte an Gerold einen verständnisvollen, warmbeseelten Zuhörer. Als sie den Keller verließen, war Mitternacht schon vorüber. »Ich bleibe in der Stadt«, versetzte Jaberg, »und statte dir morgen einen Besuch ab. Vielleicht kann ich dir beim Ordnen der merkwürdigen Angelegenheit irgendeinen Dienst leisten.« Als Ulrich unter schimmernden Nachtsternen durch die totenstillen Gassen heim in seinen Gasthof ging, spürte er die große Herzenserleichterung, daß er sich endlich einmal mit einem Vertrauten über seine wirren Erlebnisse hatte aussprechen können. Der Abend blieb ihm wohl in unvergeßlicher Erinnerung.
Die Hilfe Jabergs konnte er in der fremden Stadt brauchen. Der junge Mann mit dem bekannten, geachteten Namen führte ihn bei den Behörden ein, die sich der Angelegenheiten der Barensky bemächtigt hatten. Die Bemühungen, sich einwandfrei in den Besitz des Knaben zu setzen, waren mit mehr Widerständen verbunden, als Ulrich vorausgesehen hatte. Da die Künstlerin außer dem Juwelenschatz ein ziemliches Vermögen hinterlassen hatte, vermuteten die Beamten, hinter seinen Wünschen eine eigennützige Absicht und forderten peinvolle Aufschlüsse über seine Beziehungen zu der Artistin, sogar der unglücklichen Mab stellte man ihn gegenüber. Nach etwa acht Tagen hatte er es erreicht, daß man ihm das Kind übergab. Das Vermögen der Barensky aber blieb in amtlicher Verwahrung, die Behörden wollten abwarten, ob nicht noch andere Ansprüche geltend gemacht würden. Das Wesentliche für Ulrich war, daß ihm die freie Vatergewalt über den Sohn zugesprochen worden war.
Unterdessen war die Antwort von Szedesky eingegangen. »Herzbruder!« begann der Brief. In schlechtem Deutsch enthielt er ein freudiges Willkommen für Ulrich wie für sein Kind. »Ich habe die Liebe meiner Jugend zum Weib genommen, und sie hat mir ein Söhnchen geschenkt. Warum soll sie nicht gleich zwei Jungen Mutter sein? Und du bist ihr nicht fremd. Oft habe ich zu ihr gesagt: Teufel, wo ist mein Freund geblieben? Ich wußte fast sicher: in den Krallen der Barensky, Tigertier verfluchtes! Ich habe geseufzt: Armer Ulrich! und den Abend in Frankfurt in die Hölle gewünscht. Aber gottlob, das wilde Weib ist jetzt tot. Grüß Gott, Ulrich, im schönen Ungarland!«
Junghans leuchteten die Augen über den Zeilen. Was ist es Herrliches um echte Männerfreundschaft!