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In Berlin fand er in einer Werkstatt, die ein paar hundert Schritte hinter dem Potsdamer Platz lag, Unterkunft als Messerschmied. Da wollte er wenigstens so lange bleiben, bis ihm Traugott Meister Nachricht von der Geburt des Kindes gab. Und nachher? – Das lag ihm selbst im Dunkeln. Vielleicht zu Szedesky reisen.

Er hatte geglaubt, wenn er nur einmal von der Barensky und dem Zirkus los sei, so finde er von selber wieder Lebensglauben und Lebensglück. Dem war aber nicht so. Wohl hätte er in Berlin Gelegenheit genug gefunden, wieder eine Liebschaft anzuknüpfen, aber es ging ihm wie den gebrannten Kindern mit dem Feuer. Dann und wann dachte er an die Barensky, aber viel häufiger an Nick. Seine Seele trauerte um die Verlorene und schrie nach ihr; sie weinte nach der Heimat, die Kraft aber fand er nicht, den Eltern einen Brief zu schreiben. Wohl gerade, weil er in schmerzender Scham eine große natürliche Pflicht versäumte, gab es für ihn kein Aufatmen.

Ende Juni erhielt er von Traugott Meister ein paar Zeilen aus Hamburg: »Werra Barensky ist mit einem prächtigen, gesunden Jungen zu uns zurückgekehrt. Das Kind ist Ulrich getauft. Leider besteht vorläufig keine Hoffnung, daß sie es aus den Händen geben würde. Jedermann vom Zirkus, hinab bis zum geringsten Knecht, muß in ihr Hotel kommen und es bewundern.«

Das erste Gefühl Ulrichs war, auch er sollte hinfahren und seinen Sohn sehen. Dann aber ließ ihn Werra Barensky sicher nicht mehr los. Nein, seine Freiheit mußte er sich bewahren! Unter Schmerzen besiegte er die Regung. Seine Gedanken aber waren unablässig bei dem Kinde. Die Furcht, daß die ungebildete Mutter seine Erziehung vernachlässige und er ihm nicht helfen könne, quälte ihn Tag und Nacht. Vielleicht weil er von seiner Stellung befriedigt war, vielleicht weil die Bilder der großen Stadt dann und wann die mancherlei Gewissensbisse in seiner Brust wohltätig überfluteten, blieb er aber doch in Berlin.

Schon ging es auf Weihnachten. Die Stadt lag im Schnee. Da riß ihn eine Drahtnachricht von Traugott Meister aus seiner seelischen Dumpfheit empor: »Lübeck. Kommen Sie. Werra Barensky durch Unglücksfall tot, Ihr Kind frei.«

Jäh erregt warf Ulrich sich in den Zug, ihm war, er könne die paar Stunden Fahrt nicht überleben. Er bildete sich ein, die Barensky sei wohl durch ein wildes Tier zerrissen worden, wie einst ihr Vater von einem Eisbären. Ihr Tod erschien ihm wie ein Gottesgericht, verdient durch den verhängnisvollen Peitschenhieb in Mainz und dadurch, daß sie ihn aus seinen ehrsamen Verhältnissen in ein schmachvolles Abenteurerleben hineingezwungen hatte. Der Haß gegen das Weib war in ihm doch stets größer gewesen als die Liebe, ihr Tod befreite ihn von einer unerhörten Last. Niemand trennte ihn mehr von dem Sohn, er war Herr über das Schicksal des Jungen. Der Gedanke erfüllte ihn mit freudiger Ruhe. Was aber nun? Es erschien ihm als der einzige gute Ausweg, daß er mit dem Kinde in ein fremdes Land gehe, denn in die Heimat wagte er sich aus Scham mit ihm nicht. Was würden die braven Eltern und Geschwister sagen, was Nick, wenn er mit dem lebendigen Zeugen seiner Schmach vor sie hinträte? – Sobald wie möglich wollte er einen Brief an Szedesky schreiben, in dem er ihm die Erlebnisse des letzten Jahres freimütig bekannte, ihn fragen, ob er Arbeit für ihn in seiner Fabrik habe und ob es Gelegenheit gebe, den Knaben bei einer guten Frau unterzubringen, wo er ihn dann und wann sehen und seine Entwicklung überwachen könne.

Am Bahnhof in Lübeck holte ihn Traugott Meister ab. »Nun hat sich ja für Sie der Knoten wunderbar gelöst,« empfing er den Freund, »ich wollte, das Schicksal hätte den meinen ebenso gründlich durchschnitten. Die Mab hat Werra Barensky erschossen.« Ulrich fuhr zurück. »Die Mab?« – »Unglücksfall oder Verbrechen?« fuhr Meister fort. »Niemand kann's wissen. Die beiden knallten sich gestern gegen Abend zur Unterhaltung in einem Gasthofzimmer hohle Glaskugeln von den Köpfen, – ein neuer Trick für die Arena, in dem sie sich seit einiger Zeit übten. Da ereignete sich der verhängnisvolle Schuß. Als auf den Schreckensschrei der Kleinen die ersten Zeugen zu dem Unglück kamen, kniete sie über Werra Barensky, die, mitten in die Stirne getroffen, auf dem Boden lag. In wildem Jammer rief sie unausgesetzt: »Meine Herrin, meine Herrin!« Die Sterbende gab noch Lebenszeichen und jammerte leise nach ihrem Kind. Im ersten Augenblick glaubte jedermann an einen unglücklichen Zufall. Bald aber tuschelte es sich unter dem erschrockenen Artistenvolk herum, es handle sich um Liebesrache. Mab soll Beziehungen zu einem jungen Griechen gehabt haben, der in einem Handelshaus tätig ist. Die Barensky fand aber auch Gefallen an dem schwarzen Krauskopf, er gab ihren Lockungen nach, die Kleine überraschte die beiden, – und nach ein paar Tagen fiel der Schuß. Jetzt ist Mab in Untersuchungshaft.«

Meister führte Junghans in einen Zirkusschuppen. Da lag die Leiche der Werra Barensky schon im Sarg. Auf ihrer Stirne war ein roter Tupf sichtbar, nichts weiter, und das blasse Gesicht sprach noch lebhaft von ihrer kraftvollen Schönheit. Ulrich aber hatte nur wieder das Gefühl, es sei ein Gottesgericht ergangen, und fand darin etwas wie Versöhnung mit der Toten, die so unselig in sein und anderer Leben eingegriffen hatte.

Nun aber zu dem Kind! Er traf es wohlversorgt in dem Hotel, in dem Werra gelebt hatte und verunglückt war. Schon halbjährig saß es in seiner mit Spitzentüchern reich ausgestatteten Wiege, an Fremde gewöhnt streckte es ihm gleich lächelnd die Ärmchen entgegen. Und siehe da, es war ein schönes, wohlgebildetes Kind, es hatte tiefblaue Augen, nur das ansprossende dunkle Haar verriet den Einschlag des mütterlichen Blutes. Vom ersten Augenblick an hatte er den vergnüglich lallenden Buben unsäglich lieb und fühlte sich durch seinen Anblick von einem Lebensmut beseelt wie in den Tagen, da er die Barensky noch nicht gekannt hatte. Seinetwegen nahm er Quartier im Hotel, und noch am gleichen Abend schrieb er einen langen, herzbewegten Brief an Szedesky. –