Der Gedanke bemächtigte sich seiner immer stärker. Wohl hatte er sich weit von dem ehrbaren Lebenswandel seiner Jugend entfernt, aber so tief wollte er nicht sinken, daß er auch noch ein unschuldiges künftiges Wesen ins Verderben riß, sein eigenes Blut. Da stände er ja vor sich selber und vor Gott doppelt als Verbrecher da. Die hohen Verantwortungsgefühle, die ihm Pfarrer Tappoli während der Konfirmationsstunden in die Brust gelegt hatte, wurden wieder in ihm lebendig, aus geheimnisvoller Tiefe spürte er: sein Kind durfte er nicht lassen. Wenn er es aber nicht ließ, was dann? – Dann gehörte er, so lange er lebte, der Barensky als wilder Gatte an, und die Erziehung des Kindes würde doch eine verfehlte.
Eine grenzenlose Traurigkeit über die Wendung, die sein Leben genommen hatte, überfiel ihn. Aus den Städten irrte er hinaus in die Felder, Wälder, Heide, dachte an die Menschen, die ihm lieb gewesen waren, an Vater, Mutter, Geschwister, und wenn er an das Bild Friedrichs kam, so war ihm, er verdiente es, daß ihn der Bruder niederschlüge wie einen Hund. Wenn er aber Nick im Geiste vor sich sah, die ihm so lieb geschrieben hatte und die nun für ihn doch unerreichbar geworden war, so wäre er am liebsten einsam auf der Heide gestorben. Wie ein Grauen lastete auf ihm das Schweigen gegen die eigenen Angehörigen.
Traugott Meister blickte tief in Ulrichs Kummer. »Sie müssen fort, sonst gehen Sie an sich selber zugrunde. So lange ich als Artist bei Tempelmann bleibe, werde ich ein scharfes Auge auf die Barensky und das Kind halten und Sie von jeder Veränderung unterrichten. Wie leicht ist es möglich, daß es Ihnen doch noch gelingt, ihr das Kind zu entziehen und es in einer Bürgersfamilie unterzubringen. Denken Sie, daß das Weib einige Zeit nach der Geburt doch wieder eine Liebschaft eingeht, daß der bevorzugte Mann an dem Kinde ein Mißfallen findet und sie selber seiner überdrüssig wird. Ein solcher Rückfall in ihre alte Lebensart ist bei der Barensky doch sehr leicht möglich! Dann schreibe ich Ihnen.«
Schon war es Frühjahr geworden, und der Zirkus stand in Bremen. Die junge Mutter jauchzte Ulrich mit strahlenden Augen zu: »Das Kind lebt in mir. Ich spüre seinen Herzschlag, ich merke seine Füßchen.« Sie traf Vorbereitungen, um sich für ein paar Monate vom Zirkus zurückzuziehen. Da sprach er vom Scheiden. Tränen traten ihr in die großen, dunkeln Augen, aber sie machte ihm keine Vorwürfe, das Muttergefühl hatte ihre Widerstandskraft völlig gebrochen. »Nur noch ein wenig bleibe, Ulrich!« Als er wieder zu ihr kam, lag sie in Weinkrämpfen auf dem Teppich. »Clown William war bei mir. Ich weiß, daß du gehen mußt. Du verdirbst neben mir. Das will ich aber nicht, – nie, nie, Ulrich!«
Ein paar Tage später fuhren sie gemeinsam von Bremen nach Hamburg. Sie wollte in dieser Stadt das Kind erwarten. Sie lachte und weinte im gleichen Atemzug, sie lachte dem Geschöpfchen entgegen, das sie unter dem Herzen trug, und weinte mit der gleichen Zärtlichkeit um den Geliebten. Sie wußte wohl, daß er nie mehr zu ihr zurückkehren würde.
Er reiste von Hamburg nach Berlin weiter. Als der Zug abfuhr, stand sie auf dem Bahnhof, senkte das Haupt in schütterndem Schmerz und hob den Arm vor die Stirn. So entglitt ihm das Bild. Hatte er das Weib geliebt oder gehaßt? – Wohl beides miteinander!
Warum er nach Berlin fuhr, war ihm selber nicht klar. Vielleicht nur, um mit seinem verunreinigten Selbst unterzutauchen im Menschengewoge der großen Stadt. Lieber wäre er heimgefahren zu Nick, aber zwischen der Heimat und ihm lag es wie Feuerlohen, durch die sich nur ein Mann mit einem guten Gewissen wagen durfte.