Was hatte das herrliche Bauwerk, das Felsengebirge aus Menschenhand, im Lauf der Jahrhunderte gesehen? Die Schwingen der Weltgeschichte hatten es umbraust, Geschlecht um Geschlecht war unter ihm zusammengebrochen. Aber in wie viel Straßen, Gassen und Gäßchen die Gipfel des steinernen Gebirges geheimnisvoll hinunterblickten, – an seinen Quadern war gewiß nie ein schlechterer und gemeinerer Mensch dahingewandert als er, Ulrich Junghans von Eglisau! Dennoch trat er eines Tages in die dämmerigen, zauberisch ergreifenden Hallen. Ein Sonnenstrom wallte durch die hohen Fenster herein, und die schöne Weise des Dreimal Heilig, von hellen Knabenstimmen gesungen, schwebte durch den Raum. Im tiefsten Herzen ergriffen lauschte er und geriet in eine so weiche Stimmung, daß sich ihm die Tränen in die Augen drängten. Plötzlich gedachte er Nicks, ihr reines Bild stand so klar wie eine Erscheinung vor ihm. Im Gefühl seiner Nichtswürdigkeit stürzte er ins Freie, ging in ein Gasthaus, in dem er sich vor Werra sicher fühlen konnte, und schrieb der Freundin seiner reinen Jugendtage in Wehmut und Zerknirschung den trostlosen Brief.
Auch den Eltern Nachricht von sich zu geben, empfand er wie eine klemmende Pflicht. Oft setzte er sich zum Schreiben hin, aber dann stand er wieder auf. »Nein bei Gott, so schlecht bin ich noch nicht, daß ich meinen ehrlichen Eltern eine Lüge vorsetzen könnte. Und die Wahrheit darf ich ja nicht melden!«
In seiner Seele schlugen sich beim Gedanken an Werra Barensky Liebe und Haß eine Schlacht. Wie kulturlos war das Weib bei allem äußern Schein und Glanz, wie unwissend und ungebildet! Jedem ihrer Einfälle ließ sie freien Lauf. Die entgegengesetztesten Eigenschaften kamen an ihr zum Vorschein. Sie war verträglich, treu, gütig, mitleidig, freigebig, aber auch roh, hochmütig, grausam; bei dem übrigen Zirkusvolk eher gefürchtet als beliebt, aber doch geachtet und von einzelnen, denen sie Wohltaten erwiesen hatte, sogar verehrt. Ihre Schülerin Mab, das seltsame Wesen, das im gleichen Augenblick sehr häßlich und sehr schön sein konnte, folgte ihr treu wie eine Hündin, obgleich ihr Werra zuweilen den Schuh oder die Peitsche über den Kopf schlug. Die Kleine sagte ihm oft, kein Weib sei so gütig wie ihre Herrin. Namentlich war es Werra gegen die Tiere, für die Pflege eines kranken opferte sie die Nächte, und es war ihr ein wilder Schmerz, wenn eines abgetan werden mußte. Auf ihrem Zimmer hatte sie stets irgendeine junge Wildkatze um sich, Löwchen oder Tigerchen, oft bis in ein Alter, wo es nicht mehr ungefährlich war. Ulrich selbst mochte die drolligen, immer zum Spiel aufgelegten Geschöpfe, aber daß er die Zärtlichkeiten und Liebkosungen Werras mit ihnen teilen mußte, stieß ihn manchmal ab. Sie schien keinen rechten Unterschied zwischen Mensch und Tier zu kennen.
Besaß sie ein Gefühl für das ungeheure Opfer an Ehre, das er ihr gebracht hatte? – Gewiß! Nie erlaubte sie sich eine Launenhaftigkeit gegen ihn, ihre Liebe demütigte sich bis zur Unterwürfigkeit, und umsonst wünschte er sich einen großen Streit mit ihr, damit er einen Vorwand hätte, sie für immer zu verlassen. Im Gegenteil, es schien, als ob das Schicksal ihn stets enger mit Werra zusammenschmieden wolle. Jubelnd teilte sie ihm mit, daß sie sich von ihm Mutter spüre. Die Wonne darüber verklärte ihre Augen, Gesicht, Seele, streifte jede Wildheit von ihr ab und erlosch auch nicht, wenn sie nun hie und da einer Vorstellung fernzubleiben genötigt war. Jedermann wunderte sich über die strahlende Laune des sonst leicht reizbaren Weibes, über ihre Güte gegen die Umgebung. In die einsamen Gedanken Ulrichs hinein aber ragte die Neuigkeit wie etwas Furchtbares. Tag und Nacht grübelte er darüber nach. Am liebsten wäre ihm gewesen, er hätte vermuten dürfen, ein anderer sei der Vater des werdenden Kindes; er hatte jedoch nicht das geringste Recht, die Treue Werras in Zweifel zu ziehen. Wie aber, wenn sie forderte, daß er wegen des Kindes mit ihr die Ehe eingehe? Die Sorge war überflüssig. Als er ihr einmal vorsichtig davon sprach, lachte sie ihn mit dem Übermut ihres Mutterglückes aus. »Junge oder Mädchen, – wenn du einmal von mir fortgehst, werde ich es doch erziehen wie ein Fürstenkind und ihm so viel Liebe schenken, daß es die deine nicht vermißt. Nur eines möchte ich an dir noch erleben, Ulrich, nämlich daß du wieder einmal so warm lachen magst, wie ich es in Frankfurt von dir gehört habe!«
Er schob sein schlechtes Aussehen und seine Bedrücktheit auf die schiefe Lage, in der er sich befand. »Ich war in meinem Leben nie Müßiggänger und bin nicht imstande, den ganzen Tag durch die Gassen zu laufen; wollte ich aber als Arbeiter in eine Messerschmiede, so müßte ich wegen der Wanderschaft des Zirkus unter irgendeinem windigen Vorwand schon wieder kündigen, ehe ich mich in der Werkstatt recht umgesehen hätte.« Werra begriff wohl nur halb, daß er nach seiner Herkunft und Erziehung eines geordneten Lebens bedurfte; um aber seinen Arbeitsdrang zu befriedigen, besprach sie sich mit Tempelmann. Ulrich kam als Mechaniker im Zirkus unter und fand in dem weitläufigen Unternehmen Tag um Tag Beschäftigung genug.
So wurde er selber Mitglied des merkwürdigen Wandervolkes, aus dem sich eine Kunstreiterei zusammensetzt, einer Welt, die nicht besser, nicht schlechter ist als die übrige: wie sie durchzuckt von den Leidenschaften der Liebe, der Eitelkeit, des Neides, wie sie bewegt vom Schrei der Freude, von den heimlichen Tränen des Leides, aber beglänzt von der Romantik der fahrenden Kunst. Er folgte dem Unternehmen wintersüber durch ein paar Städte des rheinischen Industriebezirkes, verkehrte aber mit den Artisten so wenig wie möglich und tat seine Pflicht in stiller Vornehmheit. Nie hatte ihn Werra aufgefordert, daß er den Vorstellungen beiwohne, doch mengte er sich dann und wann unter die Zuschauer; denn es bereitete ihr stets eine kindliche Freude, wenn sie ihn während des Spiels unerwartet im Hintergrund einer Galerie entdeckte.
Auch fand er in dem buntgemischten Völklein einen treuen Freund. Es war der Clown William, der die Zuschauer jeden Abend durch seine Purzelbäume und Luftsprünge, seine bodenlose Dummheit und seine glänzenden Witze zu dröhnendem Lachen hinriß. Im bürgerlichen Leben führte er den ehrsamen deutschen Namen Traugott Meister, und wie er zwei Namen besaß, lebte er eine Art Doppeldasein: Steckte er im Narrenkleid, das Gesicht häßlich übermalt, so brodelte er in Übermut; hatte er aber die Maske abgestreift, so fiel ihm, wie er selber behauptete, nie ein Witz ein, er war dann ein stiller Mensch mit einem auffallend geistvoll geschnittenen Gesicht. Als der Sohn armer Bergmannsleute in Oberschlesien hatte er sich den Sprachwissenschaften widmen wollen und schon ein Jahr Universität hinter sich. Dann waren ihm die Mittel ausgegangen, er hatte sich aus Not zum Zirkus gewandt, trieb aber in den freien Stunden, die ihm der Beruf ließ, seine Studien eifrig weiter und lebte der schönen Überzeugung, daß er sich doch noch den Doktortitel erringen werde. Wegen seiner ruhigen Art, den Menschen zu begegnen, war er von Artisten und Artistinnen wohlgelitten, auch mit Werra Barensky und Mab befreundet. Mit dem Mechaniker verband ihn vor allem die Sehnsucht nach der Rückkehr in die bürgerliche Welt, und als ihm Junghans einmal das Herz öffnete, verstand er die Qual des abwegs Geratenen überraschend fein.
»Nein, Sie dürfen nicht bei der Barensky bleiben,« beredete er Junghans. »Das ist kein Leben für einen ehrbaren Schweizer. Sie gehen in dieser Luft langsam zugrunde. Sie müssen die Gelegenheit benützen, da sie durch ihre Mutterschaft so mild und nachgiebig geworden ist. Schnell den Schnitt ziehen und fort! Sonst werden Sie lebenslang nicht wieder aus ihren Netzen kommen.«
»Wie danke ich Ihnen,« erwiderte Junghans. »Ja, jetzt! Ich sehe das so klar wie Sie!« Auch ihm schien es ein Leichtes, sich von Werra Barensky zu befreien: sie freute sich ja ihres Zustandes so innig, daß sie auf jeden seiner Wünsche einging. Um des keimenden Wesens willen versuchte sie sogar, freilich kunstlos genug, der Freude an ihrem Zustand durch Lieder Ausdruck zu geben. Über ihrem Glück war er ihr zur Nebensache herabgesunken, und in allem, was er ihr an Liebe erwies, erschien ihr nichts so wertvoll wie sein Unterricht im Lautenspiel. Jetzt von ihr und aus der ihm verhaßten Welt des Artistentums fliehen! Wie wollte er aufatmen, wenn er einmal das ehrlose Verhältnis, das ihn bis zum Lebensüberdruß niederstimmte, hinter sich hatte!
Es ging ihm aber merkwürdig. Bereit, die Mutter zu verlassen, vermochte er sich nicht von dem noch ungeborenen Kinde zu trennen. War ihm der Gedanke an das Geschöpfchen zuerst eine Widerwärtigkeit gewesen, so beschäftigte er sich jetzt häufig mit ihm. Vielleicht aus dem Beispiel Werras, vor allem aber aus einem Eindruck im Zirkus. Er ertrug den Anblick kaum mehr, wie sie mitten unter den zähnefletschenden, fauchenden Raubtieren stand oder das prächtige Haupt in den Rachen eines Löwen legte. Das Herz erzitterte ihm vor Angst um das Wesen unter ihrer Brust; die Gefahr, in der es bei den Dressuren schwebte, weckte seine Liebe zu dem Kinde. Durfte er einfach von Werra gehen und es ihr überlassen? Dann bekam es zu Gespielen junge Panther und Löwen, dann wuchs es in der Zirkusluft, vielleicht verwöhnt, aber so ungebildet, kulturlos und wild wie seine Mutter auf, hatte nichts um sich als das lärmende, glänzende, hohle Leben des Artistentums und trug wohl selber bald den bunten Flitter, frühreif und mit dem traurigen Blick der Kinder, die nicht in Natur und Ruhe haben aufwachsen können.