»Ich kann Ihnen nicht folgen, es wäre ein Verbrechen,« ächzte er. – »Ihnen?« rief sie mit zuckenden Lippen und zitternder Stimme. »Warum nicht ›du‹, Ulrich?« Wie sie seinen Namen sprach, darin lag alle Zärtlichkeit, alles Flehen und Weh einer Weibesseele. »Verachtest du mich so tief?« – »Ja,« erwiderte er düster und wandte den Blick von ihr. – »Ulrich, Ulrich!« stöhnte sie herzerschütternd. – »Meine Welt ist nicht Ihre Welt,« stieß er hervor. »Ich mag das Zirkusleben nicht, immer hätte ich darin das Heimweh. Wir können uns doch nicht heiraten.« Das sprach er rauh und feindselig. – »Heiraten!« nahm sie ihm leise und träumerisch das Wort ab, wie wenn für sie darin ein wunderbarer Zauber läge, und lächelte einen Herzschlag lang verträumt. Dann erlosch das Licht in ihren Zügen. »Nein, Ulrich,« erwiderte sie lind, »ich bin ja schon glücklich, wenn ich deine Magd sein darf, und will dir nichts in den Weg legen, wenn du es für notwendig hältst, mich wieder zu verlassen.«

Die wildesten Drohungen hätten ihn nicht eingeschüchtert, selbst ihr Revolver nicht. Aber ihre Demut und ihr wie Kinderweinen tönendes Flehen erschütterten ihn. »Ich muß jetzt zu meinem ehemaligen Geschäftsherrn gehen,« versetzte er unsicher und entzog sich ihr.

Nach Wochen schritt er zum erstenmal wieder durch die Straßen von Mainz, immer noch von der Krankheit geschwächt. Er dachte an Nick, von der er den hoffnungsvollen, schönen Brief auf der Brust trug. Wenn er nach dem Besuch bei Appelius einfach auf den Bahnhof ginge und fortführe, ohne Werra Barensky wieder zu sehen? – Das wäre die Rettung! Warum nicht? – Obgleich sie ihn mit Aufopferung gepflegt hatte, war keine Dankbarkeit gegen sie in seiner Seele.

Appelius empfing ihn förmlich und kalt. Als sich Junghans entschuldigen wollte, daß er ohne Anzeige ausgeblieben sei, und von seiner Krankheit zu sprechen versuchte, schnitt ihm der Herr, der für ihn so viel Wohlwollen besessen hatte, das Wort ab: »Ich weiß alles, – auch, von wem Sie sich haben pflegen lassen. Es ist eine Unbegreiflichkeit, über die wir nicht weiter sprechen. Hier ist Ihr Lohnguthaben. Wenn Sie nur noch unterschreiben – Guten Tag!« Ulrich stand noch und wollte sprechen. Appelius aber machte mit der Hand eine ungeduldige und verächtliche Bewegung.

Wie auf den Kopf geschlagen lief der Gekränkte umher. Ein wilder Schmerz, daß ihn Appelius so falsch beurteilte und für einen gemeinen Menschen hielt, wühlte ihm in der Seele. Der Gedanke daran tötete ihn fast. Welche Schmach! Auch den Eltern und Geschwistern durfte er nicht mehr unter die Augen treten. Vielleicht hatte Nick durch Marie etwas über die Ursache der Verlobungslösung zwischen Friedrich und Lotte Römer gehört, vielleicht verachtete auch sie ihn! Er dachte nicht mehr an Abreise, nur noch an seine trostlose Verlassenheit. Immer schwärzer lief der Strom seiner Gedanken. Plötzlich fühlte er sich so ermattet, daß er an eine Hauswand lehnen mußte. Als er sich etwas erholt hatte, tappte er sich mit mühsamem Atem nach dem Hotel am Rhein. Wieder hielt er inne, ihm war, das Haus sei eine Hölle. Dann aber schritt er doch hinein.

»Meine Herrin ist Ihretwegen so traurig,« klagte ihm Mab, »daß sie heute abend nicht auftreten kann, wenn Sie ihr nicht noch ein liebes Wort schenken. Bitte, bitte Herr Junghans!« Ihre gelben Augen flehten. Da gab er sich einen Ruck, trat zu Werra Barensky hinein, küßte sie und sagte in dumpfer Willenslosigkeit: »Werra, ich komme mit dir nach Köln.«

Ihre Augen flammten licht empor, ihre Wangen röteten sich mädchenhaft, und mit einem wundersüßen Lächeln ergriff sie seine Hand: »Ich danke dir, Ulrich. Du weißt nicht, wie ich dich liebe. Was sind alle andern Männer gegen dich!« Wie verzückt hing ihr Blick an ihm. –

An einem goldigen Herbsttage reiste er mit Werra und Mab nach Köln. An den Ufern des Rheins jauchzte die Weinlese. Er hütete sich aber wohl, einen Blick aus dem Bahnwagen auf den Strom zu werfen: es hätte ihm das Herz zerrissen, die Gegenden zu sehen, in denen er mit Friedrich und den Geschwistern Römer in so hoher Stimmung gegangen war. Ihm war, jeder Pfiff der Lokomotive führe ihn tiefer in einen Abgrund der Ehrlosigkeit hinein, aus dem es kein Auferstehen mehr gab. Handelte er an seinem Bruder Friedrich nicht wie Judas? Werra Barensky aber streichelte ihm in sprühend guter Laune die blassen Wangen und sagte ihm die süßesten Worte, die über Weibslippen gehen.

In Köln wohnten sie in einem Hotel nahe dem Dom. Die Wünsche Werras erfüllten sich. Was Ulrich selber nie gedacht hatte, – er lernte das wilde, schöne Weib lieben. Nicht aus der Gemeinsamkeit der Seelen, aber aus den heißen Sinnen der Jugend, deren drängende Kraft ihm doppelt wiedergekehrt zu sein schien. Es war doch etwas Herrliches um ihren geschmeidigen Raubtierleib, um ihre zitternde Hingabe. Nächte erlebte er voll düsterer Glut, Tage mit allen Schauern der Reue und der Selbstvorwürfe …

Wenn er am Morgen aus dem Gasthof auf den Platz trat, starrte er auf den Dom. Mit unbegreiflicher Macht zog ihn der reine, erhabene Bau an, der über das Gewimmel der Giebel und Häuser und Menschen wie heilig in das Blau der Lüfte stieg; er hatte aber auch stets das Gefühl, der Dom sei sein besonderer Feind, der ihm in stummer Beredtsamkeit seine Lebenssünde vorwerfe.