Heimlich wußte sie etwas mehr von Ulrich, als sie der armen, enttäuschten Nick gestand, und es war nicht nur Rücksicht auf die Freundin, daß sie den Rest verschwieg, sondern sie tat es, weil sie sich des Bruders schämte. In dem Briefe von Appelius war nämlich eine Stelle gewesen, die den Vater bewogen hatte, sofort Friedrich in Basel mit einem Besuch zu überraschen. Von dort hatte er die unerbauliche Neuigkeit zurückgebracht, daß schon seit längerer Zeit ein Komödiantenweib im Leben Ulrichs eine Rolle gespielt habe und auch schuld am Rückgang der schönen Verlobung Friedrichs in Mainz gewesen sei. Er schrieb also einfach aus schlechtem Gewissen nicht mehr und aus Furcht vor dem Züchtigungsbrief, der ihm vom Vater drohte, sobald sein Aufenthalt bekannt würde! Die erzürnte Familie war übereingekommen, mit niemand über die häßliche Wendung in Ulrichs Leben zu sprechen: wie eine Beleidigung der eigenen Ehre spürten es Eltern und Geschwister, daß der früher so brave Sohn und Bruder im Verkehr mit seinem Freunde, dem Ungarn, so tief gesunken war.

Wie sie, erlebte Nick um ihn schwere Tage und hatte oft die Augen voll heimlicher Tränen. Sie hatte so fest an Uli geglaubt wie an Sonne, Mond und Sterne, und nun war durch seinen ebenso traurigen wie dunklen Brief etwas unendlich Schönes aus ihrer Seele gerissen, eine große Hoffnung, an die sie sich stets hatte klammern können, wenn ihr das Leben um sie her zu kalt und öde erschienen war. Sie merkte erst jetzt, wie viel er ihr in ihren Träumen und Seelengängen gewesen. Sie grübelte, was für eine Bewandtnis es wohl mit den Dornen haben könnte, in die er hineingefallen war. Sie mußte es aber aufgeben. Führt die Einbildungskraft nicht stets auf Vermutungen, die sich als falsch erweisen, wenn man die Wirklichkeit des Lebens erfährt? – Irgendein weites Mitleid mit ihm erfüllte ihre Seele, doch auch sie selber kam sich unsäglich arm vor. Wer liebte sie wahrhaft und tief? Einzig die Mutter, die sie selten sah. Nick fühlte es: sie stand jetzt allein in der Welt, sie war ein freier Vogel, der sich um niemand zu kümmern brauchte, den es aber manchmal in seiner Freiheit fror.


19

Lange war Ulrich in der Pflege der Werra Barensky an einer Gehirnentzündung darniedergelegen. Als er das Bewußtsein wieder erlangte, fiel ihm zuerst die Werkstatt des Vaters ein und der Altgeselle Thomas mit dem Wort von den Weibsleuten: »Wenn du der Simson wärst, du kimmst net dagegen an, die luderige Delila hat dir halt 's Haar abg'schnitten, d'Katz hat si an dei Buckel krallt, und du kannst kratzen und schreien, – es hilft dir nichts.« So war er nun in der Gewalt des gewissenlosen Weibes, und ehe er einen Plan zu überlegen vermochte, wie er sich daraus befreien könne, vergingen ihm die Sinne wieder. Als die Krankheit endlich wich, mußte er von neuem stehen und gehen lernen wie ein Kind, sogar essen und trinken. Auch seine Willenskraft blieb noch eine Weile gebrochen. Sonst wäre er gleich von ihr gegangen. Denn der Zorn, daß die Artistin seinen unschuldigen Bruder ins Unglück gestürzt hatte, blieb ihm.

Sie legte über ihre Tat eine Reue an den Tag, die so leidenschaftlich und ungezügelt war wie ihr gesamtes Wesen. Als er wieder etwas zu Kräften gelangte, warf sie sich verzweifelt über sein Lager. »Ulrich, wenn du willst, erschieße ich mich vor deinen Augen dafür, daß ich deinen Bruder geschlagen habe!« schrie sie, deren Deutsch sich im Umgange mit Ulrich überraschend schnell gebessert hatte. »Glaubst du mir, daß ich mir eine Kugel in die Schläfe jage, wenn du es wünschest?« »Ja,« versetzte er ehrlich, »aber wem hülfe das? Es würde meinen Bruder nicht wieder glücklich machen.«

Da trat eine wilde Traurigkeit in ihr Gesicht. »Was muß ich denn tun?« Sie schleppte eine alte, unansehnliche Tasche aus Juchten herbei, an der selbst sie mit ihrer großen Kraft ziemlich schwer zu tragen hatte, und öffnete das kunstreiche Schloß. »Es ist, was ich von den Eltern ererbt habe.« Die Tasche war angefüllt mit goldenen Ringen, Spangen, Ketten, Herzchen, Fläschchen und Früchten, viele mit leuchtenden Steinen besetzt. Er verstand sich nicht auf den Wert von Schmucksachen, vermutete auch, daß einiges davon unecht sei; es war aber doch sicherlich ein großer Reichtum, den sie mit sich führte. »Ich will das Erbe dem Fräulein schenken,« sagte sie, »das durch meine Schuld so viele Schmerzen leidet.« »Das ist auch wieder verrückt!« erwiderte er. »Das Fräulein besitzt alles, wessen es bedarf, und was sie verloren hat, ist unersetzlich.«

Sie verzog den Mund schmerzvoll und biß sich in die Fingerknöchel. »Du bist ein Böser!« schrie sie. »Du hilfst mir nicht aus meiner Not!« Nein, er wehrte ihr nur, daß sie Friedrichs und Lottens Herzenswunden durch eine törichte Handlung neu aufriß. Ihre bittere, tatbereite Reue machte aber doch einen starken Eindruck auf ihn. Sie war kein schlechtes, sondern ein nur ihrem Triebleben unterworfenes Weib.

Sie teilte ihm mit, daß der Zirkus nach Köln übersiedeln werde. »Und du?« Er gestand ihr, daß er am liebsten zu seinem Freund Szedesky nach Ungarn führe, da er nach dem Geschehenen doch nicht in Mainz bleiben könne. Sein Wort traf sie. Erst geriet sie in Wut, dann warf sie sich laut weinend zu seinen Füßen und raufte sich die Haare, die wie eine breite, dunkle Flut auseinanderfielen. »Erlebe ich denn nie etwas Gutes von dir!« stöhnte sie. »Du kommst nicht mit mir nach Köln? Kann ich dir denn gar nichts sein? Wie ein Bettelweib muß ich vor dir hinknien, während andere Männer für eine Stunde mit mir ihr Vermögen hinwürfen. Ich aber verlange nach keinem als nach dir! Selbst das Gräßliche habe ich nur aus Liebe zu dir getan.«