Da also stak der Kummer Maries. Und ein Geheimnis schwebte um das Schweigen Ulrichs. –

Sechs oder sieben Wochen herrschte die Cholera in der Stadt, dann ging sie, wie sie gekommen war, – man wußte nicht, ob von selber oder vertrieben durch die Kunst der Menschen. Die Bewohner atmeten erleichtert auf, die Riechfläschchen verschwanden, die alten Freunde drückten sich wieder die Hand, die Landleute kamen wieder zu Kauf und Verkauf, die Städter durften sich wieder aufs Land hinaus wagen, und über dem neuerwachten Leben vergaßen sie eine Menge guter Vorsätze, die sie während der Seuche für ihr zeitliches und ewiges Heil gefaßt hatten.

Nick war leidlich über die schlechte Zeit hinweggekommen und fand, als die Läden wieder aufgingen, Unterkunft als Verkäuferin in einer Schreibwarenhandlung beim Rathaus.

In diesen Tagen erhielt sie den ersehnten Brief von Uli. Er kam aus Köln. Sie öffnete ihn mit zitternden Händen.

Das Schriftstück war ihr aber eine niederschmetternde Enttäuschung. Es lautete:

»Meine liebe Nick! Dein Brief hat mir eine unendliche Freude bereitet, wie ein Heiligtum trage ich ihn auf der Brust. Leider war aber, als ich ihn erhielt, das Unglück schon im Zug. Mit bebender Feder schreibe ich den Meinen. Ich bin tiefer in die Dornen gefallen als damals, da ich mit den schilfenen Flügeln über die Rheinhalde hinunterstürzte und Du tapfer mit Deinem Sackmesserlein kamst, um mich aus den Brombeeren zu befreien. Jetzt kann mir niemand mehr helfen, doch klage ich nicht, denn ich bin an allem selber schuld. Ich werde nie das Wort mit Dir reden, das wir in Aussicht genommen hatten. Ich bin Deiner nicht mehr wert und muß Dich, an der mein Herz so viele Jahre hing, freigeben. Aus ist das Lied vom Oberrhein, man sieht mich dort nie wieder. Dir wünsche ich alles Himmelsglück in Dein ferneres Leben, was Dir ja bei Deinem schönen und lieben Wesen nicht fehlen kann. Auf mich rechne also nimmermehr, und findest Du einen Mann, der Dir gefällt, so nimm ihn, von mir unbeschwert. Leb wohl, Du süße Nick! Herztraurig

Dein Uli Junghans.«

Ihre Tränen fielen auf den Brief. Um Gottes willen, was war denn Uli geschehen, dem gesunden, starken, blauäugigen Uli! –

Sobald sie die Zeit fand, lief sie mit dem Brief zu Marie. Merkwürdigerweise war die Freundin von dem traurigen Bekenntnis des Bruders kaum überrascht. Als sie es gelesen hatte, versetzte sie bitter: »Seit sich die Verlobung in Mainz gelöst hat, ist Uli ganz vernagelt. Der Vater hat an Appelius, den früheren Geschäftsherrn der Brüder, um Auskunft geschrieben. Und die Antwort? Nachdem Friedrich abgereist sei, habe Uli wohl noch eine Weile im Geschäft gestanden, sei aber langsam erkrankt und erst, nachdem er wochenlang gelegen, wieder erschienen, um Abschied zu nehmen. – Wie einen unartigen Schuljungen sollte man ihn strafen, daß er von Mainz fortgegangen ist, ohne uns Nachrichten zu geben!«