»Und dein Bruder Friedrich ist also auch verlobt?« regte Nick das Gespräch wieder an. »Er hält sich doch noch nicht lange in Mainz auf.« »Sechs Wochen,« erwiderte Marie, »es muß ihm wie Uli dort herrlich gut gehen.« Sie erzählte Nick, was sie von ihnen wußte, auch von den Schwestern Römer und der Absicht der Mädchen, mit Friedrich einen Besuch im Elternhaus zu machen.
Da bekam Nick rote Wangen. »Marie, ich habe Uli einen Brief geschrieben und ihn darin um Verzeihung gebeten, daß ich auf Weißwasserstelz so unartig gegen ihn gewesen bin. Lange habe ich mir das Schreiben sehr schwer vorgestellt, auf einmal aber ist es mir leicht gegangen.«
Marie gab ihr einen dankbar verwunderten Blick. »Gottlob, du stolzer Kopf! Hoffentlich weiß er jetzt, was er zu tun hat, und folgt nicht dem Drängen Friedrichs, die jüngere Schwester seiner Braut um ihre Hand zu bitten. Ich fände es nämlich so schön, wenn Ihr doch noch zusammenkämet! Was würden wir für gute Schwägerinnen, gelt Nick!« Die Freude dieses Gedankens ergoß sich über ihr Gesicht. Plötzlich aber rief sie: »Dort steht meiner!« und winkte nach dem Ufer.
Bald waren sie am Strand und saßen unter grünen Bäumen. Heinrich Keller sprach von seinem Waldgang und begegnete Nick mit großer Artigkeit. Nein, wegen seiner männlichen Schönheit hatte ihn Marie gewiß nicht genommen. Er hatte Borstenhaare, eine Stumpfnase, eine untersetzte Gestalt und einen Gang, als käme er eben vom Acker; doch gefiel Nick das Ländliche an ihm besser, als wenn man ihm auf hundert Schritte den Lehrer angesehen hätte. Überhaupt schien er ihr nicht so übel: seine verständige, ehrliche Art, seine breite Herzlichkeit, aus der zwar nie ein starker Funke, dafür aber eine biedere Rechtschaffenheit und ein lebenskluger Sinn sprach.
Während sich die Augen der Liebenden glücklich und immer aufs neue suchten, warf Nick den Fischen im See die Reste Brotes zu, die auf dem Tisch umherlagen. Sie wollte das sich küssende Paar nicht stören. Marie ging wohl mit dem Lehrer den sichersten Weg, den sich ein Weib in der Ehe wünschen mochte. Wenn dem jungen Mann Leben und Gesundheit blieb, war sie bei ihm für immer gut aufgehoben, in Bescheidenheit freundliche Verhältnisse warteten ihrer, und seine Verständigkeit bürgte auch für ein schönes inneres Glück. Dennoch hätte Nick nicht an der Stelle der Freundin sein mögen! Sie seufzte leise auf! Sie hatte nun einmal keinen Geschmack für das Glück im Winkel. Auch die bloße Rechtschaffenheit und landläufige Klugheit genügte ihr nicht. Das Bild des Mannes, das ihr vor der Seele schwebte, war anders. Ecken und Kanten wollte sie an ihm dulden, aber irgend etwas Besonderes mußte er an sich haben, das ihn heraushob aus der Menge! Stunden mußte es geben, in denen seine Seele sprühte! Ja, an einem wirklich geistvollen Manne würde sie sogar eine Stumpfnase oder einen Buckel ertragen.
Sie spürte, daß sie einen schwereren Weg gehen würde als Marie, die das Glück da ergriffen hatte, wo es ihr einen Zipfel bot.
Das Paar trat Hand in Hand zu ihr an das Geländer des Gartens und sah selig in den schönen Abend, der das Hochgebirge über einer Burg von Wolken erscheinen ließ. Keller sprach aber bald von Heimkehr und der schweren Pflicht, die ihn am Abend erwartete. Nun ja, es war männliche Tapferkeit, die Leichen zu bergen!
Er ruderte die Mädchen in die Stadt zurück, und Nick verabschiedete sich mit den üblichen Glückwünschen von dem Paar. Maries Verlobung hatte doch einen starken Eindruck auf sie gemacht. Auf dem Stübchen ließ sie ihre Gedanken wieder zurückgleiten zu den Träumereien am See. Entsprach Ulrich Junghans dem Bilde des Mannes, wie sie es sich zurechtlegte? Besaß er das Besondere? Ja, ja! antwortete ihr Herz. Worin es bestand, wußte sie freilich nicht so genau; aber schon, daß er in jungen Jahren Obmann des Rheinfahrvereins gewesen war, sich die Achtung und den Gehorsam der andern erzwungen hatte, bezeugte seine starke Männlichkeit. Wenn der einmal herangereift war, so wurde er auch ein Obmann und Oberfahrer im Leben! Dessen trug sie eine freudige Gewißheit in sich. Sehnsüchtig gedachte sie seiner und spannte der Antwort auf ihren Brief mit einer bis zum Herzpochen gesteigerten Ungeduld entgegen. Die Post aber kam und brachte nur das wegen der Seuche auf den kleinsten Umfang zusammengeschrumpfte Tagblatt. Sie wurde zornig vor Enttäuschung, sie erinnerte sich plötzlich, daß Marie von einer jüngern Schwester der schönen und feinen Braut Friedrichs gesprochen hatte. Wenn nun Ulrich – Nein! Dieses Gift, das schlimmer war als die Cholera, wollte sie nicht in sich aufkommen lassen: sie hatte an der kranken Frau Wasmer gesehen, wie die Eifersucht häßlich und ungerecht machen kann.
Da kam nach wenigen Tagen schon wiederum Marie, um sie zu einem Spaziergang abzuholen. Nick merkte gleich, daß auf dem Gesichte der Freundin nicht mehr die verklärende Sonne des Ausfluges nach Kilchberg stand. Hatte sich wohl zwischen ihr und Keller schon eine Uneinigkeit ereignet? – Marie aber fragte hastig: »Hat dir Ulrich geschrieben?« Die Blässe stürzte ihr ins Gesicht, als sie von seinem unerklärlichen Schweigen vernahm. »Was einem die beiden Brüder für Sorge bereiten!« seufzte sie. »Friedrich meldet, daß seine Verlobung mit dem Fräulein, von dem sie beide so viel Aufhebens machten, zurückgegangen sei und er jetzt in Basel arbeite. Schon nach vierzehn Tagen zurückgegangen! Warum? Über die Ursache kein Wort! Und warum sind die Brüder nicht beieinander geblieben? Wir wissen es nicht! Uli, der seine Briefe so leicht schreibt, regt sich mit keiner Zeile weder gegen mich noch gegen die Eltern. Die sind auch furchtbar beunruhigt – es ist unverantwortlich!«