Durch Zürich läutete das Totenglöcklein der Cholera. Da und dort hing an einer Haustüre der gelbe Zettel, daß darin ein Kranker liege; es gab Gäßchen, da hingen sie Haus an Haus. Die meisten Läden waren geschlossen, auch jeder Raum, in dem sonst die Leute zusammenkamen, und das öffentliche Leben erlosch vollends, seit nicht nur die Armen, sondern auch angesehene und wohlhabende Einwohner der Stadt der Seuche zum Opfer fielen. Einige starben sogar aus bloßer Furcht vor ihr. Wer über die Straße ging, hielt sich ein Riechmittel unter die Nase, der Freund grüßte den Freund nur noch von fern, und vor Besuchern verriegelte man das Haus. Mutige Männer holten die Leichen ab, doch kein Geleite folgten den Särgen auf die Friedhöfe, auch solchen Gestorbenen nicht, die andern Krankheiten erlegen waren.
Nick war also der Frage überhoben, ob sie der inzwischen dahingeschiedenen Frau Wasmer das Geleit geben wolle oder nicht.
Langweilig schlichen auch für sie die Tage. Am liebsten hätte sie wieder einmal ihre Jugendheimat am Rhein besucht, aber sie wußte schon: jetzt würde selbst der ehemalige Liebling des Städtchens schlecht aufgenommen. Überall auf dem Lande war eine mißtrauische und feindselige Stimmung gegen alle Leute, die aus der Stadt kamen; an ein paar Orten waren solche sogar von den Weibern mit Steinwürfen zurückgetrieben worden.
Was nun? Sie stand am Fenster und schaute in die verödete Gasse hinab, in die der helle Nachmittagssonnenschein fiel, und auf den alten Garten zwischen den Giebeln. Die sich färbenden Früchte an ein paar Obstbäumen deuteten schon gegen den Herbst. Nicht einmal Glorian Rollenbuz holte sie mehr zu einem Spaziergang ab, der tat nun in Basel Buße für seine Liebesanwandlung. Und wo war John Wildholz geblieben? Auf einen Brief von ihr hatte er nicht mehr geantwortet. Warum nicht? –
Da ging der Klingelzug, und als sie sich über das Fenster vorbeugte, kam ein für den Ernst der Tage unzeitgemäß freudiger Ruf unter einem breitrandigen Sommerhut hervor. »Nick! Wenn du ein Stündchen Zeit hättest!« Sie erkannte die Stimme Maries. Es war das erste Mal, daß die Freundin nach ihr sah. Nick stülpte sich den Hut auf den Kopf, ging die Treppe hinab und rief der Wartenden zu: »Das ist aber eine liebe Überraschung!« »Wenn man nichts zu tun hat?« lächelte Marie. »Kein Gast läßt sich blicken. Mein Vorschlag ist, wir gehen an den See, mieten ein Boot und rudern uns so weit hinaus, wie die Cholera niemals fliegen kann, und dann erzähle ich dir – lauter Verliebtes und Verlobtes!« Schelmerei und Übermut sprühten aus ihrem frischen Gesicht.
Als sie durch mancherlei Gäßchen und Winkel das Wasser erreicht hatten und das Boot bestiegen, zog Marie die leichten, durchbrochenen Handschuhe aus und griff zu den Rudern. Da rief Nick: »Ei, du trägst einen Ring – du bist verlobt!«
Marie, die auf diesen Augenblick gespannt hatte, lächelte selig: »Ich – und mein Bruder Friedrich auch! Meine Eltern bekommen jetzt einen Schwiegersohn und eine Schwiegertochter auf einmal ins Haus. Denke dir!« Sie ruderte aus der Limmat in den See, den eine leichte Brise kräuselte. »Wir müssen die Richtung gegen den Kirchturm von Kilchberg nehmen. Dort am Ufer wartet der Liebste auf mich. Er weiß, daß ich mit dir komme, und freut sich auf deine Bekanntschaft. Ich habe ihm schon manches von dir erzählt.«
»Wer ist's denn?« forschte die auf dem Hinterbrett sitzende Nick ungeduldig.
»Du kennst ihn nicht,« erwiderte Marie, verträumtes Glück im Gesicht. »Es ist ein Lehrer an den städtischen Schulen, Heinrich Keller mit Namen. Wenn du ihn siehst, wird zwar dein erster Gedanke sein, daß ich nicht stark auf Schönheit geschaut habe. Was tut's? Er ist ein rechter, tüchtiger Mann, von allen, die ihn kennen, geachtet. Das hat mir auch mein alter Professor gesagt. Heinrich stammt aus einfachen Verhältnissen, seine Eltern, die mich besucht haben, sind schlichte Bauersleute im Unterland, die Mutter trägt noch die Tracht, das rote Mieder der Wehntalerin. Brüder und Schwestern arbeiten ebenfalls auf dem Feld, er allein hat studieren können. Nur unter Entbehrungen, aber er hat sich durchgerungen und ist von einer kleinen Stelle auf dem Land so jung wie noch selten einer in die Stadt berufen worden. Wir kennen uns nun schon ein Jahr, meine Liebe ist langsam gekommen, und mein Jawort habe ich ihm erst vor etlichen Tagen gegeben. In der anfänglichen Verwirrung wollte in den Häusern der Cholerakranken niemand die Ärzte unterstützen. Da tat er es, und dieser Mut hat mir so gefallen, daß ich ihm an jenem Abend das Ja gab, an dem er sich an die Spitze der Freiwilligen stellte. Du scheust dich hoffentlich nicht, mit ihm zusammenzutreffen: er ist sehr vorsichtig und hat, wenn wir ihm begegnen, einen weiten Verluftungslauf über die Berge hinter sich.«
Einen Augenblick gruselte es Nick doch, so nahe an die Seuche heranzutreten; aber sie wollte sich an Tapferkeit nicht von Marie übertreffen lassen, sie lachte nur: »Du fährst einen falschen Kurs, wir kommen nach Küsnacht statt nach Kilchberg. Darf ich einmal rudern?« Sie wechselten.