So wie ich mein Zimmer eingerichtet, wandere ich zu Fuss nach der mir noch unbekannten Südseite der Insel. Zunächst tritt der ursprüngliche Charakter des öden Felseneilands noch deutlich hervor; aber hier, wie überall in englischen Colonien, sind die Wege vortrefflich. Sie sind das Werk der zahlreichen chinesischen Uebelthäter, die von den südlichen Provinzen des Reiches der Mitte, wo ihnen der Boden unter den Füssen zu heiss geworden, nach dem bequemen Zufluchtsort Hongkong geflohen, hier aber sich so ausgezeichnet haben, dass die englische Regierung ihnen wohl freie Wohnung und Nahrung auf längere Zeit bewilligte, jedoch gleichzeitig mit mildem Zwange sie ersuchte, durch Anlegen von Strassen sich möglichst nützlich zu machen.

Ferner hat man erfolgreiche Versuche unternommen, Föhren anzupflanzen. Der Zickzack-Weg führt erst bergab, dann bergeben, endlich wieder gegen die Südküste zu bergauf. Aber schon auf dem ersten Theil hat man eine schöne Aussicht auf die mit Gebäuden gekrönten Hügel der Südküste und das jenseitige Meer; vor der Küste liegt ein künstlicher Teich für die Wasserleitung, der dem fernen Beschauer in derselben Ebene zu liegen scheint, wie das Meer, in der That aber mehrere hundert Fuss höher liegt.[270] An der Südküste finde ich auf steilem Hügel in beherrschender Lage ein grosses Gebäude in gothischem Stil; ein langbärtiger, etwas blasser Herr raucht auf hohem Balcon behaglich seine Pfeife und erwiedert meine Frage, ob ich eintreten könne, mit bejahender Handbewegung. Aber die Sprache ist hier französisch, — zum zweiten und vorletzten Male auf meiner Reise, auf der ich allerdings französische Colonien nicht berührt habe. Es ist Bethanie, eine Heilstätte für die französischen Missionäre in China und Hinterindien, wo sie von Fieber und Ruhr Genesung und Erholung suchen. Die Herren waren, wie immer die katholischen Priester, ausserordentlich liebenswürdig und auch sehr gebildet, denn der Verkehr mit den verschiedensten Menschen und in den verschiedensten Ländern kann nicht verfehlen, einen sehr günstigen Einfluss auszuüben.

Der Blick schweift in die Weite, auf das südchinesische Meer, haftet in der Nähe auf dem herrlichen Garten voll tropischer Blumen und Sträucher; namentlich fesselte mich die Pflanzung der feigenähnlichen Melonen- oder Papaya-Bäume, deren Früchte ein Verdauungs-Ferment enthalten.[271] Das letztere wird ja in der Heilkunde verwendet, erstlich bei Verdauungsstörungen, zweitens, um krankhafte Ausschwitzungen (diphtherische Beläge) zu bepinseln und aufzulösen. Aber die Asiaten, welche weder Physiologie noch Heilkunde verstehen, haben doch, wie mir der Priester erzählte, die Wirkung der Pflanze kennen gelernt und benutzen die Blätter, um zähes Fleisch verdaulicher zu machen: was um so bemerkenswerther scheint, als die wirkliche Heimath der ganzen Gattung (Carica) im tropischen Amerika zu suchen ist.

Nach dem Spaziergang von 2×3 km, der in den Tropen mehr bedeutet als bei uns, mundete mir das Frühstück vortrefflich. Danach wanderte ich zu Fuss bergab, um die öffentlichen Gärten Hongkongs, die auf halber Höhe liegen, kennen zu lernen. Der Garten ist mit grossem Geschick terrassenförmig angelegt. In der Mitte der Hauptterrasse, die eine hübsche Aussicht auf Meer und Ufer gewährt, steht ein grosser Springbrunnen. Seine Bronze-Nymphen sind allerdings mittelmässig, aber das Becken ist mit Papyruspflanzen geziert. Hier kann man die Bevölkerung Hongkongs studiren. Die Europäer sind allerdings hauptsächlich durch Kinder und vereinzelte Väter vertreten; aber die sogenannten Portugiesen (Mischlinge) erscheinen schon in grösserer Zahl und höheren Altersstufen, gelbbräunliche Mädchen mit krausem, schwarzem Haar; am zahlreichsten sind natürlich die Chinesen, nicht bloss Kinder, Männer und Frauen, sondern auch einzelne feine Herren in blauseidenem Gewande, mit tadellosem Zopf und Englisch.

Aber die Hauptsache sind in dem Garten die Pflanzen. Palmen verschiedener Art, Akazien mit wundersam feinem Fiederblattwerk, australische Farn, indische Feigenbäume, chinesische Rosen und duftende Michelien entzücken den Europäer eben so sehr, wie sie den daran gewöhnten Asiaten gleichgiltig lassen.

Einer der herrlichsten stundenlangen Spaziergänge mit prachtvollen Aussichtspunkten ist Bowen road. Dieser Weg führt über den verdeckten Canal, welcher von einem künstlichen Teich, östlich von Hongkong, die Stadt mit gutem, frischem Wasser versorgt.

Die folgenden Tage gaben mir reichlich Musse, in meinem Zimmer und an den schönen Aussichtspunkten einige gute Bücher über China zu lesen, die der Herr General-Consul mir verschaffte und aus seinem reichen Erfahrungsschatz erläuterte; auch versorgte er mich mit deutschen Zeitungen, die bis zum 24. September reichten und zu meiner grossen Beruhigung das Freibleiben Berlins von der Cholera-Seuche meldeten.[272]

Natürlich, von China wissen wir ebenso wenig, wie von Japan, und glauben erst recht, diese Kenntniss nicht zu gebrauchen. Aber das ist eine sehr beschränkte Weltanschauung. Womit lassen wir die Neuzeit beginnen?

„Pulver, Compass, Buchdruck und Amerika.“ Aber

„Pulver kannten die Chinesen,