In dem Krankenhaus gelang es mir auch, die verkrüppelten Füsse einer (ganz blinden) Chinesin zu sehen, aber nur mit vieler Mühe, nach langer Ueberredung; denn sie sind ebenso schamhaft, ihren Fuss, wie unsere Frauen, ihren Körper zu entblössen.
Die Zehen des Fusses werden bei den kleinen Mädchen nach unten eingebogen, — wie wenn man die Finger in die Handfläche hineinbeugt, — und in dieser Stellung durch Binden festgehalten.
Der Schuh der erwachsenen Chinesin ist nicht grösser, als bei uns der eines einjährigen Kindes, aber die Ferse bleibt draussen. Die Chinesin geht also auf der Rückenfläche der Zehen, selbstverständlich nicht sicher, und braucht einen Stock oder eine Magd als Stütze.
Von allen Modethorheiten des Weiberputzes ist dies eine der unsinnigsten. Die Frauen aus dem Volke in Canton und Hongkong, die für ihre Familie so tüchtig sorgen, lassen sich auf diesen Unfug nicht ein.
Vom Krankenhaus fuhren wir nach den Blumen-Gärten in der westlichen Vorstadt. Hier wird der Zwergwuchs der Bäume künstlich gepflegt, und aus Sträuchern die verschrobensten Gestalten gebildet, wie Menschen, Delphine, Schiffe; die Köpfe, Augen und sonstige Theile sind aus Thon gebildet und eingesetzt.
Nachmittags um 5 Uhr bestiegen wir wieder den Dampfer, beobachteten, dass auch die Chinesen im Perlfluss rothe und grüne Signallaternen zur Bezeichnung des Fahrverkehrs unterhalten, und gelangten um Mitternacht in den prachtvoll erleuchteten Hafen von Hongkong zurück.
Am nächsten Morgen entnehme ich auf Grund meines (von der Berliner Discontogesellschaft ausgestellten) Creditbriefes Reisegeld auf der Bank von Indien, China und Australien und kaufe in dem Geschäftshaus der P. & O. meine Fahrkarte Hongkong-Colombo für 175 Dollar. Der Dampfer „Brindisi“ wird am 27. October abfahren. Ich habe mehrere Tage ohne genügende Beschäftigung in Aussicht. Das ist auf solcher Reise nicht zu vermeiden. Die Zahl der Dampfer ist doch zu klein. Ich hätte am 19. October mit dem französischen Dampfer (M. M.) abfahren können; dann würde ich Hongkong im Fluge und Canton gar nicht gesehen haben. So aber hatte ich genügend Zeit und besuchte sogar das Museum von Hongkong, im Stadthaus, was die ansässigen Landsleute weidlich bespöttelten. Ich fand auch keinen Europäer ausser mir, aber viele Chinesen. Das Museum wird grossentheils durch freiwillige Beiträge unterhalten, ist täglich von 10–5 Uhr offen, ohne Eintrittsgeld, und enthält: 1. culturgeschichtliche Sammlungen, wie Modelle chinesischer Dschunken und Sampan, Gebrauchsgegenstände aus Formosa, Timur, Japan; 2. zoologische Sammlungen, wie Vögel, Schlangen, Insekten aus Asien; endlich 3. Seltsamkeiten, wie von Insecten ganz und gar zerfressene Holzpfeiler, und eine japanische Meermaid. (Es ist ein Fisch, verbunden mit dem geschnitzten Oberkörper eines Mädchens.)
Nach dem Frühstück fahr ich auf den Pik mit der Drahtseilbahn. Die Dampfmaschine, welche das Drahtseil bewegt, steht oben; in der Mitte ist eine kleine Ebene, wo der von unten und der von oben kommende Wagen aneinander vorbeifahren. Die Erhebung ist ziemlich steil.[266] Die Kunst der Anlage wird hier in Asien sehr bewundert. Uns Europäer fesselt mehr die Aussicht von den offenen Wagen, die unvergleichlich schön ist, auf den von Schiffen und Booten wimmelnden Hafen, die kleineren Inseln, die gegenüberliegende Küste, wie auf die gartengeschmückte Vor- oder Oberstadt mit ihren stattlichen Wohn- und Landhäusern; Abends auf ein Lichter-Geflirr, das wie ein geschmackvolles Feuerwerk aussieht. Oben auf der Pass-Höhe (Gap)[267] befinden sich, ausser Polizei- und Telegraphen-Station sowie Halteplätzen für Kuli mit Tragsesseln, Palankin und Reiteseln, mehrere neue geräumige und vornehm gehaltene Hotels, die ersehnten Zufluchtsstätten für die europäische Colonie, während der heissen Zeit vom Mai bis October. Leider sind es mehrere, der Wettbewerb schmälert den Verdienst, zumal in einer solchen Zeit der Geschäftsstille, wie jetzt gerade, wo der fallende Werth des Silbers in den Silberländern Ostasiens sich sehr fühlbar macht.[268] Das beste ist Mt. Austin Hotel. Entzückend ist die Aussicht von dem Haus wie von mehreren eigens hergerichteten Ruhebänken in der Nähe desselben auf das gegenüberliegende Festland von China mit den Werften und Schiffen von Cawloon, auf das eben auftauchende chinesische Städtchen gleichen Namens, berühmt durch seine kleinen und zierlichen Spielhöllen, auf die Inseln der Meeresstrasse und die wohlgebaute Stadt Victoria nebst ihrem reichgefüllten Hafen. Noch umfassender ist die Aussicht vom eigentlichen Pik (1800 Fuss), wo eine Signalstange errichtet ist und Kanonenschüsse beim Eintreffen der Postdampfer abgefeuert werden. Hier sieht man mehr von der Stadt Victoria, namentlich von dem westlichen Chinesenviertel; sowie auch von der Rückseite des Höhenzuges bis zum Südufer der Insel. Ein reicher Hindu hat hier einen hübschen Aussichtsthurm und einen gutgepflegten Garten zum Vergnügen des Volkes gestiftet.
Abends schlendre ich noch, mit einer amerikanischen Familie von der Empress of Japan, durch die Hauptstrassen des Chinesenviertels von Hongkong und besuche das Chinesen-Theater. Aber wir verstanden das Lustspiel nicht recht, trotz des Dolmetschers, den der amerikanische Herr angenommen, — ein vornehmer Jüngling heirathet nicht die Reiche, welche die Eltern ihm ausgesucht, sondern eine Schönere; — und verliessen unsere theuren Logenplätze, (jeder hatte 1 Dollar zu zahlen,) da dicht neben uns einige Kuli Platz nahmen, die nichts als Hosen anhatten. Der braune, kräftige Oberkörper erschien zwar dem ärztlichen Auge wohlgebildet und ebenmässig; aber unsre Dame war mit der Nachbarschaft weniger zufrieden.
Sonnabend, den 22. October Vormittags, ziehe ich aus dem unordentlichen Fuchsbau des Hongkong-Hotel hinauf nach Mount Austin, wo ich ein schönes Zimmer im ersten Stock, vorn mit eignem Balcon, hinten mit eignem Bad, nebst guter Verpflegung (natürlich ohne Wein) für 6 Dollar täglich erhalte. Mein Nachbar ist unser ebenso erfahrener und gelehrter, wie liebenswürdiger General-Consul Budler,[269] der nach Beendigung seiner amtlichen Thätigkeit hier oben an einem „deutschen“ Stammtisch seine Mahlzeiten zu nehmen pflegt. Die Bewohner des Hotels erhalten Tageskarten zur beliebigen Benutzung der Drahtseilbahn für 40 Cts., während sonst jede einzelne Fahrt 25 Cts. kostet.