Nachmittags um 4 Uhr konnte Herr Ah Cum von uns sich verabschieden, da er seine Aufgabe gelöst. Ich glaube seiner Führung und der Stadt Canton ganz gerecht geworden zu sein, indem ich die Sehenswürdigkeiten mit fortlaufenden Nummern bezeichnet habe.

Nach dem Mittagsessen bei Herrn Melchers liessen wir uns nach den Blumenbooten fahren. Das gilt für eine der grössten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jeder Reisende wird dorthin geführt, viele haben es beschrieben. Ich kann mich ganz kurz fassen. Es sind grosse Boote, die dicht am Ufer und so nahe bei einander verankert sind, dass man zu Fuss von dem einen zum andern spazieren und diese schwimmende Vorstadt des Vergnügens bequem betrachten kann. Die ausserordentlich prächtigen Cajüten, von deren Decken Blumenkörbe herabhängen, stehen meist offen, man sieht einen oder mehrere offenbar wohlhabende oder wenigstens freigebige chinesische Herren beim Mahle oder beim Gläschen sitzen, in Gesellschaft von einer oder mehreren „Künstlerinnen“, die allerdings mit dem breiten, weiss geschminkten Gesicht, der ganz straff anliegenden Haartracht, den grossen Ohrringen und dem ausserordentlich gezierten Wesen uns wenig anmuthig vorkommen, wie auch ihr Guitarrengeklimper uns nicht sonderlich zusagt. Aber Würde und Anstand werden gewahrt, besser als in den Ball-Häusern der grossen Stadt Paris und andrer Weltstädte. Auch von dem fremden Reisenden wird erwartet, dass er der Würde des Ostens Rechnung trage und seine Blicke nicht allzu neugierig umherschweifen lasse.

Am nächsten Vormittag (Donnerstag, den 20. October) fuhren wir in dem Boot unserer tüchtigen Chinesin nach dem Missions-Krankenhaus. Unterwegs hatten wir Gelegenheit die schwimmende Vorstadt von Canton kennen zu lernen.

Jedes Boot ist Heimstätte einer Familie. Ueber 300000 Menschen leben auf dem Fluss und haben niemals eine Wohnung auf dem Lande gehabt. Dieser Zustand hat von Geschlecht auf Geschlecht sich vererbt. In regelmässigen Strassen liegen die Boote verankert; jedes hat eine eigne Boje, die leicht wiederzufinden ist. In der kleinen und niedrigen Cajüte schläft die Familie. Auf dem hinteren Ende striegelt Morgens die Frau ihre Kleinen und bereitet das Frühmahl. Der Mann geht auf Arbeit, die Frau sucht mit der Wasserdroschke Nebenverdienst.

Es giebt auch Flussbettler, die nie an’s Land kommen, namentlich Aussätzige mit verstümmelten Händen, die noch eben das Ruder und die Stange führen können: sowie der Dampfer sich zur Abfahrt füllt, erscheint der Bettler in seinem Boote unter kläglichem Geschrei und erhebt eine lange Stange mit einem kleinen Beutelchen, in welches der mildherzige Fremde eine Münze wirft.[263]

Das Missions-Krankenhaus ist eine seltsame Einrichtung. Es gewährt religiöse Belehrung, ärztliche Hilfe und medizinischen Unterricht. Der eigentliche Leiter, der alte und verdienstvolle Dr. Kerr, war nicht zugegen, wohl aber Herr Dr. Swan und Fräulein Dr. Niles, sowie zwei chinesische Gehilfen. Die Leidenden, welche für ihre Schmerzen Linderung suchen, müssen erst eine längere Predigt anhören, bis die ärztliche Thätigkeit beginnt. Die Kranken, welche aufgenommen werden, erhalten eine Pflege und Nahrung, wie sie einfacher und billiger nirgends in der Welt geliefert wird; 1267 in’s Krankenhaus aufgenommene Menschen wurden für 1800 Dollar verpflegt![264] Die Operationserfolge sind recht mittelmässig. 50 Fälle von Star-Schnitt lieferten 5 Verluste, 14 mittelmässige, 31 befriedigende Erfolge. Aber die „befriedigenden“, welche ich sah, haben mich nicht befriedigt.

Zwei junge Frauen im Alter von 20 Jahren wurden wegen (cystischer) Geschwulst im Unterleib operirt, beide starben, die eine vier, die andere fünf Tage nach der Operation. Natürlich ist dies eine kleine Reihe, aber der Eindruck auf die Chinesen, welche davon hören und an solche Eingriffe nicht gewöhnt sind, muss ein sehr peinlicher sein. So sehr ich geneigt bin, dem Opfermuth und der Schaffensfreude dieser Prediger-Aerzte meine Anerkennung zu zollen; die Verquickung von Frömmigkeit mit etwas Wundarzneikunst ist nicht geeignet, die Liebe der harten Chinesenherzen zu gewinnen. Mir schien es sehr zweckmässig, wenn ein gut geschulter deutscher Wundarzt in Canton ein rein ärztliches Krankenhaus eröffnete, um die Zuneigung der Himmlischen für unser Vaterland zu stärken. Auch Herr Generalconsul Budler, dem ich meine Ansicht mittheilte, war auf Grund seiner reichen Erfahrung schon lange zu derselben Ueberzeugung gekommen.

Je mässiger die Erfolge, um so seltsamer das übertriebene Selbstlob in dem gedruckten Bericht.[265]

Der ärztliche Unterricht, der in dem Krankenhaus chinesischen Jünglingen gewährt wird, kann natürlich nur mittelmässig sein; denn hier, wie überall heisst es, erst lernen, dann lehren: noch dazu wird er nur unter der Bedingung ertheilt, dass die Studenten zum Missionswerk sich verpflichten. Kurze Auszüge aus europäischen Lehrbüchern sind in chinesischer Sprache gedruckt und werden im Krankenhaus feilgehalten.