Endlich erreichten wir das Ende der Stadt und den hohen und breiten Wall (13), der oben neueres Mauerwerk mit Schiessscharten und Hunderte von unbrauchbaren, nicht einmal mit Lafetten versehenen Eisenkanonen enthält. Neugierig las ich die Inschriften und fand vielfach die Jahreszahl 1814; es ist altes Eisen, das nach den gegen Napoleon Bonaparte geführten Kriegen ausgemerzt und wahrscheinlich von den Herrn Engländern für theures Geld an die damals auf diesem Gebiete noch unwissenden Chinesen verkauft worden ist. (Heute sind die „Himmlischen“ gewitzigter und kaufen neue Kanonen von Herrn Krupp und stellen auch deutsche Lehrmeister der Kriegskunst an.) Auf einem mächtigen Granittisch, in dem kleinen Gärtchen eines Thorwächterhäuschens, wurde das vorsorglich mitgenommene Frühstück (14) ausgepackt, das, wie gewöhnlich, aus gebacknen Hühnern und gekochten Eiern bestand; aber auch einige Flaschen Bier und Rothwein einschloss.
Wir sprachen herzhaft zu, Herr Ah Cum würdevoll. Auch erbat er sich einen Dollar zur Speisung der 16 Träger, wahrscheinlich gelangte die Hälfte dieses Geldes in seine eigne Tasche.
Dicht neben unserem Ruheplatz befand sich der fünfstöckige Thurm (Pagoda, 15,) ein riesiger, schön geschnitzter Holzbau, mit leiterartigen Treppen zu dem Oberstock, wo der Gott des Krieges und der des Schriftthums, aus Holz geschnitzt und sorgfältig lackirt, friedlich nebeneinander sitzen, umgeben von lärmenden Kindern und theeschlürfenden Wächtern. Von hier aus hat man eine weite Aussicht: einerseits auf die riesige Stadt, aus deren gleichförmigen Häusermassen die französische Cathedrale stolz und fremdartig emporsteigt, gerade so wie die russische in Tokyo, und auf den belebten Fluss; andrerseits auf unendliche Reisfelder und zahllose Grabhügel mit halbmondförmigen, gemauerten Grabstätten. Da hatten wir das Vergnügen, die Uebung einer Truppe chinesischer Soldaten zu sehen: der General wurde natürlich in einer Sänfte getragen, der Oberst war zu Pferde, liess aber würdevoll das letztere von einem Fussgänger am Zügel führen!
Der Rückweg brachte uns zunächst an einen Begräbnissplatz (16) reicher Fremden. Es sind für theures Geld gemiethete Grabhäuser, in denen geschmacklose, mit Flitter verzierte Püppchen stehen und die einfachen, aber dauerhaften, luftdicht verschlossenen Särge mit den Leichen, die hier so lange bleiben und von den Angehörigen besucht und verehrt werden, bis sie in die Heimathprovinz geschafft werden können. Obwohl die Särge ganz einfach sind und wie riesige Holzblöcke aussehen; so wird doch mit Lack grosser Prunk getrieben. Herr Ah Cum zeigte uns einen Sarg, der jeden Monat frisch lackirt wird und bereits 1500 Dollar gekostet hat. Die ganze Einrichtung wird verständlicher, wenn man berücksichtigt, dass in China kein höherer Beamter in derjenigen Provinz, in welcher er geboren ist, Anstellung findet; dass aber die Verehrung der Ahnen ein Begräbniss in der Heimath erfordert.
Hierauf gelangen wir in die Tatarenstadt (17), die eine besondere Umwallung besitzt.
Die Tataren sind, wie die Kosaken, Berufsoldaten, welche von dem stammverwandten Kaiser ihr Haus zum Lehn erhalten haben und mit Pferd und Waffen des Rufes gewärtig sind oder sein sollen. Denn die Pferde oder Ponnies, die man gelegentlich vor den einstöckigen Häusern sieht, sind recht verwahrlost. Die Tataren selbst mit ihren spitzen Gesichtern und herabhängendem Schnauzbart sehen den Slaven einigermaassen ähnlich.
Den Schluss der Besichtigungen macht ein chinesischer Club (18) der sehr prunkvoll eingerichtet ist, mit Holzschnitzereien, Gemälden, Springbrunnen, eingelegten Sesseln und Täfelung in den grossen Sälen.
Das Volksgewühl war Nachmittags noch grösser als Vormittags; aber alles ging ordentlich ab, der Polizist mit der alten Reiterpistole im Gürtel blieb ruhiger Zuschauer.
Der Nahrungsverkauf war in voller Blüthe, Thee, Reis, Gebäck, Fische, Spick-Enten, braungebratene (wie lackirte) Ferkelchen wurden allenthalben an den Mann gebracht. Raupen und Regenwürmer habe ich nicht gesehen und glaube, dass die Reisenden, welche davon sprechen, durch die herausgenommenen Eingeweide von Seethieren getäuscht worden sind.