Nachdem Herr Ah Cum durch den Versuch festgestellt, wie gross unsere Kauf-Kraft oder Lust war, brachte er uns zu der 2. Gruppe von Sehenswürdigkeiten, den Tempeln (II.), deren 800 in Canton sich befinden, aber nur zwei unseres Besuches für würdig erachtet wurden.

7) Der Tempel der 500 Genien oder Buddha-Schüler enthält, wie der Name besagt, 500 lebensgrosse, vergoldete Holzbildsäulen, von denen so manche uns lächerlich vorkommt. Eine Bildsäule trägt einen europäischen Hut und hat auch leidlich kaukasische Gesichtszüge und wird deshalb dem Reisenden mit besonderer Feierlichkeit als Marco Polo vorgestellt.

In der Nähe dieses Tempels ist der Edelstein-Markt. Die Chinesen schätzen den Nierenstein (Nephrit, englisch Jade), der aus dem Kuen-Lün Gebirge stammt, so hoch wie die Kaukasier den Diamant. Jeder Reiche schmückt sich und sein Weib mit Zierrath aus diesem Stein, Finger-Ringen, Armbändern u. dgl.; der Arme trägt Nachahmungen aus Glas.

8) Der Tempel des Schreckens zeigt eine gute Sammlung von Höllenmartern in plastischer Darstellung, das Kochen und Sieden der armen Seele, das Zersägen, Zerhacken, Zerstampfen. —

In einem Tempelthurm ist eine alte Wasseruhr. Vier Kupferbecken sind so übereinander aufgestellt, dass das Wasser von dem einen immer in das andere herabträufelt; in dem untersten ist ein Schwimmer mit Massstab. Der Wächter bezeichnet die Stunden durch weisse Tafeln mit grossen schwarzen Nummern. Zwei Mal am Tage wird das Wasser vom untersten Becken wieder in das oberste hineingefüllt. Die ganze Einrichtung war etwas schmutzig und schäbig, wie die meisten chinesischen „Tempel“, die ich gesehen. Doch hat man von hier eine hübsche Aussicht auf die Dächer von Canton.

Die dritte Art von Sehenswürdigkeiten (III) muss ich in Ermangelung eines besseren Namens als Vermischtes bezeichnen.

Natürlich wurden wir nach einem Gefängniss (10) geschleppt. Wer eine solche Besserungs-Anstalt im wirklichen Europa unsrer Tage oder in den altenglischen Staaten von Nordamerika oder in Neu-Japan besichtigt hat, kann Abscheu und Entrüstung nicht zurück halten, wenn er diesen niedrigen, schmalen, nur durch ein festes Gitter aus rohbehauenen Baumstämmen, nicht etwa durch eine Wand, von der Strasse abgetrennten Stall betritt, wo auf schmutziger Streu die halbverhungerten, auf Bettel- und Selbstbeköstigung angewiesenen, theils angeketteten, gelegentlich auch mit dem Kopf durch ein Holzbrett gestreckten Gestalten lagern und den Reisenden kläglich anbetteln. Ich eilte von dannen und hatte keine Lust, die „Marterwerkzeuge“ zu betrachten, die einer der Begleiter zu sehen verlangte und deren Existenz Herr Ah Cum würdevoll in Abrede stellte. Denn trotz aller Selbsteingenommenheit beginnen die Chinesen ihrer Strafvollstreckung sich zu schämen, wenigstens wenn Europäer dieselbe in Augenschein nehmen wollen. Auch die Zahl der Hinrichtungen (vom Gefängniss zum Richtplatz ist nur ein Schritt in China,) hat in letzter Zeit erheblich abgenommen.

Die Hinrichtungsstätte (11) ist eine Töpferwerkstatt auf einer schmalen Strasse. Der Töpfer holte flugs, als wir erschienen, einen Schädel aus einem Sack und öffnete die linke Hand für das Trinkgeld. Wohlweislich hatte ich Herrn Ah Cum bedeutet, dass wir das Köpfen eines Menschen keineswegs für ein sehenswerthes Schauspiel hielten; aber er hatte mich vollständig beruhigt.

Squeezi Pidgin oder Quälgeschäft heisst in dem englisch-chinesischen Kauderwälsch Ostasiens eine Gerichtsverhandlung; so könnte aber mit vollem Recht auch die chinesische Staatsprüfung genannt werden. Da sind in der Prüfungshalle (12) 12000 oder gar 15000 käfigartige Zellen vorhanden, in denen die unglücklichen Prüflinge streng abgeschlossen und im Schweisse des Angesichts ihre Kenntnisse von den „Klassikern“ zu beweisen haben. Kaum 150 von den 10000 erreichen alljährlich das Ziel, in die höhere Beamten-[262]Laufbahn hineinzuschlüpfen. Mit grosser Ehrfurcht zeigte uns ein Bogenschütze das ungeheure, jetzt ganz leere Gebäude, das auch uns Europäern, und mir insbesondere, der ich schon 23 Jahre als Universitätslehrer wirke, die grosse Wahrheit predigte: Prüfungen sind ein schreckliches, aber leider unvermeidliches Uebel.