Um 8 Uhr pünktlich erschien, laut der Abends zuvor mit seinem Sohne getroffenen Verabredung, Herr Ah Cum, Canton City Guide, wie auf seiner Visitenkarte zu lesen ist, ein würdevoller alter Chinese mit Käppchen, Seidengewand und Filzstiefeln, den unvermeidlichen Fächer anmuthig mit der dürren Rechten bewegend. Er brachte, für sich und für uns drei, vier Sänften und 16 Träger mit. Vergeblich suchte ich, als der älteste der kleinen Gesellschaft, ihm unsren Feldzugsplan klar zu machen; wir wollten zwei volle Tage der Besichtigung Cantons widmen und Alles langsam und behaglich betrachten.

Mit überlegener Würde bewegte er seinen Fächer und sagte, er kenne das besser, wir würden das Alles sehr gut in einem Tage sehen. Er hatte Recht.

Erstlich sind die Sehenswürdigkeiten weder zahlreich noch entzückend für den Reisenden; zweitens kauft der letztere am zweiten Tage doch nichts mehr in den Läden, in welche er geschleppt wird: also fehlt der Nebenverdienst für Herrn Ah Cum Wohlgeboren. Uebrigens war die Schluss-Rechnung, die er machte, als mässig zu bezeichnen. Die Besichtigung, die er uns verschaffte, schnurrte so regelmässig ab, wie eine Rundfahrt in einem Caroussel.

Erstaunlich ist die Menschenanhäufung in den engen, kaum drei Schritt breiten, mit Granitschwellen gepflasterten und mit unzähligen farbigen, senkrecht herabhängenden Aushängeschildern geschmückten Geschäftsstrassen, durch welche unsre Träger nur mit Mühe und stetem Geschrei sich durcharbeiten. Zuerst kommt die Sänfte des Herrn Ah Cum, dann die meine, darauf die des Herrn Bischoff, dessen achtunggebietende Hühnengestalt die Ladenburschen zum Schweigen bringt, während sie nach der letzten Sänfte, des Jüngsten unter uns, öfters die Fäuste ballten und Schimpfworte ausstiessen. Wegen der Enge der Strassen und des steten Gewühls erscheint uns die ganze Stadt wie ein einziger Volks-Auflauf.

Was wir besuchen, sind I) Läden. Zuvörderst (1) einen, wo die bekannten Reispapier[261]-Malereien feil geboten werden. Ich kaufe ein Dutzend, welche chinesische Trachten, bis zu den kostbarsten, darstellen, für den billigen Preis von 90 Cts.; während die eifrigst angebotenen Hinrichtungsscenen meinen Beifall nicht finden. Unser Meister Hildebrandt hat sehr abfällig geurtheilt über diese Pinseleien. Natürlich ist der Kunstwerth sehr gering; aber der Preis ist es auch. Ein Künstler macht den Umriss, ein zweiter malt das Gesicht, ein dritter die Hände, ein vierter das Gewand. (Bessere Leistungen sah ich bei dem Miniaturmaler in Hongkong, bei dem ich meine Photographien kaufte.)

Sodann (2) kommt die Klein-Mosaik-Arbeit. Auf Spangen und andere Schmuckgegenstände von gepresstem Metall werden winzige Stückchen von Vogelfedern, die blau und purpur schimmern, mit höchster Geduld und Sorgfalt aufgeklebt. Damen, welche Halsketten aus kleinen, verschiedenfarbig strahlenden Muscheln tragen, werden auch an diesem Schmuck Gefallen finden.

Hierauf folgt (3 u. 4) Seiden-Weberei und Seiden-Stickerei. Die erstere wird auf dem Handwebstuhl betrieben, die letztere nur von Männern ausgeführt. Die besseren Läden haben alle ein Oberlicht-Fenster, ausserdem steht die Thür offen, so dass es nicht an Licht fehlt.

Beim Schwertfeger (5) sah ich dieselbe Uebung wie in Japan, abgeschliffene Haifischhaut auf die Holzscheiden geklebt.

Der Elfenbeinschnitzer (6) endlich suchte riesengrosse Schachfiguren, Fächer und Essstäbchen-Bestecke an den Mann zu bringen, sowie in einander geschachtelte Hohlkugeln, deren Herstellung uns ebenso überflüssig wie unbegreiflich vorkommt. Sie sind nicht etwa zusammengeleimt, sondern werden von aussen nach innen zu gearbeitet; sind auf der Oberfläche der soliden Elfenbeinkugel zwei kreisförmige Löcher bis zu einer gewissen Tiefe hergestellt, so wird mit eisernem Geisfuss der Zwischenraum zwischen den Löchern untergraben u. s. w.